Kommentar

Gut so – Mehr Demokratie ist halt mehr Demokratie

In Bremen und Bremerhaven wird die Bürgerschaft auch weiterhin alle vier Jahre gewählt. Das haben die Bremerinnen und Bremer am Sonntag mehrheitlich entschieden. Unsere Autorin freut das.

Stimmzettel zum Volksentscheid, mit Blick auf die Bremische Bürgerschaft.
Das Ergebnis war knapp: 51,6 Prozent der Bremer und Bremerhavener stimmten gegen eine Wahlperiode von fünf Jahren. 48,4 Prozent hatten sich eine Verlängerung gewünscht.

Eigentlich wollte ich "Ja" sagen zu einer längeren Wahlperiode in Bremen. Mehr Möglichkeiten für Politikerinnen und Politiker, komplizierte Reformen umzusetzen, Angleichung an die anderen Bundesländern, dazu noch ein bisschen weniger Kosten für den Wahlkampf und die Durchführung der Wahlen – für das chronisch klamme Bundesland Bremen schien mir das vernünftig. Mein Herzblut steckte nicht in dieser Entscheidung.

Dann passierte das, was Autorinnen und Autoren einer Regionalredaktion täglich passiert: Ich musste mich mit einem Thema, über das ich bisher nur oberflächlich informiert war, genauer auseinandersetzen. Im Klartext: Ich war verantwortlich für einen Informationsartikel zum Volksentscheid, der beide Seiten ausgewogen darstellen sollte.

Lieber einmal mehr wählen als einmal weniger

Klar, ich wusste auch vorher schon, dass es gute Gründe dafür gibt, eine Wahlperiode nicht zu verlängern. Es bedeutet ein bisschen weniger Demokratie, wenn ich meine Stimme nur noch alle fünf Jahre abgeben darf, statt alle vier. Ändert sich die Meinung der Bürger, dauert es länger, bis sich das in der Zusammensetzung des Parlaments widerspiegelt. Nur hatte ich bisher gedacht, dass das alles nicht soooo bedeutsam sei. Kein Grund, sich Sorgen zu machen – in anderen Bundesländern läuft es schließlich auch: In Bayern hat sich bisher keine Monarchie durchgesetzt, und auch die Sachsen haben die Demokratie nicht abgewählt.

Und trotzdem: Ich begann zu zweifeln. Mehr Demokratie ist eben mehr Demokratie. Jedenfalls so lange die Elemente direkter Demokratie, wie zum Beispiel Volksentscheide, die längere Wahlperiode nicht ausgleichen. Und obwohl mein Herzblut nicht in dieser Entscheidung steckte, schien sie mir auf einmal deutlich gewichtiger als ich zuvor gedacht hatte. Denn an der Demokratie an sich hänge ich sehr. Meine endgültige Entscheidung habe ich dann erst in der Wahlkabine getroffen.

Als ich heute morgen aufwachte – in einer Welt, in der die AfD selbst in Bremen zehn Prozent bekommen hat – habe ich mich über meine Entscheidung und über das Ergebnis des Volksentscheids gefreut. Auch wenn es hier "nur" um eine Entscheidung für Bremen ging:

In diesen Zeiten wähle ich lieber einmal mehr als einmal weniger. Und gerne auch ein Jahr früher als später.

Mehr zum Thema

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 24. September 2017, 6 Uhr

Archivinhalt