Sterbehilfe – humaner Akt oder Geschäft?

Das Bundesverfassungsgericht hat organisierte Sterbehilfe erlaubt. Wir haben mit Menschen rund um Bremen gesprochen, die selbstbestimmt sterben wollen.

Video vom 26. Februar 2020
Käthe Nebel mit dem Sterbeberater Peter Puppe am Tisch.

Käthe Nebel ist 89 Jahre alt. Die Oldenburgerin lebt noch eigenständig, doch ihr Augenlicht schwindet. Sie trifft sich regelmäßig mit Peter Puppe aus Bremen und die beiden tauschen sich aus über ein schwieriges Thema: den Freitod. Käthe Nebel ist im Verein Dignitas, ein Verein für Selbstbestimmung bis zum Lebensende. Für die pensionierte Lehrerin steht fest, dass sie über ihren Tod und den Zeitpunkt selbst entscheiden will. Den Mut zu einer Selbsttötung habe sie. "An den lieben Gott glaube ich nicht", sagt Nebel. Aber was ist, wenn sie tatsächlich vor dem Suizid steht? "Das zeigt sich doch erst in der wirklichen Situation und wenn ich dann kneife, dann würde ich mich vor mir selber schämen", meint die Seniorin.

Eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2015, nach der Geschäftemacherei durch Sterbehilfe verhindert werden sollte, hält Nebel für einen Fehler. "Mein Recht auf Selbstbestimmung wird mit Füßen getreten", sagt sie. Das Bundesverfassungsgericht hat nun entschieden, dass das im Paragraphen 217 Strafgesetzbuch (StGB) festgelegte Verbot der "geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid" gegen die Verfassung verstößt. Geklagt hatten unter anderem selbsternannte Sterbehelfer.

Sterbeberatern droht Strafe

Der Bremer Peter Puppe ist seit 2005 als sogenannter Sterbeberater tätig. Damals begleitete er einen Menschen zum Suizid in die Schweiz. Seit der Gesetzesänderung macht er das nicht mehr, berät aber viele Menschen, wie er sagt. Der pensionierte Lehrer aus Bremen meint, die Beratung sei ein humaner Akt, eine Lebenshilfe. Er vermittle Kenntnisse über selbstbestimmtes Sterben.

Sterbehilfe
Käthe Nebel und Sterbeberater Peter Puppe treffen sich regelmäßig.

Die Situation nach der Gesetzesänderung von 2015 sei absurd, meint Puppe. Besorgt ein Angehöriger einen freiverkäuflichen Stoff, an dem man sterben kann, bleibt er nach der Gesetzeslage straffrei. Der professionelle Helfer hingegen, der Alternativen aufzeigen könne, gehe für drei Jahre ins Gefängnis, berichtet Puppe.

Er fordert die Rücknahme der Gesetzesänderung, so wie es das höchste deutsche Gericht nun auch entschieden hat. Er möchte, wie im Fall eines 90-jährigen Mannes, die Menschen in die Schweiz begleiten und seine Vermittlungsdienste anbieten, dazu die Beratung. Macht er nicht dabei Geschäfte mit dem Suizid? "Nein, ich verlange keine Honorare", sagt Puppe. "Ich sage auch nie, was ich dafür brauche. Ich erwarte nur meine Kosten, und wenn jemand mir darüber hinaus etwas zuwenden möchte als Geschenk, dann bin ich nicht abgeneigt, das anzunehmen."

Angehörige versuchen, Entscheidung zu akzeptieren

Henry Gerlach ist 59 Jahre alt und leidet an PLS, einer Unterform der neurologischen Krankheit ALS, eine Erkrankung des motorischen Nervensystems. PLS verläuft zwar langsamer als ALS, doch die Krankheit ist ebenfalls nicht heilbar. Den ehemaligen Lagermeister verlässt langsam die Kraft. Er will selbst entscheiden, wann und wo der Tod herbeigeführt werden soll. Er möchte in Würde sterben. "Ich möchte meiner Familie nicht zur Last fallen. Ich möchte nicht ernährt werden, keine lebenserhaltenden Maßnahmen", sagt Gerlach.

Sterbehilfe
Henry Gerlach ist unheilbar krank und will selbst über seinen Tod entscheiden können. Mit seiner Frau Bärbel hat er viel darüber diskutiert.

Ein Foto im Wohnzimmer zeigt ihn als kräftigen, lebensfrohen Mann – das war vor zehn Jahren mit seiner Familie am Strand. Jetzt sitzt er im Rollstuhl und ist auf Hilfe angewiesen. Seine Frau Bärbel möchte weiter für ihn da sein, ihn auch pflegen. Doch ihr Mann hat sich festgelegt. "Dann werde ich es akzeptieren müssen, weil er voll und ganz dahinter steht. Wir haben viel darüber diskutiert und ich weiß, dass er das durchzieht, wenn er die Möglichkeit hat", sagt Bärbel Gerlach.

Henry Gerlach hätte gern seinen Hausarzt dabei, der ihn kenne. Ärzte allerdings sollen Leben bewahren. Es gilt der hippokratische Eid, eine ethische Richtlinie, zu der sich alle Ärzte bekennen müssen. Die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung besagen: "Die Tötung des Patienten hingegen ist strafbar, auch wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgt." Und: "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe."

Palliativmedizin als Alternative zur Sterbehilfe?

Hans-Joachim Willenbrink ist Mediziner und hat am Klinikum Links der Weser in Bremen die Palliativstation mit aufgebaut. Grundsatz dabei ist, Menschen zu helfen, die unheilbar krank sind. Ihre Lebensqualität gilt es zu verbessern. Palliativmediziner arbeiten dabei eng mit Pflegenden, Angehörigen, Seelsorgern und Sozialarbeitern zusammen. Hier und auch bei entsprechend ausgebildeten Hausärzten sieht Willenbrink die Möglichkeit, Menschen zu unterstützen, die aus dem Leben scheiden möchten. Nicht bei Sterbeberatern, deren Geschäftsmäßigkeit auf Wiederholung angelegt sei, wie Willenbrink sagt: "Einzelne Menschen, die eine bestimmte Profession haben, die aber nichts mit einer medizinischen Werte-Ethikdiskussion zu tun haben, die haben da nichts zu tun."

Arzt Hans-Joachim Willenbrink schaut in die Kamera.
Hans-Jochim Willenbrink hat am Klinikum Links der Weser in Bremen die Palliativstation mit aufgebaut.

Der Arzt hätte gern gesehen, dass der Paragraph 217 StGB so bestehen bleibt, wie er ist, und eine Diskussion geführt wird, um die Sterbehilfe in Deutschland neu zu denken. Die Palliativmedizin sei eine Alternative zur Sterbehilfe. Bei entsprechender Expertise könnten Menschen aus ihrem Leben begleitet werden. "Ich bin der Meinung, wenn die Möglichkeit zu Abgabe einer Substanz aus vernünftigen Gründen gegeben ist und es keinen anderen Ausweg für diesen Menschen gibt, dann soll ein Arzt in Begleitung mit Pflegenden und Angehörigen jemandem das verabreichen dürfen", sagt Palliativmediziner Willenbrink.

Autor

  • Holger Baars

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Februar 2020, 19:30 Uhr