Queer in Bremen: Wie die Politik Diskriminierung bekämpfen will

Mitglieder der Bremer LGBTQ-Community sehen noch Verbesserungsbedarf im Kampf gegen Diskriminierung. Der Senat will mit einem queerpolitschen Beirat helfen.

Das Gebäude der Bremischen Bürgerschaft und davor die Regenbogenflagge (Bildmontage).
Um gegen Diskriminierung vorzugehen hat die Regierung einen queerpolitischen Beirat beschlossen. Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich, Jens Büttner

"Einerseits ist Bremen eine unglaublich tolerante Stadt", beschreibt Freddy Wenner die Situation für queere Menschen in Bremen. Sie identifiziert sich als Mitglied der queeren Community und engagiert sich in verschiedenen LGBTQ-Vereinen – für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer. "Aber es gibt eben auch Gewalt", fügt sie hinzu. Auch Christian Linker, Geschäftsführer des Rat & Tat Zentrums für queeres Leben, hat schon Anfeindungen und Anschläge auf die Räume des Zentrums erlebt – doch in den letzten Jahren sei die Solidarität spürbar größer geworden. "Ein Beispiel ist der Besuch im Weser-Stadion: Es gibt heute weniger Probleme, wenn man mit einem Regenbogenschal oder als homosexuelles Paar händchenhaltend auf die Tribüne geht", beschreibt er.

Um genau diese Solidarität zu bestärken, hatte im Jahr 2015 die damalige rot-grüne Regierung den "Landesaktionsplan gegen Homo-, Trans- und Interphobie" verabschiedet. Darin sind 69 Maßnahmen definiert, durch welche die Akzeptanz in verschiedenen Bereichen wie Schule und Arbeitswelt gefördert werden soll. Unter anderem geht es um das Weiterbilden von Lehrern und Erziehern, das Einrichten von Beratungsstellen und die Bereitstellung von Informationsmaterial.

"Alleine die Idee des Aktionsplans zeigt, dass das Thema präsent ist", sagt Linker. Außerdem sei es bemerkenswert, dass auch konservative Oppositionsparteien wie die CDU dem Plan damals zugestimmt hätten. "Da merkt man, dass es in der Bremer Politik eine breite Anerkennung für das Thema gibt", so Linker. Besonders nützlich für die Umsetzung sei, dass eigene finanzielle Mittel bereitstehen. "So können wir schneller auf aktuelle Dinge reagieren und auch kleinere Projekte umsetzen." Zum Beispiel hätte so eine Beratungsstelle für geflüchtete Menschen eingerichtet werden können.

Auswirkungen zeigen sich im Alltag

Und auch in der alltäglich Arbeit sehe er die Auswirkungen: "Unsere Jugendgruppe ist besser besucht als je zuvor", sagt Linker. "Und als wir zuletzt eine Broschüre über Regenbogenfamilien veröffentlicht haben, da gab es einen richtigen 'run' auf unsere Beratungsstelle." Daran könne man sehen, dass das Interesse und auch die Solidarität in der Gesellschaft gewachsen ist.

Dass sich etwas getan hat, das zeigt auch ein Bericht aus Jahr 2018. Von den 69 Maßnahmen des Aktionsplans hatte die Politik sich bis Ende 2017 mit 55 beschäftigt. Für die Arbeit in Schulen wurden zum Beispiel verschiedene Flyer und Broschüren erstellt und ein Koffer mit Materialien für den Unterricht konzipiert und verteilt.

Wir haben zum Beispiel eine Beratung des Trans-Recht-Vereins für transidentische Menschen im Haus, die wird förmlich überrannt. Wenn wir einmal im Monat Beratungen anbieten, kommen so viele Leute, dass sie stundenlang im Treppenhaus anstehen.

Christian Linker, Geschäftsführer Rat & Tat Zentrum Bremen

Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan: "Zuletzt war hier in Bremen die Haushaltslage sehr eng", sagt Linker. Insbesondere bei der Arbeit mit queeren Menschen mit Behinderung gebe es noch einiges zu tun: "Dort haben wir noch nicht viel umgesetzt. Es ist schwierig, Strukturen aufzubauen, auch, weil verschiedene Stellen zusammenarbeiten müssen", erklärt Linker. Auch Freddy Wenner sieht vor allem im knappen Geld das Problem. "In meinen Augen gibt es hier viel guten Willen. Aber es mangelt einfach an Zeit und Geld", sagt sie.

Queerpolitischer Beirat beschlossen

Um die Umsetzung des Aktionsplans weiter voranzutreiben, hat der Senat Ende September beschlossen, einen queerpolitischen Beirat einzuberufen. Mindestens vier Mal im Jahr sollen sich Parlamentarier, Vertreter der Ressorts und die Experten der einschlägigen Vereine treffen und der Politik mit Fachwissen zur Seite stehen. "Der Beirat wird ein wichtiges Gremium sein, um mit allen gesellschaftlichen Akteuren im Kontakt zu sein", sagt Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts. Unter anderem solle es bei dem Austausch um die Berücksichtigung queerpolitischer Aspekte in der Pflege und in der Gesundheitsversorgung gehen.

"Es gibt so viele verschiedene Gruppen mit verschiedenen Ansprüchen. Und alle haben verschiedene Themen, die ihnen wichtig sind", sagt Freddy Wenner. Dabei sei es eine Herausforderung, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. "Da ist dann die Frage: Kümmern wir uns zuerst um eine weitere Beratungsstelle oder um das Queerfilm-Festival. Das müssen wir abwägen, und das ist schwierig."

Um für solche Entscheidungen die Strukturen aufzubauen, haben sich jetzt einige Vereine, Interessierte und Vertreter der Politik zu einem ersten Vorgespräch getroffen. "Das war wie ein Kick-off. Wir haben alle auf den gleichen Stand gebracht und darüber gesprochen, wie wir zusammenarbeiten wollen", sagt Wenner, die das Treffen organisiert hatte. Bei einem weiteren Termin im kommenden Jahr werde weiter daran gearbeitet, um für die erste offizielle Beiratssitzung bestens vorbereitet zu sein. Ein offizielles Datum für diese gibt es aber noch nicht.

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 27. November 2019, 23:30 Uhr