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Zu wenig Erfahrung bei schweren OPs: Wie sicher sind die Patienten?

Krankenhäuser in Bremen führen laut einer Studie zu wenig komplexe Operationen durch. Müssen sich Patienten jetzt Sorgen machen? Dieser Schluss ist vielleicht zu einfach.

Eine Hand mit OP-Handschuhen, die ein Skalpell hält.

Übung macht den Meister. Das gilt auch für Krankenhausärzte. Seit Juni müssen deutsche Kliniken deshalb nach strengeren Regeln darlegen, ob sie gesetzlich vorgegebene Mindestmengen für schwierige Behandlungen und Operationen einhalten. Darunter fallen beispielsweise Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse, das Einsetzen von Knieprothesen oder Organtransplantationen.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt allerdings: Bundesweit schaffen es im Durchschnitt knapp 40 Prozent der Kliniken nicht, die für solch komplizierten Eingriffe vorgeschriebenen, gesetzlichen Mindestfallzahlen zu erreichen. Bremens Kliniken schneiden im Vergleich sogar besonders schlecht ab. Fünf von acht Kliniken in Bremen, dies entspricht 62,5 Prozent, erreichen demnach ihren Qualitätsberichten zufolge eine oder mehrere der Mindestfallzahlen nicht. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind es nur 7 von 24 Kliniken, was einer Quote von 29,2 Prozent entspricht.

Balkendiagramm über die Mindestmengen-Versorung deutscher Kliniken nach Bundesländern. Bremen schneidet am schlechtesten ab. Quelle: G-BA, Berechnung Weisse Liste und Science Media Center, Juni 2019 Kliniken, die gesetzliche Mindestmengen bei Eingriffen nicht erfüllen Quote in Prozent. Quote der Kliniken, die Mindestmengen bei Eingriffen nicht erfüllen Bremen Brandenburg Sachsen-Anhalt Nordrhein-Westfalen Rheinland-Pfalz Hessen Berlin Thüringen Hamburg Bund Schleswig-Holstein Niedersachsen Saarland Sachsen Bayern Baden-Württemberg Mecklenburg-Vorpommern 62,5% 56,7% 51,3% 44,2% 43,9% 42,5% 40,5% 40,0% 40,0% 39,7% 37,1% 37,0% 35,7% 35,1% 34,9% 30,7% 29,2% FEUERWEHR LEITER AALTO HOCHHAUS WESER TOWER LANDMARK TOWER ATLANTIC HOTEL SAIL CITY COLUMBUS CENTER SIEMENS HOCHHAUS

Wie bedeutsam solche Mindestmengen aus Sicht von Patienten sind, zeigen laut der Bertelsmann-Studie Untersuchungen, die über Jahrzehnte den Zusammenhang zwischen der Höhe der Fallzahlen in einer Klinik und der dortigen Behandlungsqualität belegt haben. So gilt demnach als bewiesen: Je mehr Patienten mit einer bestimmten Krankheit in einer Klinik behandelt werden, desto weniger Komplikationen und Todesfälle treten auf.

Bremer Kliniken setzen auf Ausnahmegenehmigungen

Insgesamt wurden 2017 in Deutschland knapp 4.300 Eingriffe in Kliniken von Ärzten durchgeführt, die das vorgeschriebene Maß an Erfahrung nicht erreichen. "Diese Zahlen zeigen, wie viele Kliniken in Deutschland eigentlich einen oder gar mehrere der betroffenen medizinischen Bereiche aufgeben müssten, es aber nicht tun", sagt Thomas Mansky, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen an der TU Berlin.

Diesen Juni wurden die Mindestmengenregeln verschärft. Aber ob vor allem die Krankenkassen diese gegenüber Krankenhausbetreibern durchsetzen können, ist fraglich. Denn Ausnahmetatbestände und die Sondergenehmigungen der Länder sind weiterhin vorgesehen.

Viel hängt nun vom politischen Willen ab, ob die neue Regelung ein Erfolg wird.

Thomas Mansky, Gesundheitsexperte

2017 machten bundesweit 13,8 Prozent der Kliniken solche Ausnahmetatbestände geltend. Im Land Bremen nutzten diese Option sogar drei von acht Krankenhäusern: das Klinikum Bremen-Mitte bei Nierentransplantationen, das Klinikum Links der Weser bei künstlichen Kniegelenken und das Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide bei Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse.

Erste Veränderungen auch in Bremen

Das neue Krankenhaus Gelände Bremen Mitte von oben fotografiert.
Viele komplizierte Eingriffe werden inzwischen am Klinikum Bremen Mitte gebündelt.

Die Einführung der Mindestmengen, die für Krankenhäuser in Deutschland schon seit Jahren in weniger verpflichtender Form gelten, haben allerdings auch in Bremen bereits zu Verbesserungen geführt. Ein Beispiel: 2017 erreichten das Klinikum Bremen-Mitte und das Klinikum Links der Weser die Mindestmengen beim Einsatz künstlicher Kniegelenke nicht. Beide Häuser gehören zur Gesundheit Nord (Geno). Deshalb werden diese Operationen nur noch in einer Klinik durchgeführt. "Wir haben diese Art von Eingriff deshalb innerhalb unseres Klinikverbundes inzwischen in der Unfallchirurgie des Klinikums Bremen-Mitte zentriert", sagte eine Geno-Sprecherin buten un binnen.

Notfälle verzerren die Bilanz

Ähnlich lief es 2014 im Klinikum Bremen-Nord, wo in jenem Jahr vier Patienten an der Bauchspeicheldrüse operiert wurden. Weil dort die Mindestmenge von zehn Eingriffen nicht erreicht wurde, nimmt der Bremer Klinikbetreiber Geno die komplexen Eingriffe inzwischen nur noch im Krebszentrum am Klinikum Bremen-Mitte vor.

Trotz unterschrittener Mindestmenge wurde 2017 zwar dennoch im Klinikum Links der Weser ein komplexer Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse vorgenommen. "Es handelte sich dabei um einen schwer herzkranken Patienten, der im Beisein der Herzspezialisten operiert werden sollte", so die Geno-Sprecherin. Den Eingriff selbst hatte dann ein spezialisierter Chirurg aus dem Klinikum Bremen-Mitte vorgenommen, der dafür ins Krankenhaus Links der Weser gekommen war.

Personalentscheidungen verändern die Ausgangssituation

Auch personelle Wechsel spielen eine Rolle. So hatte das Bremer Rotes-Kreuz-Krankenhaus (RKK) mehrere Jahre mit Rücksicht auf die Mindestmengenvorgabe darauf verzichtet, Bauchspeicheldrüsen operativ zu entfernen. Dies änderte sich mit der Neubesetzung der Chefarztposition durch einen erfahrenen Viszeralchirurgen von der Berliner Charité.

Aufgrund des Personalwechsels einigte sich das RKK mit den Krankenkassen auf die Erbringung der Leistungen in den Jahren 2017 und 2018. Die Mindestmenge wurde dann im Jahr 2017 und voraussichtlich auch für 2018 allerdings nicht ganz erreicht.

Ärztekammer hält Mengenregelung Strukturqualität entgegen

Sich ausschließlich an Mindestmengen zu orientieren, davon sind im Übrigen nicht alle Experten überzeugt. "Ich finde das Konzept allein nicht glücklich", sagt Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, buten un binnen. Sie setzt daher auch auf die Strukturqualität.

Krankenhäuser und Praxen, die eine große Eingriffszahl haben, haben in der Regel auch gute Strukturen.

Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen

Intensivstationsversorgung, Pflegekräfte, die sich gut mit möglichen Komplikationen auskennen, aber auch die Nachsorge seien für die Versorgungsqualität viel wichtiger als Zahlen, sagt Gitter.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Juni 2019, 19:30 Uhr