Kommentar

Nach Corona-Verstößen in Bremen: Gebt den Leuten Platz auf der Straße

Abstand halten – das gilt noch immer. Aber es braucht in lauen Sommernächten kreativere Ansätze als ein Alkohol-Verkaufsverbot. Unser Redakteur Folkert Lenz hat eine Idee.

Menschen stehen bei Nacht auf der Sielwallkreuzung in Bremen.
Volles Viertel: Am Wochenende feierten so viele Menschen auf den Gehwegen, dass die Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden konnten. Bild: Radio Bremen

Na klar, jetzt rufen die Hardliner wieder nach der Polizei. Selbst die ach so coolen Viertel-Kneipiers "können nicht verstehen, wie das Land Bremen Regelungen und Gesetze zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschließt und verkündet, um diese nicht durch Ordnungsamt und Polizei durchzusetzen". So schreiben die gastronomischen Anlieger der Sielwall-Kreuzung es in einem Offenen Brief an den Innensenator. Und setzen gleich noch einen drauf: Sie wollen bei ihren Geschäften "nicht weiterhin strukturell durch 'Störer' benachteiligt werden". Was für ein Vokabular! Gemeint sind nämlich die "Steh-Bier-Trinker", die es sich nicht leisten können oder wollen, fünf Euro für ein Glas Bier am Kneipentisch zu zahlen, wenn sie das Gleiche in der Flasche für einen Euro nebenan am Kiosk bekommen.

Soll die Polizei die Leute auseinanderknüppeln?

Doch worum ging es hier nochmal? Doch nicht darum, dass die angestammten Viertel-Gastwirte sich unliebsame Billig-Konkurrenz vom Leibe halten können. Sondern darum, dass in den vergangenen lauen Bremer Sommernächten immer mehr Menschen arglos und gedankenlos zusammengerückt sind. Zu eng! Zu nah! Zu dicht! Denn das Coronavirus ist immer noch da. Aber sollen solche problematischen Menschentrauben künftig von der Polizei auseinandergeknüppelt werden, wie mancher Scharfmacher es sich offenbar gerade in feuchten Träumen wünscht?

Gebt den Menschen Platz

Wie wäre es mal damit? Wenn es auf den Bürgersteigen nachts am Sielwalleck zu eng wird und Corona-Abstandsgebote nicht mehr eingehalten werden, dann könnte man den Menschen doch den Platz geben, den sie brauchen. Zum Beispiel auf der Straße. Auf einem für Autos gesperrten Ostertorsteinweg und im Steintor hätte jeder seine anderthalb Meter Platz, um gemütlich sein Bierchen zu trinken – ohne anderen auf die Pelle rücken zu müssen. Feiern ohne Stress. Ohne Polizei. Dieses Experiment täte in den Nachtstunden niemandem weh. Und dazwischen sitzen ganz entspannt die Gäste der Außengastronomie. Das wäre doch eine gute "neue Normalität".

Es geht um die Abstände

Oder geht es doch um etwas anderes? Zum Beispiel darum, das sogenannte Cornern – also das "Herumlungern" mit einem Getränk in der Hand auf den Gehwegen – zu beseitigen? Dann macht ein Außer-Haus-Verkaufsverbot für Alkohol während der Nachtstunden am Wochenende natürlich Sinn. So könnte man den unliebsamen Party-Sumpf trockenlegen, scheinen manche zu hoffen. Die haben aber wohl noch nichts vom "Vorglühen“ gehört – also dem Phänomen, schon vor dem Ausgehen das eine oder andere Gläschen in sich hineinzukippen.

Zurück zu den Hardlinern. Regeln um ihrer selbst willen durchsetzen, das will nicht mal Law-and-Order-Senator Mäurer. Es gehe nicht darum, Feiernden die Laune zu verderben, gibt er zu Protokoll. Sondern allein darum, den Corona-Abstand einzuhalten. Verschaffen wir den Menschen also den Raum, den sie dafür brauchen. Auf Bremens Straßen und Plätzen ist dafür genug Platz. Dann wären Lautsprecher-Durchsagen vom Polizeiwagen, Platzverweise und Ordnungsgelder überflüssig. Denn die werden kommen, wenn es an der Einsicht des Party-Volks mangelt.

Corona-Verstöße in Bremen: Senat beschließt Alkohol-Verkaufsverbot

Video vom 16. Juni 2020
Ein gefüllter Bierkrug auf einem Tisch.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Juni 2020, 19:30 Uhr