Stillstand im Mercedes-Werk: So sehr ächzen Bremer Zulieferer darunter

Mercedes-Mitarbeiter montiert Reifen an ein Fahrzeug (Archivbild)
Bild: DPA | Uli Deck
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Immer wieder stehen bei Mercedes die Bänder still, weil wichtige Bauteile fehlen. Die Produktionsstopps bekommen auch Zulieferfirmen und deren Beschäftigte zu spüren.

Bremens größter privater Arbeitgeber, das Mercedes-Werk Bremen, fährt seit Monaten immer wieder Kurzarbeit. Ab Montag stehen wieder die Bänder still und rund 8.000 der 12.500 Beschäftigten müssen für drei Tage in Kurzarbeit. Auch Leiharbeiter müssen gehen – mehr als 300 allein in der kommenden Woche. Es sind die Folgen von Lieferschwierigkeiten von Einzelteilen und des weltweiten Chipmangels.

Seltener berichtet wird über jene rund 4.000 Beschäftigte, die rund um das Mercedes-Werk als Dienstleister und Zulieferer Daimlers arbeiten. Mehr als 40 Unternehmen und Betriebe sind der Bremer Wirtschaftsförderung zufolge direkt mit dem Mercedes-Werk verknüpft. Sie fertigen Scheinwerfer, Sitze, Dachsysteme oder Elektronik für C-Klasse, E-Klasse, den SUV GLC und Daimlers Elektrowagen EQC.

Bis zu 400.000 Autos werden so in Spitzenzeiten in Bremen pro Jahr gebaut. In diesem Jahr werden es wegen der Lieferengpässe aber wohl nur 230.000 sein. Und das hat unmittelbare Folgen für zahlreiche Zulieferer im Hemelinger Gewerbepark Hansalinie, der an das Mercedes-Werk angegliedert ist. Zu den großen Zulieferern gehört auch der Leuchtenhersteller Hella. In dessen Bremer Werk arbeiten derzeit 430 Mitarbeiter. Für Daimler fertigt das Unternehmen in Bremen beispielsweise Regenlicht-Sensoren und ultraschall-basierte Öl-Sensoren.

200 Mitarbeiter managen Knappheiten im Markt

"Aufgrund des massiven Rückgangs der weltweiten Fahrzeugproduktion ist aktuell rund ein Drittel der Hella-Belegschaft in Bremen für ein bis zwei Tage pro Woche in Kurzarbeit", sagt Unternehmenssprecher Markus Richter. So wie Daimler kämpfe auch Hella als weltweit aufgestellter Zulieferer täglich darum, ausreichend Halbleiter und andere Elektronikkomponenten für die eigene Fertigung zu beziehen.

Weltweit sind bei uns aktuell rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit beschäftigt, die Knappheiten im Markt zu managen.

Markus Richter, Sprecher Hella

Andere Zulieferer, mit denen buten un binnen gesprochen hat, berichten Ähnliches. Namentlich genannt werden wollen sie allerdings nicht – zu groß sei die Abhängigkeit vom Daimler-Konzern, heißt es dort. Produktionskürzungen bei Mercedes schlügen sich für die im Gewerbepark Hansalinie ansässigen Zulieferer und Dienstleister eins zu eins in der Auftragslage nieder. Kurzarbeit bei Daimler bedeutet somit Kurzarbeit auch bei den Zulieferern. Wobei die Logistiker noch unmittelbarer betroffen sind als die Komponentenfertiger, die ihre Produktion zum Teil strecken können oder auch für andere Automobilkonzerne fertigen.

Zähe Verhandlungen mit Mercedes

Auch die Informationen liefen bei Daimler spärlich, berichten von buten un binnen befragte Zulieferer. Der Konzern informiere meist eine Woche im Voraus, ob Teile und Dienstleistungen gebraucht werden. Verhandlungen der Zulieferer mit dem Mercedes-Werk darüber, wer mögliche Verluste durch Ausfälle trägt, verliefen ebenfalls zäh.

Die Situation schlägt sich auch finanziell bei den Mitarbeitern der Zulieferer nieder. Denn das staatliche Kurzarbeitergeld beträgt nur rund zwei Drittel des Nettolohns. "Einige Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge sehen aber immerhin eine Aufstockung auf um die 80 Prozent durch die Arbeitgeber vor", sagt Stefanie Gebhart, bei der IG Metall Bremen zuständig für Automobildienstleister und Zulieferer.

Bislang kein Abbau von Stammbelegschaften

Einen generellen Personalabbau bei Stammbelegschaften sieht Gebhardt derzeit zwar nicht. Dennoch sei es so, dass sich vor allem jene Mitarbeiter umorientierten, die beispielsweise als Leiharbeiter stärker vom Auf und Ab der Automobilindustrie betroffen seien. "Wenn Mercedes dann irgendwann wieder voll produziert, werden wieder alle Mitarbeiter bei Dienstleistern und Zulieferern gebraucht – und dann fehlt dieses Personal möglicherweise."

Vor 2023 dürfte es allerdings nicht so weit sein, glaubt Gewerkschafterin Gebhardt. Auch der Mercedes-Zulieferer Hella rechnet auf kurze Sicht mit keiner nachhaltigen Entspannung am Halbleitermarkt. "Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen der aktuellen Marktengpässe voraussichtlich bis ins Jahr 2023 reichen werden", sagt Hella-Sprecher Richter.

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Video vom 18. Juni 2021
Eine Festplatte an der noch gearbeitet wird für ein elektronisches Gerät.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Oktober 2021, 23:30 Uhr