Verschärft digitaler Unterricht die Kluft zwischen arm und reich?

Corona zwingt die Schulen in Bremen und Bremerhaven zum Fernunterricht. Doch Lehrkräfte sehen die Probleme – Endgeräte seien ungleich verteilt, Lernprogramme nicht für alles geeignet.

Zwar ist die Oberschule an der Schaumburger Straße seit Mitte März geschlossen – wie alle Bremer Schulen zu Zeiten der Corona-Pandemie. Der Lernstoff aber gehe ihm dennoch nicht aus, stellt Neuntklässler Sandro fest. So versorgten ihn seine Lehrer über die Lernplattform "itslearning" mit Aufgaben. "Ich finde ganz gut, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann", beschreibt Sandro die Vorzüge des digitalen Lernens. Er fügt allerdings gleich hinzu: "Ich arbeite nicht so motiviert und produktiv wie sonst."

Aber in der Praxis haben wir natürlich Hemmungen, bei jeder Kleinigkeit Lehrer anzuschreiben.

Lucia, Schülerin in Bremen

Ähnlich äußert sich seine Schwester Lucia. Sie besucht die Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee, bereitet sich mit "itslearning" auf die Abitur-Prüfungen vor. Zwar würde auch sie hinlänglich von den Lehrern mit Aufgaben versorgt, sagt sie. Und natürlich könnten ihre Mitschüler und sie immer im Chat oder per Email Fragen stellen, wenn sie etwas nicht verstünden. "Aber in der Praxis haben wir natürlich Hemmungen, bei jeder Kleinigkeit Lehrer anzuschreiben", räumt Lucia ein. "Der Austausch mit Mitschülern und Lehrer ist einfach nicht derselbe wie im Klassenzimmer."

Statt 8.000 jetzt 45.000 Bremer Nutzer

Seit fünfeinhalb Jahren nutzen die Schulen im Land Bremen "itslearing": ein Lehr- und Lernmanagementsystem aus Norwegen. Grundsätzlich funktioniere das richtig gut, findet Oliver Bouwer vom Zentrum für Medien am Landesinstitut für Schule. Bremen gehöre in puncto Digitalisierung der Schulen zu den fortschrittlicheren Bundesländern. Bouwer sagt aber auch: "Als itslearning entwickelt worden ist, hat man nicht an den Schutz vor einer Seuche gedacht."

Keine Lernplattform könne leibhaftigen Schulunterricht ersetzen. Diese Systeme dienten lediglich der Lernbegleitung. Gleichwohl habe sich "itslearning" zuletzt enormer Beliebtheit in Bremen erfreut. Hätten vor Ausbruch der Corona-Pandemie täglich 8.000 bis 10.000 Schüler und Lehrer im Zwei-Städte-Staat auf die Plattform zugegriffen, so seien es zuletzt 45.000 Nutzer gewesen: "Ausgerechnet in den Ferien", wie Bouwer betont.

Genau wie er, so glauben auch Ingrid Brücker-Götz und ihr Stellvertreter Michael Rohdenburg, dass digitaler Unterricht nur bedingt geeignet ist, um Schülern neuen Stoff zu erklären. Die Leiter der Oberschule an der Helgolander Straße in Bremen-Walle haben zwar frühzeitig dafür gesorgt, dass das gesamte Kollegium "itslearning" intensiv nutzt. So sehr sie aber die Digitalisierung der Waller Schule vorangetrieben haben, sind sie sich doch der Grenzen des Fernunterrichts bewusst.

"Wir sind eben nicht Schwachhausen"

"Lernplattformen wie itslearning eignen sich sehr gut, um etwas zu wiederholen", findet Rohdenburg. Auch könne man mithilfe der Plattformen technische Abläufe wunderbar organisieren. Der klassische Unterricht aber lasse sich auf diese Weise nicht ersetzen. Umso weniger, als das selbstständige Arbeiten von daheim den Schülern oftmals mehr Disziplin und Struktur abverlange, als man unbedingt von allen Jugendlichen erwarten dürfe.

Die arbeiten dann schon mal mit einem Prepaid-Handy.

Ingrid Brücker-Götz, Leiterin Oberschule an der Helgolander Straße

Noch schwerer aber wiegt aus Sicht von Brücker-Götz, dass nicht alle Schüler daheim über einen Computer und über W-Lan verfügten. "Die arbeiten dann auch schon mal mit einem Prepaid-Handy", sagt die Schulleiterin. Einer schulinternen Befragung zufolge müssten sich zudem etwa 15 Prozent der rund 490 Schüler an der Helgolander Straße ein Gerät mit Eltern oder Geschwistern teilen, um überhaupt von zu Hause aus digital arbeiten zu können. Noch dazu lebten viele ihrer Schüler in kleinen Wohnungen, wo sie – gerade zu Zeiten der Corona-Pandemie – selten ungestört seien. "Wir sind eben nicht Schwachhausen", sagt Brücker-Götz dazu.

GEW fordert Endgeräte für alle Schüler und Lehrer

Wie die Schulleiterin aus Bremen-Walle, so sieht auch die Landesvorstandssprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bremen (GEW), Elke Suhr, die Bildungsgerechtigkeit durch den unfreiwilligen Trend zum Fernunterricht an den Schulen gefährdet. "Die Schere geht extrem auseinander", sagt Suhr. Gerade in Bremerhaven sei Armut unter den Kindern sehr verbreitet, längst nicht alle hätten einen Internetzugang oder gar ein eigenes Endgerät. Suhr bezeichnet diese Jungen und Mädchen als "bildungsbenachteiligt".

Die Gewerkschafterin leitet eine klare Forderung an die Politik aus dem Dilemma ab: "In Bremen gilt die Lehrmittelfreiheit", sagt sie. "Daher müssten alle Lehrer und Schüler in Bremen und Bremerhaven Endgeräte mit Internetdaten zur Verfügung gestellt bekommen, zumindest ab der fünften Klasse."

Suhr betont aber auch, dass man nicht den Fehler machen dürfe, die Digitalisierung an den Schulen im Zuge der Corona-Pandemie ausschließlich mit Fernunterricht zu verbinden. "Eigentlich müsste man den Kindern erst einmal beibringen, was es heißt, vernetzt zu sein", sagt sie. Das könne man auch ohne Computer, beispielsweise mit Übungen im Sportunterricht. Dafür aber mangele es an Bremens Schulen an Konzepten.

Zu lange gewartet?

Einen Mangel an Konzepten wirft Lydia Müller, zweite Vorsitzende des Zentral-Elternbeirats Bremerhaven, den heimischen Schulen zwar nicht vor. Allerdings kritisiert sie, dass sich Bremerhaven zu viel Zeit dabei gelassen habe, "itslearning" zu etablieren. "Nicht alle Lehrer und Schüler können damit umgehen", sagt sie. "Wir waren nicht schnell genug." Auch vermisst Müller Lösungen für die vielen Familien, die technisch nicht gut ausgestattet sind.

Nicht alle Lehrer und Schüler können damit umgehen.

Lydia Müller, zweite Vorsitzende des Zentral-Elternbeirats Bremerhaven

Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher des Zentraleltern-Beirats Bremen, hat unterdessen festgestellt, dass es keinesfalls allein die technische Ausstattung der Elternhäuser sei, an der die Arbeit mit Lernplattformen wie "itslearning" im Land Bremen kranke. Auch kann er nicht bestätigen, dass sich die Probleme mit dem Fernunterricht auf die Schulen ärmerer Stadtteile beschränkten.

Filme statt Bücher

"Gerade Lehrer, die es gewohnt sind, dass ihre Schüler funktionieren, tun sich zur Zeit unheimlich schwer", glaubt er. So seien ihm insbesondere von Eltern einiger Schüler humanistischer Gymnasien Beschwerden darüber zu Ohren gekommen, dass manch ein Lehrer mit der digitalen Technik heillos überfordert sei.

Gerade Lehrer, die es gewohnt sind, dass ihre Schüler funktionieren, tun sich zur Zeit unheimlich schwer.

Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher Zentral-Elternbeirat Bremen

Ganz und gar nicht überfordert mit der Technik fühlen sich dagegen Lucia und ihr Bruder Sandro. Der Neuntklässler von der Oberschule an der Schaumburger Straße hat mit Freuden festgestellt, dass der Anteil der Videos an den Unterrichtsmaterialien auf der Lernplattform deutlich höher ist, als er es vom konventionellen Schulunterricht gewohnt ist. So könne er über die Plattform allein auf 46 Filme zum Ersten Weltkrieg zugreifen. "Ich finde schon, dass gute Filme Bücher ersetzen können", sagt er dazu. Auch dank der Filme käme er notfalls noch eine Weile ohne den Unterricht im Klassenzimmer zurecht.

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. April 2020, 19:30 Uhr

Archivinhalt