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Sind Bremens Abgeordnete echte "Volksvertreter"?

Als Flüchtling aus Afrika oder als jüngster Abgeordneter ins Parlament: Solche Geschichten machen Schlagzeilen, sie klingen nach gelebter Demokratie und Vielfalt. Aber wie bunt ist die Bremische Bürgerschaft wirklich? Wie ähnlich sind die Politiker den Bremern? Die 83 Abgeordneten im großen Daten-Check.

Blick auf die Bremische Bürgerschaft.
Die Bürgerschaft in Zahlen – wie sehr sind die Abgeordneten eigentlich ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Wenn die Abgeordneten im Plenarsaal über Verkehrskonzepte oder ein Hundeverbot an Badeseen diskutieren, wünscht sich Joachim Steinbrück manches Mal den Realitäts-Check: "Was das für Menschen mit Behinderung bedeutet, wenn Ampeln abgebaut werden oder Blindenhunde nicht mehr an den Badesee dürfen, haben die Abgeordneten manchmal gar nicht auf dem Schirm", erzählt der Landesbehindertenbeauftragte. "Die Perspektive wird oft einfach vergessen." Denn im Parlament sitze aktuell kein Abgeordneter mit einer körperlichen Behinderung.

Dabei sollte das Parlament eigentlich ein Querschnitt der Bevölkerung sein, findet auch Parlamentspräsident Christian Weber: "Was draußen passiert, wird ins Parlament reingetragen und spiegelt sich dann in unserer Arbeit, in unseren Debatten. Das ist der Spiegel der Realität."

Wie es draußen ist, soll es drinnen sein. So stelle ich mir das vor. Und das könnte noch etwas besser sein.

Christian Weber, Präsident der Bürgerschaft

Der typische Bremer Abgeordnete

83 Abgeordnete sitzen im Bremer Landtag. Von einem echten Querschnitt der Bremer Bevölkerung ist die Bürgerschaft in vielen Punkten weit entfernt. Der typische Bremer Abgeordnete ist 51 Jahre und männlich. Nur rund ein Drittel der Sitze ging an Frauen. Dabei liegt der Frauenanteil in Bremen bei 51 Prozent. Und in manchen Stadtteilen wie Gröpelingen, Tenever oder der Neustadt sind die Bewohner im Schnitt gerade einmal 40 Jahre alt.

Das Parlament insgesamt im vergleich zur Bremer Bevölkerung

Bremens Frauenbeauftragte Ulrike Hauffe findet den niedrigen Frauenanteil nicht in Ordnung: "Ich finde, es kann nicht sein, dass ein Parlament nicht das widerspiegelt, was eine Gesellschaft hat, nämlich die Hälfte Frauen. Und es muss auch alles dafür getan werden, dass wir in der Bürgerschaft und in den anderen Landtagen diese Repräsentanz hinbekommen."

Auffällig ist auch: Die meisten der Bremer Abgeordneten sind Akademiker. Dabei hat in Bremen im Schnitt nur jeder Vierte das Abitur gemacht. Der Durchschnitts-Bremer mit mittlerem Schulabschluss und Berufsausbildung ist im Parlament kaum vertreten.

Das Parlament insgesamt im vergleich zur Bremer Bevölkerung

Die "Lieblingsberufe" der Abgeordneten unterscheiden sich entsprechend deutlich vom Bremer Durchschnitt: Überrepräsentiert im Parlament sind Juristen sowie der öffentliche Dienst. Lehrer, Pädagogen, Polizeibeamte trifft man häufig in der Bürgerschaft. Handwerker dagegen selten.

Was Abgeordnete verdienen

Für ihre Arbeit im Parlament bekommen die Abgeordneten monatlich 4.700 Euro brutto plus 750 Euro Rentenvorsorge. Fraktionsvorsitzende oder der Parlamentspräsident beziehen 11.750 Euro. Einige zahlen einen Teil ihrer Diät an die Fraktion für Büros oder Ausstattung. Bei anderen kommen noch Einkünfte aus ihren regulären Jobs oben drauf. Denn die Bremische Bürgerschaft ist ein sogenanntes "Teilzeit-Parlament".  

Im Vergleich mit dem typischen Bremer verdienen Abgeordnete damit gut. In der freien Wirtschaft liegt das Durchschnittseinkommen bei 4.117 Euro im Monat für eine volle Stelle. In der Gastronomie sind es nur rund 2.000 Euro.

Wer im Parlament fehlt

Neben Frauen und jungen Menschen, sind auch Migrantinnen und Migranten sowie Menschen mit einer körperlichen Behinderung in der Bürgerschaft unterrepräsentiert. Bei der letzten Wahl haben es nur 17 Abgeordnete ins Parlament geschafft. Das entspricht etwa 20 Prozent der Sitze. In Bremen (Stadt) liegt der Anteil laut Statistischem Landesamt aktuell aber bei etwa 32 Prozent.

Das Parlament insgesamt im vergleich zur Bremer Bevölkerung
Quelle: Bremische Bürgerschaft / Bürgerschafts-Fraktionen und Gruppen / Bremisches Amtsblatt

Doch was bedeutet es, wenn bestimmte Lebenswelten und Lebenserfahrungen im Parlament nicht vertreten sind? Andreas Klee, Politikwissenschaftler der Uni Bremen, sagt, die Gesellschaft in einem Parlament eins zu eins abzubilden sei unrealistisch. Aber: "Die Parteien sind gut beraten immer wieder zu versuchen, viele unterschiedliche Menschen einzubinden. Das ist ja auch die Idee, dass sie dadurch ihre Politik in Ämtern legitimieren. Das ist für eine funktionierende Demokratie unabdingbar." 

Auch der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück wünscht sich mehr Offenheit: "Wenn ich denke: da ist im Parlament 'einer von uns', dann ist das eine Person, an der ich mich orientieren kann und mit der ich reden kann. Die Integrationskraft vom Parlament wäre dann einfach größer."

  • Grit Thümmel

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 15. Juni 2017, 6:45 Uhr