"Kurzatmige Entscheidung": Kritik an Bremer Schulkonzept

Der Beschluss des Bremer Senats zur Organisation des Schulunterrichts während des Lockdowns bis Mitte Februar findet nur wenig Zuspruch. Eltern, Lehrer und Opposition sind nicht zufrieden.

Ein Lehrer unterrichtet Deutsch in einer Klasse, die wegen Corona geteilt wurde.
Wechselunterricht bis zum 14. Februar, aber ohne Präsenzpflicht. Das ist das Konzept des Bremer Senats. Bild: Imago | Mattias Christ

Im Kern ändert sich nicht wirklich Grundlegendes gegenüber der derzeitigen Lösung. Also: In den Kitas gibt es ein Betreuungsangebot. Die Eltern werden jedoch gebeten, dieses nur zu nutzen, wenn sie da dringend drauf angewiesen sind. Die Gruppen in den Einrichtungen bleiben streng getrennt.

In der Schule gilt weiter das Prinzip "Öffnung ohne Präsenzpflicht". Die Eltern können also entscheiden, ob sie ihr Kind in der Schule oder zu Hause lernen lassen. In den Grundschulen, Förderzentren und Klassen 5 und 6 gibt es für jene, die in die Schule kommen "ein eingeschränktes unterrichtliches Präsenzangebot im täglichen Wechselmodell und in Halbgruppen". So geht es auch ab Klasse 7 weiter, ergänzt um die Regel, dass prüfungsrelevante Inhalte in der 10. Klasse und der Oberstufe "verbindlich gesichert" wird. Dazu gibt es Wechselunterricht in Halbgruppen, hier allerdings ohne den Zusatz "täglich"; es sind also längere Zyklen möglich, in denen die Gruppen in die Schule können.

Bildungssenatorin Bogedan verteidigt Bremer Schulbeschlüsse

Video vom 21. Januar 2021
Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

GEW: Reiner Distanzunterricht wäre besser

Aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) krankt der Beschluss auch an den Inhalten, vor allem aber am Zeithorizont. Es sei wieder nur eine kurzatmige Entscheidung für zwei Wochen, kritisiert die GEW-Vorstandssprecherin Elke Suhr:

Wir wollen eine zuverlässige Lösung, die bis Ostern greift.

Elke Suhr von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Elke Suhr, Landesvorstandssprecherin GEW

Daneben aber findet auch der Inhalt keine Zustimmung bei ihr. Die Aufhebung der Präsenzpflicht bei gleichzeitigem Angebot des Unterrichts in der Schule führe zu einer untragbaren Doppelbelastung für die Lehrkräfte. Zudem sei das "ein tägliches Hin und Her und nicht planbar". Oft genug erführen Lehrkräfte erst am Vorabend, dass die Klasse am nächsten Tag da ist – oder eben nicht. Und der Unterricht müsse gleichermaßen im Klassenzimmer wie auch online sichergestellt werden. Die GEW wünscht sich das Modell "Distanzunterricht mit Notbetreuung". Auch dann könnten Eltern ihre Kinder in der Not in die Schule schicken, der Unterricht sei aber konsequent auf Nicht-Anwesenheit ausgelegt und die Schüler in der Schule würden dort wie ihre Klassenkameraden zu Hause die gestellten Aufgaben abarbeiten.

ZEB: "Ausgewogene Lösung"

In einem Klassenzimmer einr Grundschule sitzen drei Schüler und zwei Erwachsene Personen.
Nur wenig Schüler in der Klasse: Der Effekt der Halbgruppen. Bild: DPA | Sina Schuldt

Die Elternschaft sieht es etwas entspannter als die Lehrer-Gewerkschaft. Der Sprecher des Zentral-Eltern-Beirats (ZEB), Martin Stoevesandt, erkennt den Zwiespalt des Senats, weil er ihn auch selbst in sich spürt. Der ZEB nehme die Infektionsgefahr sehr ernst. Und gleichzeitig "nehmen wir auch das Bildungsschicksal unserer Kinder sehr ernst". Bei der Lösung sei "Augenmaß" bewiesen worden; sie trage beiden Zielen – soweit es derzeit eben ginge – Rechnung. Richtig findet Stoevesandt, dass für die Grundschüler der tägliche Wechsel der Halbgruppen vorgesehen ist. Das bräuchten die kleineren Kinder. Ab Klasse 7 dann ist es "der Kreativität der Schule" überlassen, in welchem Rhythmus die Gruppen tauschen – das könne in dem Alter auch funktionieren.

FDP: Halbgruppen in die Schule

Für die FDP-Fraktion in der Bürgerschaft geht der Beschluss komplett in die falsche Richtung, sagt der bildungspolitische Sprecher Hauke Hilz:

Wir brauchen die Verbindlichkeit, indem über die Schulpflicht vom Staat entschieden wird.

Hauke Hilz
Hauke Hilz, FDP

Das bedeutet: Nach Ansicht der Liberalen sollte es laufend verpflichtenden Präsenzunterricht in Halbgruppen geben. Es könne nicht den Eltern überlassen werden, ob ihre Kinder in die Schule gehen. Und die Lehrkräfte bräuchten ein verlässliches System, in dem sie ihren Unterricht vorbereiten können. Ob das bedeutet, dass die Heim-Halbgruppe per Video in den Präsenzunterricht zugeschaltet wird oder aber im Stillen Aufgaben lösen müsse, könne den Schulen und Lehrkräften überlassen werden. Aus infektiologischer Sicht ergebe sich kein Problem: Mit den Halbgruppen entstehe genügend Platz an den Schulen und mit Masken lasse sich das Ansteckungsrisiko weiter senken.

CDU: Reine Kosmetik

Von einem "reinen Trauerspiel" spricht die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Yvonne Averwerser. Denn: "Im Prinzip ändert sich nichts." Noch immer gelinge es dem Senat nicht, einen vernünftigen Ausgleich zwischen Kontaktminimierung einerseits und Bildungsgerechtigkeit andererseits zu finden. Letztlich handele es sich nur "um reine Kosmetik". Die Schulleitungen und Lehrkräfte würden mit ihren Sorgen weiter allein gelassen. Und die Eltern wiederum könnten Probleme bekommen, wenn sie ihr Kind zu Hause halten wollen und daher nicht zur Arbeit könnten. Denn der Arbeitgeber könne immer darauf verweisen, dass die Schulen ja offen sind und es mithin gar kein Betreuungsproblem gebe.

SPD: Guter Kompromiss

Die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Gönül Bredehorst, hingegen sieht in der Entscheidung einen "guter Kompromiss, denn er berücksichtigt die Erfordernisse des Infektionsschutzes und deren restriktivere Auslegung." Und dennoch bekämen die Schüler ein gutes inhaltliches Angebot. Ausufernde "physische und psychische Folgen geschlossener Schulen" würden so vermieden

Grüne: Maß gehalten

Für die Grünen bietet der Beschluss hingegen doch eine echte Verbesserung: "Ich begrüße die Entscheidung, über alle Schulstufen hinweg in das Wechselmodell beziehungsweise in den Halbgruppenunterricht zu wechseln," so der bildungspolitische Sprecher Christopher Hupe. Dabei blendet er nicht aus, dass dies nicht ohne Folgen bleibt:

Es ist allerdings auch klar, dass mit dem Wechselmodell die Belastungen von Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder steigen.

Christopher Hupe
Christopher Hupe, Grüne

Doch gerade die britische Mutation des Corona-Virus mache es erforderlich, weiter den Infektionsschutz in den Mittelpunkt zu stellen.

Linke: Guter Mittelweg

Die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Miriam Strunge, stützt den Senatsbeschluss: "Kinder brauchen die direkte Ansprache durch Lehrerinnen vor Ort, in der Schule. Schule ist aber nicht nur ein Lernraum, sondern auch ein sozialer Raum, in dem Kinder mit anderen Kindern spielen können und Jugendliche sich austauschen." Daher sei es richtig, den Präsenzunterricht zu stärken. Ihrer Ansicht nach hat der Senat so den richtigen Mittelweg zwischen Pandemieschutz und Bildungsauftrag gefunden. Eine "Lösung auf Dauer" aber könne auch dieses Konzept nicht sein: "Wir müssen insbesondere in den Grundschulen zeitnah einen täglichen Schulbesuch ermöglichen, denn Kinder zahlen mit jedem Tag, den sie nicht in die Schule dürfen, einen hohen Preis."

Schule in Bremen: Zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling

Video vom 21. Januar 2021
Ein junges Mädchen sitzt an einem Tisch zu Hause und macht Hausaufgaben, vor ihr steht ein Laptop.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Januar 2021, 19:30 Uhr