Warum die Offshore-Windkraft boomt – nur nicht in Bremerhaven

Für viele in der Region wirkt die Offshore-Windkraftbranche tot. Doch die Windparks laufen auf Hochtouren. Warum bleibt vom Boom in Bremerhaven nichts hängen?

Video vom 28. September 2018
Eine Offshore-Windkraftanlage bei Sonnenuntergang.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Doch, manchmal knallen in der Windkraftbranche noch die Korken. So wie gerade erst in Emden: Dort wurde ein riesiges Versorgerschiff für den Windpark Bard Offshore 1 getauft. Die "Acta Auriga" wird viel zu tun haben, denn Bard 1 liefert Strom für hunderttausende Haushalte.

Nils Schnorrenberger
Bremerhavens Wirtschaftsförderer Nils Schnorrenberger Bild: Radio Bremen

Woanders herrscht eher Katerstimmung. Vor allem in Bremerhaven ist die Ernüchterung mit Händen zu greifen. Die Stadt galt lange als Gewinner der Windkraftbranche, doch viele Firmen haben sich mittlerweile wieder zurückgezogen. "Nach wenigen Jahren schon wieder zu sagen, wir stellen die Produktion wieder ein, das ist natürlich ein harter Schritt", sagt Bremerhavens oberster Wirtschaftsförderer Nils Schnorrenberger.

Das ist natürlich besonders für die Menschen schlimm, die auf den Werften zwei, drei, vier Insolvenzen mitgemacht haben und gehofft hatten, mit den erneuerbaren Energien bis zur Rente zu kommen.

Nils Schnorrenberger

Flaute in Bremerhaven, Power auf hoher See

In Bremerhaven wirkt die Windkraftbranche für viele tot. Doch sie ist es nicht. Die Windparks auf See laufen auf Hochtouren, erzeugen Strom, sie werden von hunderten Menschen betrieben und gewartet. Zu ihnen gehört der Ingenieur Jan Neumayr, der von Anfang an dabei war. "Wir haben hier sehr viel Pionierarbeit reingesteckt", erzählt er, und vieles sei heute ganz anders. "Man muss sich nicht mehr so abmühen mit dem Gepäck, vieles nimmt uns die körperliche Anstrengung ab".

Mit seinen Kollegen ist er für einen Windpark zuständig, der heute bis zu 400 Megawatt erzeugen kann – das reicht für bis zu 500.000 Haushalte. Das ist übrigens nur ein Zehntel der Energie, die alle 950 in der deutschen Nordsee stehenden Windkraftanlagen erzeugen können.

"So kann keine Industrie arbeiten"

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD)
Umweltminister Olaf Lies Bild: Radio Bremen

Die Krise der Windkraft-Branche betrifft die Parkbetreiber am wenigsten. Sie ist eher eine Krise der Anlagenhersteller. Die Politik hat das EEG-Gesetz, das die Subventionen für erneuerbare Energien regelt, schon mehrmals geändert. Das macht Zukunftsinvestitionen für viele uninteressant. Olaf Lies, Umweltminister von Niedersachsen, beklagt das: "So kann keine Industrie arbeiten. Wenn wir in Deutschland so Autos produzieren würden, wie wir das mit der Erneuerbare-Energie-Branche gemacht haben, dann hätten wir heute keine starke Automobilindustrie."

Politische Vorgaben, sagt Lies, hätten dazu geführt, dass wir hochqualifizierte Fachkräfte wieder verloren haben." Und damit habe man auch Produktion ins Ausland verlagert.

Genau das ist auch in Bremerhaven passiert: Zuletzt hat das Unternehmen Adwen fast ganz den Stecker gezogen. Nur einige Zulieferer und Ingenieurbüros sind noch da. Die Zahl von einst 4.000 Arbeitsplätzen ist auf geschätzte 1.200 geschmolzen.

Branche beobachtet die Märkte genau

Von einer sterbenden Branche will Heiko Stohlmeyer aber nicht sprechen. Er ist bei der Hamburger Wirtschaftsberatung Pricewaterhouse Coopers für erneuerbare Enegien zuständig und ist sich sicher, dass die deutschen Unternehmen die Märkte "sehr aufmerksam beobachten und entsprechend mitgehen. Ich glaube auch, dass die Regierung ein Interesse daran hat, dass die Unternehmen im Ausland erfolgreich sind."

Was das am Ende für die Region bedeutet, weiß niemand genau. Selbst Andreas Wellbrock, Geschäftsführer des Branchenverbands Windenergieagentur in Bremerhaven, ist skeptisch, dass langfristig ohne weitere Hersteller vor Ort zusätzliche Arbeitsplätze entstehen werden. "Ohne Industriearbeitsplätze wird es schwer", sagt er. Für das benachbarte Cuxhaven sieht es etwas besser aus, dort hat Siemens-Gamesa ein Werk eröffnet, 850 Jobs entstehen dort – während sie in Bremerhaven verloren gehen.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. September 2018, 19.30 Uhr

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