Diese Waren werden in Bremen knapp – und das sind die Gründe

Stockende Lieferketten befeuern die Inflation

Audio vom 9. September 2021
Rechte Pedale und weitere Teile liegen in einem Regal in einem Fahrradhändler (Archivbild)
Bild: DPA | Sebastian Gollnow
Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Autos, Holz und Blutdrucksenker: In Bremen ist derzeit manches knapp. Grund sind Lieferengpässe für Importwaren. Wen das betrifft und wie lange noch, erklären wir hier.

Keine Rohstoffe, Lieferengpässe sorgen für Produktionsstau, die Preise steigen. Trotz hoher Kunden-Nachfrage gibt es in vielen Branchen weniger Waren; im Fahrradhandel, bei Medikamenten, im Handwerk – die Liste ist lang. In rund 40 Millionen Containern werden Güter weltweit verschifft – von Rotterdam nach Dubai, von Shanghai nach Bremerhaven und zurück. Und doch reicht die Menge der sechs Meter langen und zweieinhalb Meter hohen wie breiten Metallkisten derzeit nicht aus, um die weltweiten Güterströme zu bewältigen. Dies hat Folgen für Konzerne ebenso wie für Konsumenten. Ein Überblick.

1 Ursachen: Containermangel, Hableiterknappheit und Nachfrageschub

Die aktuelle Materialknappheit lässt sich bei Rohstoffen und Bauteilen ganz wesentlich auf die Corona-Pandemie zurückführen.

Nachfrage-Boom: So stoppten nach Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 viele Unternehmen und Betriebe die Produktion. Auch die Nachfrage brach ein. Heute, anderthalb Jahre später, hat sich die Situation verkehrt. Und Unternehmen in Asien, Europa und Amerika fordern mehr Rohstoffe und Vorprodukte an als üblich. Das Ergebnis: Die Zulieferer von Rohstoffen und Vorprodukten kommen nicht hinterher.

Wilhelm Kaisen-Terminal in Bremerhaven (Archivbild)
Das Wilhelm-Kaisen-Terminal in Bremerhaven ist Teil der weltweiten Container-Lieferkette. Bild: Imago | Imagebroker

Container-Knappheit: Gleichzeitig ist der globale Container-Kreislauf durcheinandergeraten. Denn in der Pandemie sind andere Regionen beliefert worden als gewohnt – ohne auf derselben Route zurückzukehren. Container befinden sich so inzwischen auch an Orten, wo sie logistisch nicht gebraucht werden. Dafür fehlen sie dort, wo sie jetzt für den Warentransport nötig wären – zum Beispiel auf den Strecken zwischen Asien und Europa.

Havarien und Hafenschließungen: Einzelereignisse wie zum Beispiel im März die Havarie des Frachters Ever Given im Suezkanal oder im August die coronabedingte Teilschließung des chinesischen Hafens Ningbo-Zhoushan – dem größten Frachthafen der Welt – verschärfen die Engpässe. Die Frachtraten für einen Container von Asien nach Europa haben sich daher grob verzehnfacht. "Man hört von Preisen, die von 1.400 Euro auf 14.000 Euro gestiegen sind", sagt Torsten Grünewald, Experte für internationalen Handel bei der Industrie- und Handelskammer Bremen und Bremerhaven.

Chip-Lieferverträge: In der Automobilindustrie wird die Situation noch durch einen Halbleitermangel überlagert. Die Hersteller der Chips sitzen in Asien. Zu Beginn der Corona-Krise haben Autokonzerne wie Daimler die vertraglich zugesicherten langfristigen Abnahmezahlen deutlich gesenkt, woraufhin die Chip-Produzenten Verträge mit anderen Unternehmen geschlossen haben – zum Beispiel mit Computerherstellern. Für die jetzt wieder deutlich gestiegene Nachfrage nach Autos reichen die geringeren Chip-Bestellmengen nun nicht aus. Und eine Produktionssteigerung ist in der Halbleiterindustrie kurzfristig nicht möglich. Ein Brand im Chipwerk des japanischen Lieferanten Renesas im März dieses Jahres hat die Engpässe sogar noch verschärft.

2 Folgen: Preissteigerung, Verzögerung, Kurzarbeit

In einer aktuellen DIHK-Umfrage melden über alle Wirtschaftszweige hinweg mehr als 80 Prozent der Unternehmen Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren. "Das gilt durch die Bank weg", sagt Handelskammer-Experte Torsten Grünewald.

Industrie: In Bremens wichtigstem Industriezweig, dem Automobilbau, seien laut Umfrage 92 Prozent der Unternehmen von Preisanstiegen oder Lieferproblemen bei Rohstoffen oder Vorprodukten betroffen. Im Bremer Mercedes-Werk hat dies zuletzt immer wieder zu Kurzarbeit geführt.

Auch Baubranche und Luftfahrt leiden. "Verpackungen sind durch alle Branchen hinweg ebenfalls Mangelware", sagt Grünewald. Für betroffene Unternehmen hat die Bremer Handelskammer im Mai des vergangenen Jahres sogar eine "Kontaktstelle Lieferketten" eingerichtet.

Handelskammer-Sprecher: "Wir müssen uns auf höhere Preise einstellen"

Video vom 9. September 2021
Volkmar Herr von der Bremer Handelskammer im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Handel: Darüber hinaus nennt Grünewald vor allem Großhandelsunternehmen, die Holz, Stahl, Elektronik, Medizintechnik und andere derzeit knappe Rohstoffe und Güter handeln. Konsumenten bekämen dies zum Beispiel mit, wenn sie durch den Baumarkt gehen und Produkte fehlten oder Preise deutlich stiegen. Der Einzelhandel berichte unter anderem von Engpässen bei Textilien. Auch Fahrradhändler seien angesichts des pandemiebedingten Fahrradbooms betroffen.

Verschleißteile, die jeder benötigt, machen den meisten Kummer.

Stefan Plikat vom Bremer Zweirad-Center Stadler

Fahrradhändler würden derzeit bevorzugt beliefert, sagt Stefan Plikat vom Bremer Zweirad-Center Stadler. Für Ersatzteile wie neue Bremsbeläge, Sattel oder Reifen sei eine Lieferzeit von einem Jahr nicht selten.

Ein Halbleiterchip (Symbolbild)
Halbleiter sind in Bremens wichtigstem Industriezweig, dem Automobilbau, Mangelware. (Symbolbild) Bild: DPA | He Jinghua/Costfoto

Anderes Produkt, gleiche Erfahrung: "Die Industrie kann immer weniger liefern", sagt Marco Gerritzen vom Bremer Fotofachhändler Probis. Was früher zwei bis drei Tage gedauert habe, brauche nun gut mal drei bis vier Wochen. Schon seit November wartet Gerritzen auf bestellte Netzteile für Fotokameras.

Handwerk: Für manche Handwerker hat der Lockdown zu einem Nachfrageschub geführt. "Der Häuslebauer ist eben nicht in den Urlaub gefahren, er hat zu Hause renoviert", sagt Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer Bremen. Doch auch im Handwerk, sind die Lieferketten aus den Fugen geraten. Die Folge: längere Wartezeiten, höhere Preise, mehr Planungsaufwand und unvollendete Aufträge. "Heraus stechen Holzgewerke wie Zimmereien und Tischlereien", sagt Kurzke. Auch die Metallbauer müssten oft länger warten. Gravierend seien die Lieferengpässe auch für Dachdeckereien, die zum Beispiel bestimmte Folien nicht bekämen. Und in der Bauwirtschaft fehlten Zement, bestimmte Steinsorten und vor allem Dämmmaterialien.

Neben Fahrradläden seien auch kleine Kfz-Werkstätten betroffen, die nicht mehr sofort jeden Reifen und jede Abdeckung bekämen. "Und wer ausgerechnet ein neues Bad oder eine neue Küche plane, sollte Geduld und einen gewissen Puffer mitbringen", empfiehlt Kurzke.

Medikamente: Lieferengpässe sind für Bremens Apotheken kein neues Phänomen. "Die Liste der Medikamente, die nicht über die Großhändler erhältlich sind, ist im Moment lang – vor allem, wenn der Patient auf einen bestimmten Hersteller festgelegt ist", sagt Sebastian Köhler, Vorstandsmitglied der Apothekerkammer Bremen und Inhaber der Horner Apotheke. Knapp 300 Arzneimittel bestimmter Hersteller könne er nicht am Markt beziehen, sagt er. Die Liste reiche von Augentropfen über Impfstoffe, Antibiotika, Schmerzmittel und Blutdrucksenker bis hin zu Antidepressiva bestimmter Hersteller.

Die Wartezeit für Medikamente können derzeit zwischen ein bis zwei Wochen und mehreren Monaten schwanken, sagt Köhler. Gleichwohl betont er, dass oft Alternativen zur Verfügung stünden, also zwar ein Lieferengpass, aber eben kein Versorgungsengpass herrsche.

3 Dauer: Enstpannung nicht vor 2022

Handwerk: "Ich hatte die Situation zunächst als kurze Phase eingeschätzt", sagt Handwerkskammer-Präses Thomas Kurzke. Inzwischen geht er davon aus, dass die Lieferengpässe noch mindestens ein halbes Jahr lang anhalten werden. "Danach muss man sehen, wie schnell der Motor in verschiedenen Bereichen wieder anspringt."

Jüngsten Zahlen zufolge könnte zumindest im Baugewerbe der Höhepunkt erreicht sein. Dem Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo zufolge meldeten im August noch 42,2 Prozent der befragten Hochbauunternehmen Materialknappheit. Im Juli litten noch 48,8 Prozent an Lieferengpässen.

Industrie und Handel: Für Bremens Industriebetriebe dürfte die Erholung ebenfalls noch auf sich warten lassen. "Kurzfristig versuchen Unternehmen der Situation Herr zu werden, indem sie neue oder zusätzliche Lieferanten suchen oder die Lagerhaltung erhöhen", sagt IHK-Experte Grünewald. Doch nur knapp ein Fünftel von ihnen rechnen laut Umfrage bis zum Jahreswechsel mit einer Verbesserung der Situation. Die Hälfte aller Befragten erwartet erst 2022 eine Aufhellung der Lage. Ein Viertel kann sogar noch gar nicht einschätzen, wann sich Lieferzeiten oder Preise normalisieren.

Weihnachtsgeschenke werden dieses Jahr wohl teurer werden.

Torsten Grünewald, Experte der Handelskammer Bremen

Mercedes hat Anfang der Woche sogar angekündigt, dass die Chip-Krise länger dauern wird, als von Kunden und Mitarbeitern erhofft. Daimler-Chef Ola Källenius erwartet erst für 2023 eine Entspannung. Bis dahin werde die Nachfrage nach Halbleitern höher sein als die Produktionskapazität der Zulieferer.

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Video vom 7. August 2021
Zwei Bauarbeiter tragen auf einer Hausbaustelle Holz.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 9. September 2021, 8:10 Uhr