Fragen & Antworten

Was Sie über die Kurden-Proteste in Bremen wissen müssen

An diesem Samstag demonstrieren wieder hunderte Menschen für die Rechte der Kurden in Syrien und der Türkei. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Kurdische Flaggen bei einer Demonstration auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz
Bremerinnen und Bremer unterstützen die kurdische Region "Rojava" im Nordosten Syriens, wie hier im Oktober dieses Jahres.

1 Wer sind die Kurden?

"Die Kurden sind eine ethnische Gruppe mit einer gemeinsamen Kultur und Sprache", sagt Kamal Sido. Er arbeitet für die "Gesellschaft für bedrohte Völker" als Nahost-Experte. Über die Jahrhunderte habe sich eine kurdische Folklore, also gemeinsame Lieder und Musik, sowie Essgewohnheiten entwickelt. Die Mehrheit der Kurden seien sunnitische Muslime. Aber es gäbe auch Schiiten, viele Aleviten, Jesiden und kleine christliche Gemeinden.

2 Warum haben die Kurden keinen eigenen Staat?

Das Siedlungsgebiet der Kurden liegt in der Türkei, dem Iran, Irak und Syrien. Wie viele Kurdinnen und Kurden dort leben, dazu gibt es nur Schätzungen. Mit 30 bis 35 Millionen Menschen sind die Kurden eines der weltweit größten Völker ohne eigenen Staat, sagt Sido.

Grafische Darstellung einer Karte, welche das kurdische Kerngebiet in Syrien thematisiert T ür k ei Syrien I r ak Armenien I r an Mossul Afrin K obanê Qamishli Kirkuk Di y arbakir Sül e ymania Mahabad K u r disches Siedlungsgebiet
Bild: Radio Bremen / Quelle: United States Central Intelligence Agency

Grund dafür, dass es kein "Kurdistan" gebe, sei die geopolitische Lage der Region, so Sido. Zwischen dem mächtigen osmanischen Reich und Persien hätten sich die Kurden nie durchsetzen können. Zudem gebe es innerkurdische Konflikte und eine Konstante in der Geschichte, sagt Sido: "Die Kurden wurden immer wieder von ihren Verbündeten verraten." Das gelte heute für den Truppenabzug der US-Amerikaner aus Nordsyrien. Aber auch in der Vergangenheit: So hätte der Gründer der Türkei Mustafa Kemal Atatürk den Kurden Autonomie versprochen. Diese sei aber nie gekommen und stattdessen wurden kurdische Aufstände niedergeschlagen.

3 Warum fliehen so viele Kurden nach Deutschland?

In den Ländern, in denen die Kurden leben, werden sie unterdrückt und verfolgt, sagt der Nahost-Experte Sido. Aus der Türkei kamen die ersten Kurdinnen und Kurden in den 1960er Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland. Nach dem Militärputsch im Jahr 1980 seien dann vor allem politisch Verfolgte geflohen. In der Türkei sei die kurdische Sprache und Kultur verboten gewesen. Aus dem Irak flohen Kurdinnen und Kuden vor den Golfkriegen. Die Destabilisierung des Landes durch den Einmarsch der US-Amerikaner 2003 führte zu weiteren Fluchten. Auch in Syrien seien Kurdischstämmige eine unterdrückte Minderheit gewesen, so Kamal Sido. Der Ausbruch des Bürgerkrieges im Jahr 2011 hätte viele weitere zur Flucht veranlasst.

4 Wie viele Kurden leben in Bremen?

Laut Statistischem Landesamt gibt es für Bremen keine amtlichen Zahlen. Da es keine kurdische Staatsangehörigkeit gibt, wird diese auch nicht erfasst. Die Gesamtzahl der kurdischstämmigen Menschen in Deutschland wird laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf eine halbe bis eine Millionen geschätzt. In den vergangenen Jahren sind laut BAMF die meisten Asylanträge von Kurdinnen und Kurden mit einer irakischen oder syrischen Staatsangehörigkeit gestellt worden.

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5 Warum gehen in Bremen so viele Menschen für die Kurden auf die Straße?

Seit dem Einmarsch der Türkei in Syrien gehen in Bremen immer wieder Menschen gegen den Krieg auf die Straße. Die Kurden nennen die autonome Region im Norden Syriens Rojava. Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli forscht an der Ruhr Universität Bochum zu den Kurden. Für ihn hat die Solidarität aus Bremen verschiedene Gründe: Viele Menschen seien froh und dankbar über den Kampf der Kurden gegen den so genannten "Islamischen Staat" und andere dschihadistische Gruppen in Syrien.

Daneben wissen diejenigen, die sich intensiver mit dem politischen Projekt der Kurden in Rojava beschäftigt haben, dass dort Werte wie Pluralismus, Basisdemokratie und Frauenemanzipation einen hohen Stellwert haben und deswegen sympathisieren sie mit Rojava.

Ein Mann mit Brille.
Ismail Küpeli

Darüber hinaus werde die Unterdrückung und Benachteiligung der Kurden in ihrem Siedlungsgebiet als ungerecht empfunden.

6 Wieso begleitet die Polizei die Proteste?

In der Vergangenheit kam es am Rande von kurdischen Protesten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit türkischen Nationalisten oder Islamisten. Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten die Proteste, wenn sie dort Sympathisanten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vermuten. Die PKK ist in Deutschland seit 1993 verboten. Die Europäische Union und dieTürkei stufen die PKK als Terrororganisation ein.

Die PKK kämpft seit 1984 einen Guerilla-Krieg gegen die Türkei. In Deutschland kam es in den 1990er Jahren zu gewaltsamen Protesten und Anschlägen auf türkische Einrichtungen. Aus Teilen der kurdischen Community in Deutschland bekommt die Partei Unterstützung. Auch aus Bremen. Laut Ismail Küpeli liegt das daran, dass die Türkei keine glaubwürdige politische Lösung der "Kurdenfrage" anstrebt und immer wieder militärisch gegen Kurden vorgeht. In diesem Zusammenhang erscheine für manche Kurden die PKK als "ihre" politische und militärische Gegenkraft.

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Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2019, 19:30 Uhr