Verdi warnt vor Hygienemängeln in Bremer Krankenhäusern

Aus der Sicht der Gewerkschaft gefährdet der Personalmangel in den Bremer Krankenhäusern die Einhaltung der Hygienevorschriften. Verdi beziffert den zusätzlichen Personalbedarf auf 1.600 Mitarbeiter. Wenn dieser nicht behoben werde, könnten neue Keim-Skandale nicht ausgeschlossen werden.

OP in einem Krankenhaus
Die Gewerkschaft Verdi warnt, dass in Krankenhäusern oft die nötige Zeit für die Einhaltung der Hygienevorschriften fehle. Bild: DPA | Christian Charisius

Keime können in Krankenhäusern Schreckliches bewirken. Gerade in Bremen weiß man das nur zu gut. Der Keim-Skandal, in dessen Zuge im Klinikum Bremen-Mitte fünf Frühgeborene starben, ist gerade einmal sechs Jahre her. Die Gewerkschaft Verdi warnt nun davor, dass ein neuer derartiger Skandal nur ausgeschlossen werden könne, wenn an den Krankenhäusern mehr Leute eingestellt würden.

Aus der Sicht der Gewerkschafter können die Beschäftigten der Bremer Krankenhäuser ihre Aufgaben nicht so ausführen, wie sie es eigentlich müssten. Mit einem bundesweiten Aktionstag zum Thema Händedesinfektion will Verdi heute auf die Wichtigkeit des Themas Hygiene in Krankenhäusern hinweisen. Im Klinikum Links der Weser (LDW), das zum Klinikbetreiber Gesundheit Nord (Geno) gehört, wird ab 14 Uhr ein Parcours aufgebaut. "Alle Besucher, die sich für das Thema interessieren, bekommen dort Aufgaben gestellt", sagt Gewerkschaftssekretär Jörn Bracker.

"Zwei Stunden pro Schicht für Händedesinfektion"

An einzelnen Stationen müssen die Interessierten beispielsweise Blutdruck messen, Urinbeutel leeren oder Mittagessen servieren. Dazwischen müssen sie immer wieder spontan andere Aufgaben erledigen, etwa wenn ein Patient Schmerzen hat. Nach jedem einzelnen Arbeitsschritt muss man sich die Hände desinfizieren. "Wir wollen deutlich machen, wie viel Zeit allein für die korrekte Händedesinfektion gebraucht wird", sagt Bracker. Er stützt sich hierbei auf Richtlinien des Robert-Koch-Institus. Diese sähen vor, dass die Desinfektion der Hände vor und nach jedem Patientenkontakt 30 Sekunden dauern solle. Demnach, das hat die Gewerkschaft errechnet, braucht eine Pflegekraft für die vorgeschriebene Desinfektion pro Schicht bis zu zwei Stunden.

Dabei arbeite das Krankenhauspersonal derzeit "im ständigen Dauerlauf", wie es Bracker ausdrückt. Patienten mit besonderen Bedarfen seien im Moment schlecht dran. In Kombination mit der an wirtschaftlichen Interessen ausgerichteten Kalkulation der Krankenhausleitungen führe der Personalmangel dazu, dass die Patienten nicht immer so versorgt werden könnten, wie sie es eigentlich müssten. So würde von den Mitarbeitern verlangt, auf die Hygiene zu achten, ohne sicherzustellen, dass sie dafür auch die nötige Zeit hätten.

Personalschlüssel in europäischen Krankenhäusern

Personalmangel in Krankenhäusern
In deutschen Krankenhäusern muss eine Pflegekraft durchschnittlich wesentlich mehr Patienten versorgen als in anderen Ländern. Quelle: Studie "Nurse Forecasting: Human Resources Planning in Nursing"

Bracker leitet seine Forderung nach mehr Personal auch aus den Daten eines europaweit geförderten Projekt ab. Für die Studie "Nurse Forecasting: Human Resources Planning in Nursing" wurden die Personalschlüssel in europäischen Krankenhäusern miteinander verglichen. Demnach muss eine deutsche Pflegekraft in ihrer Schicht durchschnittlich 10,3 Patienten versorgen. "In Großbritannien sind es nur 7,7, in der Schweiz 5,5 und in Norwegen sogar nur 3,8", sagt Bracker.

Wenn es so weitergeht, ist ein neuer Keim-Skandal fast unausweichlich.

Roman Fabian, Betriebsratsvorsitzender LDW

Der Betriebsratsvorsitzende des Krankenhauses Links der Weser, Roman Fabian, sieht die Situation sogar noch ein wenig kritischer als sein Kollege Bracker. Auf die Frage, ob es in Bremen erneut zu einem Keim-Skandal kommen könnte antwortet er: "Wenn es so weitergeht, ist das fast unausweichlich." In ganz Deutschland könne das Krankenhauspersonal die Hygienestandards nicht einhalten. Der Hinweis, dass die Situation in ganz Deutschland schlecht ist, ist ihm wichtig. So fordert Verdi auch nicht nur in Bremen mehr Krankenhauspersonal: Berechnungen der Gewerkschaft zufolge fehlen in deutschen Krankenhäusern insgesamt 162.000 Beschäftigte.

Eine Mitarbeiterin einer Klinik desinfiziert sich die Hände
Bis zu zwei Stunden pro Schicht benötigen Krankenhausmitarbeiter nach Verdi-Angaben allein für die Desinfektion der Hände. Bild: Imago | Westend61

Der Direktor des Institus für Allgemeine Hygiene, Krankenhausgygiene und Umwelthygiene Bremen, Martin Eikenberg, hat eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Er sagt: "Das Pflegepersonal arbeitet derzeit oft im Grenzbereich." Den zusätzlichen Personalbedarf an Bremer Krankenhäusern will er aber nicht beziffern. Grundsätzlich sei die Forderung nach mehr Personal allerdings berechtigt. Auch wenn er die zwei Stunden, die Verdi pro Tag für die Händesinfektion veranschlagt, für übertrieben hält. Seine Kalkulation sieht 34 Minuten pro achtstündiger Schicht vor.

„Wir sind personell so aufgestellt, dass alle unsere Patienten gut versorgt werden können"

Timo Sczuplinski, Geno-Sprecher

Bei der Geno selbst, dem größten Klinikbetreiber Bremens, sieht man sich in Sachen Hygiene gut aufgestellt. "Wir sind personell so aufgestellt, dass alle unsere Patienten gut versorgt werden können", sagt Sprecher Timo Sczuplinski. Die mitunter sicherlich hohe Arbeitsbelastung stehe der Händedesinfektion nicht im Weg, weil sie gut in den Arbeitsalltag integrierbar sei. Und: "Zwei Stunden pro Schicht für die Umsetzung der Händehygiene zu berechnen, finden wir etwas hochgegriffen." Die Sprecherin von Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) sagt, dass eine angemessene Personalausstattung "natürlich wichtig" sei und verweist auf die neu eingeführten Personaluntergrenzen in Krankenhäusern.

Fazit

Bei der Geno und im Ressort sieht man die Verantwortung für die Einhaltung der Hygienevorschriften auch bei jedem einzelnen Mitarbeiter. Die Gewerkschaft hält dem entgegen, dass die Mitarbeiter das nur leisten können, wenn ausreichend Personal da ist.

  • Milan Jaeger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. September 2017, 19:30 Uhr