Interview

Aufklärung und Pinkelbeete: So soll Bremens Hauptbahnhof sauber werden

Wie sehr der Müll den Bremern stinkt – und was sie selbst dagegen tun

Audio vom 16. Juli 2021
Menschen vor dem Hauptbahnhof Bremen
Weggeworfene Zigarettenkippen sind am und um den Bremer Hauptbahnhof ein Dauerproblem. Bild: Imago | Schöning
Bild: Imago | Schöning

Christian Modder ist künftig für die Sauberkeit an einem "Müll-Hotspot" zuständig. Da hat er mehrere Baustellen. Modder erklärt, was er plant und welche Hürden es dabei gibt.

Herr Modder, zum Start als Koordinator für Sauberkeit und Sicherheit: Was sind die größten Herausforderungen am Bremer Hauptbahnhof in puncto Sauberkeit?
Das größte Thema in dem Zusammenhang ist natürlich, dass den Hauptbahnhof täglich eine enorme Anzahl an Nutzern passiert: Fahrgäste, Anrainer, aber auch Menschen in prekären Lebenslagen, die den Bahnhof teilweise als ihr Wohnzimmer deklariert haben, und sich dort lange aufhalten. Das hohe Müllaufkommen bedeutet für die Bremer Stadtreinigung sehr viel Aufwand am Bremer Hauptbahnhof.

Ein Problem sind zum Beispiel Zigarettenkippen. Gemäß einer Studie landen zwei Drittel der Kippen auf dem Boden statt in einem Mülleimer. Das ist deshalb problematisch, weil das viele Folgen für die Umwelt hat: Die Filter werden von den Tieren aufgenommen und zum Beispiel für den Vogelnestbau genutzt, durch den Regen wird das Nikotin aus den Filtern gespült und verseucht das Wasser. Zu dem Thema gab es bereits einige Aktionen und es sind auch wieder welche geplant als "Kippen-Marathon" der Bremer Stadtreinigung vom 17. bis 24. Juli 2021. Wir wollen damit das Bewusstsein schaffen für die Folgen von herumliegenden Kippen. Denn viele Menschen denken gar nicht darüber nach, wenn sie ihre Kippen achtlos wegwerfen.

Die Stadtreinigung arbeitet ständig daran, ihre Müllsysteme zu optimieren. Sie wechselt beispielsweise viele hängende Abfallbehälter gegen größere Standbehälter aus. So ist auch am Hauptbahnhof die Anzahl und das Volumen der Behälter insgesamt erhöht worden.
Christian Modder
Christian Modder ist seit 1. Juli 2021 neuer Koordinator Sicherheit und Sauberkeit am Bremer Hauptbahnhof. Der 39-Jährige arbeitet seit 2003 bei der Bremer Polizei. Bild: Senator für Inneres
Welche anderen Schwerpunkte sehen Sie?
Ein weiteres Problem ist das öffentliche Urinieren. Am Bahnhof gibt es noch keine kostenlose, öffentliche Toilettenanlage, es kann sich aber auch nicht jeder leisten, einen Euro für die Toiletten im Bahnhof auszugeben. Also erleichtern sich immer wieder Menschen an anderen Orten. Es gab schon einige Ideen, das zu lösen, zum Beispiel über die "nette Toilette" (Bei der "netten Toilette" bieten Gastronomen ihre Toiletten zur Mitnutzung an und werden dabei von der Kommune finanziell unterstützt, Anm. d. Red.). Allerdings haben Imbissbetreiber, Gastronomen immer wieder festgestellt, dass die Toiletten dann missbräuchlich benutzt wurden und das Personal mit den unliebsamen Kunden überfordert war. Wir sind daher sehr froh, dass der Szenetreff der Inneren Mission für Suchtkranke und Wohnungslose ab 19. Juli wieder öffnen darf, nachdem er wegen der Pandemie lange geschlossen war. Dort gibt es eine kostenfreie Toilette.

Ansonsten sind wir fieberhaft auf der Suche nach einer passenden Lösung und dazu auch mit der Bremer Stadtreinigung und den Netzwerkpartnern der Sicherheitspartnerschaft im Gespräch. Eine öffentliche Toilettenanlage muss allerdings betreut werden. Sonst wird sie schnell zum Beispiel für Drogenkonsum zweckentfremdet.
Wie wollen Sie die vielen Menschen am Hauptbahnhof zum Mitmachen animieren?
Wir müssen immer wieder versuchen, Bewusstsein zu schaffen. Zum Thema der Zigaretten gab es schon viele Aktionen. Wir teilen auch immer wieder Taschenaschenbecher aus, um auf die Problematik hinzuweisen. Am Hauptbahnhof ist die Anzahl der Müllbehälter meiner Meinung nach sehr gut. Wer sagt, er hätte dort keinen Mülleimer gefunden, sucht nur nach einer Ausrede. Es ist nicht unser Ansinnen, die Menschen über ein Ordnungsgeld dazu anzuhalten, ihren Müll richtig wegzuwerfen, aber es gibt immer wieder Unbelehrbare, die Müll einfach fallen lassen. In diesen Fällen muss man dann eben so das Bewusstsein schaffen.

Um herumliegende, benutzte Spritzen von Drogenabhängigen im Bahnhofsumfeld zu minimieren, werden die Hotspots von Polizei und Streetworkern gemeldet und die Spritzen von der Bremer Stadtreinigung gezielt eingesammelt. Die Streetworker von Comeback organisieren mittlerweile Spritzensammelaktionen durch Abhängige selbst. Hilfreich für die Reduzierung des Spritzenaufkommens ist ein Spritzentausch, also für eine ausgegebene neue Spritze eine benutzte zurückzuerhalten. Es werden zum Schutz der Konsumentinnen und Konsumenten aber auch Spritzen ausgegeben werden müssen.

Da auch die vielen Anrainer in ihren Bereichen am Bahnhof für das Saubermachen zuständig sind, ist es manchmal nicht so einfach festzustellen, wer eigentlich wo genau sauber machen muss. Das könnte man besser aus einer Hand machen lassen und dann über eine Kostenbeteiligung regeln.
Der Bremer Hauptbahnhof ist kein Einzelfall, an Bahnhöfen in Deutschland ist Sauberkeit immer wieder Thema. Wie arbeiten Sie da zusammen?
Vernetzung ist da ein großes Thema. Wir haben Kontakte nach Hamburg, Hannover oder München. Die Universität Tübingen hat jetzt in einer Studie eine Art Werkzeugkasten vorgelegt. Darin sind Ideen enthalten, wie man unerwünschtem Verhalten an Bahnhöfen begegnen kann. Dem öffentlichen Urinieren zum Beispiel mit sogenannten Pinkelbeeten. Das sind laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über Rohre mit Klärteichen verbundene Flächen. So sollen spezielle Flächen entstehen, die mit Sichtschutz abgetrennt werden, und an eine umweltfreundliche Pflanzenkläranlage angeschlossen werden.

Laufschuhe, Mülltüten, Handschuhe: So funktioniert Plogging

Video vom 7. April 2021
Eine Person in Sportsachen trägt Handschuhe und hebt eine Maske vom Boden auf.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Verena Patel Redakteurin und und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 16. Juli 2021, 8:40 Uhr