Kommentar

Lüften statt Luftfilter: Niedersachsen "verschnarcht" Förderanträge

Audio vom 17. September 2021
Eine Schülerin einer Oberstufe öffnet das Fenster zum Lüften. (Symbolbild)
Bild: DPA | Daniel Bockwoldt
Bild: DPA | Daniel Bockwoldt

Bremer Schulen sind im Ländervergleich oft Schlusslicht. Bei der Anschaffung von Luftfiltern hinkt aber das Umland hinterher. Selbst verschuldet, sagt unser Kommentator.

Niedersachsen hat sich durchgerungen. Seit dem 8. September gibt es nun Geld für mobile Luftfilter in Schulen. Ganze 20 Monate nach Beginn der Pandemie. Allerdings: Von dieser Förderung wurden bisher ganze null Euro ausgezahlt.

Und so bleibt traurige Tatsache: Luftfilter in den Schulen umzu von Bremen? Man muss sie mit der Lupe suchen. Und das, obwohl klar ist: Luftfilter sind eine echte Alternative zum Unterricht bei offenen Fenstern. Die Studien hierzu gibt es seit Oktober 2020 wohlgemerkt.

Luftfilter nur "nice to have"?

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) beharrt allerdings weiter darauf: Die Geräte seien nur eine Ergänzung zum Lüften. Sonst müsste er ja auch zugeben, dass sein Ministerium über Monate verschlafen hat, die Förderung für mobile Luftfilter auf den Weg zu bringen.

Man kann also den Trägern der Schulen – den Kommunen – nur schwer einen Vorwurf machen. Hätten sie zum Schulstart die Geräte in den Klassenzimmern haben wollen, hätten sie diese auf eigene Kosten anschaffen müssen. Schwierig, wenn ein Gemeindehaushalt ohnehin am Limit ist und auf zwei Jahre vorgeplant wird.

Allerdings: Die Förderanträge hätten die Kommunen durchaus schon in den Schubladen haben können. Das aber wurde vielfach verschnarcht.

Virus für Kinder harmlos?

Mein Eindruck ist, dass hier eine Kinderdurchseuchung von der Politik vielleicht nicht bewusst angestrebt, zumindest aber hingenommen wird. Das Argument dabei: Kinder erkranken ja nicht schwer an Covid-19. Allerdings kann Kinderdurchseuchung trotzdem nicht unsere Strategie sein.

Denn sie bedeutet, dass potenziell elf Millionen Kinder das Virus in ihre Familien tragen. Und es bedeutet, dass wir elf Millionen potenzielle Inkubatoren für neue Virusvarianten haben.

Überhaupt: Relativ harmlos ist das Virus nur für gesunde Kinder. Kinder mit schwachem Immunsystem, mit Übergewicht, mit Asthma, mit Behinderung: Für sie wird das Klassenzimmer ohne Schutzmaßnahmen zu einem potenziell tödlichen Ort. Eltern dieser Kinder können sie eigentlich nur guten Gewissens zu Hause behalten.

Wie lange? Drei Monate? Sechs Monate? Der Winter jedenfalls wird lang. Die psychosozialen Folgen für diese Kinder werden gravierend sein. Wieder mal.

Fehlende Lobby für die Kinder

Das Problem hinter diesem Schlamassel ist ein tiefer liegendes. Es ist ein demografisches: Bei der Bundestagswahl in gut einer Woche wird es dreimal so viele Wähler über 60 geben wie Wähler unter 30 Jahren. Kinder und Jugendliche spielen also als Wähler kaum eine Rolle.

Und auch Eltern sind nach zwei Jahren Pandemie von Homeoffice und Homeschooling ausgelaugt und am Ende. Schwer vorstellbar, dass sich die übermüdeten Eltern zu einer engagierten Demonstration zusammenschließen. Wahrscheinlicher ist, dass sie auf dem Weg zur Wahlurne einfach einschlafen.

Luftfilter sollen Bremens Schulen in der Pandemie schützen

Video vom 30. August 2021
Zwei Luftfilter in einem Klassenraum an einer Bremer Schule.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Justus Wilhelm

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 17. September 2021, 10:10 Uhr