Endstation Frust: So leiden Pflegekräfte unter dem Krankenhausalltag

Ein Bremer Bündnis kämpft für mehr Krankenpfleger und -pflegerinnen in städtischen Kliniken. Diese Probleme machen den Beruf in Kliniken bislang zur Stressfalle.

Das Bild zeigt eine Versammlung des Bremer Volksbegehren für Krankenhauspersonal.

Der Gewerkschaft Verdi zufolge fehlen mindestens 1.600 Stellen in Bremens Krankenhäusern – 900 davon allein im Pflegebereich. Dazu zählen Gesundheitspfleger und Krankenschwestern ebenso wie operationstechnische und anästhesietechnische Assistentinnen. Der Pflegenotstand führt dazu, dass der Beruf inzwischen sogar von Berufseinsteigern gemieden wird.

Die Bezahlung

Pfleger und Krankenschwestern werden in Bremen im Schnitt etwas besser bezahlt als in anderen Bundesländern. Dies liegt daran, dass rund die Hälfte von ihnen bei der Geno beschäftigt ist, dem städtischen Klinikverbund Gesundheit Nord. "In Bremen werden mehr Pflegerinnen und Pfleger nach öffentlichem Tarif bezahlt", sagt Jörn Bracker, für Gesundheit zuständiger Gewerkschaftssekretär bei Verdi. In Bundesländern mit mehr private Kliniken werde im Schnitt schlechter bezahlt.

Konkret bedeutet dies: Eine Krankenschwester, die nach der Ausbildung an einer städtischen Klinik zu arbeiten beginnt, bekommt am Ende des Monats 2.711,90 Euro brutto. Für den Dienst in Fachstationen gibt es rund 150 Euro Zuschlag. Auch für Überstunden, Nachtarbeit, Sonn- und Feiertagsdienste gibt es zwischen 20 und 35 Prozent zusätzlich. Bis zum 16. Berufsjahr steigt das Gehalt stufenweise auf 3.391,28 Euro an.

Im Vergleich zu skandinavischen Ländern, etwa Schweden oder Norwegen, sei die Bezahlung zwar vergleichsweise gering, sagt Bracker. Dennoch sei das Gehalt nicht der entscheidende Faktor für den Frust vieler Krankenhausmitarbeiter. Das Gehalt, so der Gewerkschafter, diene mancher Pflegekraft vielmehr einem indirekten Zweck. "Mit einem höheren Gehalt kann man auch seine Arbeitszeiten etwas verringern."

Die Arbeitszeiten

Denn vor allem die Arbeitszeiten setzten vielen Pflegern zu. Dabei sei nicht nur die Schichtarbeit eine Belastung. Hinzu käme, dass Früh-, Spät- und Nachtschichten an Bremens Krankenhäusern oft nicht verlässlich geplant werden könnten.

Langfristige Dienstpläne gebe es zwar. "Die werden aber nicht eingehalten", sagt Bracker. Für viele Kolleginnen bestünde der Arbeitsalltag oftmals aus einer Mischung aus Spät- und Nachtschichten. Es komme auch vor, dass Pfleger morgens zum Dienst kämen und es dann heiße, ob sie nicht einen anderen Dienst am Nachmittag übernehmen könnten. Andere wiederum arbeiteten morgens und nachmittags, weil keine Ablösung erschienen sei.

Der Stress wird für viele Krankenschwestern noch dadurch gesteigert, dass sie beispielsweise Nachtschichten allein durchstehen müssen. "Gesetzlich ist das auf normalen Stationen im Krankenhaus bislang nicht geregelt", sagt Bracker – anders als beispielsweise in der Altenpflege, wo nachts mehrere Pfleger vor Ort sein müssten.

Der Pflegeschlüssel

Um den Stress für das Personal zu senken, gilt der Pflegeschlüssel als wichtigstes Werkzeug. Er beschreibt das Zahlenverhältnis von Pflegekräften zu Patienten. In Deutschlands Krankenhäusern liegt er im Schnitt bei 1 zu 13. "In den Niederlanden liegt er bei 1 zu 7", sagt der Verdi-Gesundheitsexperte. Dies allein bringe das Problem auf den Punkt.

In anderen Bundesländern ist die Situation ähnlich, beispielsweise in Hamburg, Berlin und Bayern. Dort haben sich in den vergangenen Jahren Bündnisse aus Vertretern von Betriebsräten, Parteien und Gewerkschaften gegründet, die seither tarifliche und gesetzliche Verbesserungen der Arbeitssituation anstreben.

Deren Bremer Pendant ist das "Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus". Es strebt an, 5.000 Unterschriften für einen Antrag auf ein Volksbegehren zu sammeln. So soll die Bremer Landesregierung dazu gebracht werden, mehr Krankenhauspersonal einzustellen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat zwar jüngst ein eigenes Konzept präsentiert, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. Es sieht vor, den Pflegeschlüssel der 25 Prozent im Vergleich am schlechtesten ausgerüsteten Krankenhäuser aufzustocken.

Das Bremer Bündnis, dem auch Verdi-Generalsekretär Bracker angehört, fordert jedoch einen alternativen Ansatz: eine Orientierung der Pflegekräftezahl sowohl an der Anzahl als auch der Pflegebedürftigkeit der Patienten. Schließlich existiere ein solches System im Grunde bereits in vielen Krankenhäusern. Es geht zurück auf ein in den 90er Jahren verabschiedetes Gesetz: die Pflegepersonal-Regelung (PPR). In der Praxis werde diese auch umgesetzt – nur nicht so, wie vom Gesetzgeber einst vorgegeben, sagt Bracker. "Viele Kollegen lästern: Was wir machen, das ist PPR – minus 30 Prozent."

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Oktober 2018, 19:30 Uhr