Kommentar

Kein Geld der Welt kann meine Zeit kaufen

Kostenloser Nahverkehr: Klingt erstmal attraktiv. Unser Autor Marcus Behrens würde trotzdem weiter mit dem Auto zur Arbeit fahren. Er plädiert für besseren statt kostenlosen Nahverkehr.

Menschen versuchen in eine bereits volle Bahn einzusteigen
Alltag im öffentlichen Nahverkehr: Nur das fehlende Öl unterscheidet den Zustand von einer Sardinenbüchse. Bild: DPA | Marijan Murat

Auch Autofahren kostet Geld. Es liegt also sicher nicht am Preis, dass viele Menschen nach wie vor im Zweifelsfall das Auto einem Bus oder einer Straßenbahn vorziehen. Mit Stadtbussen und -bahnen verhält es sich genauso wie mit den Fernzügen der Deutschen Bahn – die Fahrpreise werden regelmäßig erhöht, die Züge werden trotzdem immer voller. Vollere Züge führen zu immer größer werdenden Verspätungen. Da der Platz nicht mehr wird, wird das Gedränge größer und das Ein- und Aussteigen dauert länger.

Es hilft auch nichts, wenn die Deutsche Bahn immer wieder sagt, dass statistisch betrachtet der Platz neben einem fast immer frei ist. Die Realität kennt nur Züge, die auch im Gang brechend voll sind – und Züge, die nahezu komplett leer sind, weil sie zu Zeiten fahren, zu denen fast niemand unterwegs sein will.

Bus und Bahn sind keine Alternative

Aber zurück zum öffentlichen Personennahverkehr: Nicht jeder kann so nah an seinem Arbeitsplatz wohnen, dass der Weg immer zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden kann. Wenn ich mich am Bremer Stadtrand in mein Auto setze und ins Zentrum fahre, bedeutet dies, dass ich in der Regel fast trocken ankomme und – je nach Schicht – entweder morgens sehr schnell ins Büro oder abends sehr schnell nach Hause gelange.

Wenn ich mit Bus und Bahn fahren will, brauche ich erst mal ein Auto, um zur Regio-S-Bahnhaltestelle zu kommen, dann quetsche ich mich auch früh morgens bereits in einen vollen Zug – oder ich laufe zur Haltestelle und brauche ewig mit dem Bus, um bis zum Hauptbahnhof zu kommen. Dort muss ich mit einem anderen Bus nochmals quer durch die Altstadt, um mein Ziel zu erreichen. Mit dem Auto dauert das morgens und abends 20 Minuten. Mit Auto, Bus und Bahn dauert das morgens mindestens 50, mittags und abends mindestens 60 Minuten, weil Verspätungen und verpasste Anschlüsse einfach unberechenbar bleiben. Da ist es mir egal, ob die aus meiner Sicht viel zu lange Fahrt mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln etwas kostet oder nicht.

Besser statt kostenlos: Schneller, öfter, direkter

Ich will schnell und verlässlich ans Ziel – egal zu welcher Zeit. Würde die Regio-S-Bahn mindestens alle 15 Minuten fahren und ebenso verlässlich immer ein Anschluss im Zentrum bestehen, Busse und Stadtbahnen also im Fünf-Minuten-Takt fahren, wäre ein Anfang gemacht. Ich wäre bereit, 30 Minuten pro Weg einzuplanen, und ich würde dafür auch zahlen. Solange das Angebot aber nicht stimmt, könnte man mir sogar Geld hinterherwerfen, ich würde nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen.

Und letztlich muss "kostenlos" ja doch irgendwie finanziert werden – denn das Fahrpersonal will bezahlt werden, die Fahrzeuge müssen gebaut, gekauft und instand gehalten werden. Irgendwer muss dafür bezahlen. Mein Vorschlag: Statt kostenlosem Nahverkehr sollte deutlich in zusätzliche Fahrzeuge investiert werden, der Fahrplan zwischen 5 Uhr und 20 Uhr erheblich verdichtet werden, um wieder attraktiv zu sein für die Menschen, die pünktlich, verlässlich und bei längeren Strecken im Idealfall auch sitzend ans Ziel kommen wollen – oder müssen. Dafür könnte sich Bremen als Modellregion auf europäischer Ebene ja mal vorschlagen.

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  • Marcus Behrens

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Februar 2018, 19:30 Uhr