Kommentar

"Oppositionsarbeit, wie man sie sich häufiger wünscht"

Aus dem Neustädter Hafen soll nach Willen der CDU-Bürgerschaftsfraktion ein Neubaugebiet werden. Es ist ein überaus gewagter, aber ebenso visionärer Plan. Dazu ein Kommentar von Folkert Lenz.

Werbung der CDU für die Bebauung des des Neustädter Hafens
So könnte nach Willen der CDU-Fraktion der Neustädter Hafen mal aussehen.

"Viel Feind, viel Ehr´?" Ist das die Devise gewesen, nach der die CDU-Bürgerschaftsfraktion ihre Vision zur Schließung des Neustädter Hafens entwickelt hat? Dann dürfte ihr viel Ehre gewiss sein für den Vorschlag, genau dort einen neuen Stadtteil für 15.000 Menschen zu gründen.

Denn die Front der Gegner steht. Kaum jemand kann sich für die Idee erwärmen, eine moderne Satelliten-Stadt aus dem Boden zu stampfen, wo jetzt noch Schiffe anlegen und wo Windkraftanlagen, Gasturbinen, Kanthölzer, Container oder Röhren für Pipelines verladen werden. Selbst, wenn der Neustädter Hafen seit Jahren schwächelt und die Umschlagszahlen zurückgehen.

Die CDU will eine "smarte City"

Dabei ist es der ganz große Wurf, den sich einige Christdemokraten ausgedacht hatten: 100 Hektar freizuschlagen für Reihenhäuser, Etagenbauten und Doppelhäuser. Für Familien mit Durchschnittseinkommen, für Rentner und Studenten. Ein ganz neuer Stadtteil, der gleich am Anfang mit neuen Schulen, neuen Kitas und den nötigen Läden ausgestattet wird. Der eine Straßenbahn bekommt, damit die Bewohner schnell zur Arbeit und wieder nach Hause kommen. Mit einer hippen Elektrobuslinie, wo der Fahrer überflüssig ist, und einem digitalen Bürgeramt. Eine "smarte City" eben.

Mit dem kleinen Haken, dass das Areal schon "Bewohner" hat: Alteingesessene Hafenbetriebe, die Kajen für ihre Schiffsladungen brauchen. Und Firmen, die sich meist aus gutem Grund ihre Betriebshallen in der Nähe zum Wasser gebaut haben.

Und noch mehr kreiden die Kritiker den CDU-Parlamentariern an, was diese nicht bedacht haben: Die schicken neuen Häuser würden in potenziellem Überschwemmungsgebiet liegen. Für eine Straßenbahn zum Lankenauer Höft müsste eine Trassenschneise quer durch Woltmershausen geschlagen werden. Der Verkehr für 15.000 Bürger passte gar nicht durch den engen Woltmershauser Tunnel – ein echtes Nadelöhr. Und dass sich die ansässigen Betriebe vom Neustädter Hafen nicht einfach zwangsumsiedeln lassen, kann sich die CDU selbst ausrechnen.

Eine echte Vision für Bremen

So gehört den CDU-Abgeordneten zumindest der Verdienst, eine echte Vision vorgelegt zu haben. Einen Vorschlag, der lang über die nächsten Wahlperioden hinaus wirken würde. Eine Utopie fast, wie das Bremen von morgen aussehen könnte. Und das ganz jenseits von bestehenden "Zukunftskommissionen", mit denen das Rathaus versucht, das kleinste Bundesland fit zu machen. Die christdemokratischen "Impulse" zum Neustädter Häfen sind außerdem Oppositionsarbeit, wie man sie sich viel häufiger wünscht. Allein schon, weil sie die behäbigen Regierenden nerven.

Doch letztlich ist die mutige Ideenskizze für neues Wohnen in Bremen zu unausgegoren. Denn auch Visionen müssen sich am Ende an der Realisierungsmöglichkeit messen lassen, damit sie nicht zur reinen Spinnerei verkommen. Schade eigentlich. So scheint es, als ob die CDU-Fraktion gerade mal die Konfetti-Maschine angeworfen hat, mehr nicht. Und mehr als ein bisschen Ehre wird sie dafür wohl kaum einstecken können.

  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. November 2017, 19:30 Uhr