Kommentar

Braucht Bremen eigentlich einen Flughafen?

Der Druck ist groß: Sanierungsstau, Millionenloch, weniger Fluggäste. Aber: Bremen braucht den Flughafen, meint unser Autor Michael Pundt und nennt Gründe.

Der Eingang vom Bremer Hans Koschnick Flughafen

Steuergelder für städtische Betriebe – das bedeutet Ärger. Und mit dem Ärger kommt die Diskussion: Wozu leistet sich Bremen überhaupt einen Flughafen? Eigentlich sollen doch in dieser Legislaturperiode die Vergessenen im Mittelpunkt stehen: Schüler, Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose. Und dann rutscht erst die Krankenhausgesellschaft Gesundheit Nord (Geno) tiefer in die roten Zahlen und nun auch noch der kleine, feine City-Airport, der doch immer so stolz darauf war, ohne Zuschüsse auszukommen.

Flughafen für Bremer Industrie wichtig

Gemessen an den Negativschlagzeilen der vergangenen Jahre scheint der Flughafen am Neuenlander Feld tatsächlich verzichtbar. Andauernd gehen Airlines Pleite oder schrumpfen ihr Angebot. Anwohner beschweren sich über nächtlichen Fluglärm. Fridays for Future kritisiert die vielen Kurzstreckenflüge, die sich auch auf die Schiene verlagern ließen. Jahrelang hat der Flughafen einen Investitionsstau verheimlicht – offenbar sogar vor dem eigenen Aufsichtsrat.

Da kann man doch nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, oder? Aber vorher noch eben die Positivschlagzeilen, die auch ich selbst – Asche auf mein Haupt – bisher nie geschrieben habe.

  • Die Bremer lieben ihren Flughafen. Spitzenwerte von bis zu 2,8 Millionen Fluggästen im Jahr belegen das. Der Airport hat kein Problem mit der Nachfrage, sondern mit dem Angebot, weil ihm die Fluggesellschaften regelmäßig wegsterben.
  • Die Bremer Industrie verlässt sich auf den Flughafen. Mit Air France, KLM, Lufthansa, Swiss oder Turkish Airlines kommt man von Bremen in die ganze Welt. Und tausende Mercedes-Mitarbeiter pendeln zudem mit Eurowings zum Stammsitz nach Stuttgart.
  • Der Flughafen teilt sich die Startbahn. Der zweitgrößte Airbus-Standort in Deutschland wäre in Bremen undenkbar, könnten die Beluga-Transporter hier nicht starten und landen. Und auch die Luftwerft AAS sowie die Fliegerschule der Lufthansa sind auf das Flugfeld angewiesen.
  • Über 25.000 Jobs hängen direkt und indirekt am Flughafen. Diese Zahl aus einer Studie des Jahres 2011 dürfte eher gestiegen sein. 2017 befand das Statistische Landesamt: rund sechs Prozent der Beschäftigten in Bremen sind vom Flughafen abhängig.

Nach der durchaus rhetorisch gemeinten Frage am Anfang nun die Antwort: Ja, Bremen braucht seinen Flughafen. Aber sowohl der städtische Eigentümer als auch die Airport-Leitung haben eine lange Liste vor sich, die sie abarbeiten müssen.

Der Sanierungsstau von bis zu 80 Millionen Euro, von dem wir seit mehr als eineinhalb Jahren wissen, gehört endlich adressiert. Wenn Flugzeugturbinen drohen, Teile der bröckelnden Rollwege einzusaugen, muss etwas geschehen. Die Antwort darauf ist der Eigentümer - Bremens rot-grün-rotes Regierungsbündnis - bislang schuldig.

Startbahn richtig nutzen und an der richtigen Stelle sparen

Der Flughafen muss die Personalkosten senken – aber richtig. Ausgerechnet beim niedrigentlohnten Gepäckpersonal 20 Prozent einsparen zu wollen, hat in der Vergangenheit nicht funktioniert. Keiner wollte für 10,33 Euro schwere Koffer in Hockstellung aus dem Flieger wuchten. Die Flughafenleitung muss also neue Wege finden. Dass das geht, zeigen Flughäfen in vergleichbarer Größe mit deutlich niedrigeren Personalkosten.

Betriebsbeihilfen sind ein No-Go. Die meisten Flughäfen in Deutschland erhalten keine Zuschüsse für den laufenden Betrieb. Und das aus gutem Grund: Ab 2024 müssen Flughäfen mit einer Bremen vergleichbaren Größe finanziell auf eigenen Beinen stehen. Das fordert die EU. Betriebsbeihilfen sind ab dann nicht mehr erlaubt.

Der Flughafen muss endlich dürfen, was er kann. 2.600 Meter lang ist die Startbahn, aber nur gut 2.000 Meter können wegen rechtlicher Auflagen genutzt werden. Ohne diese Beschränkung ließen sich Flugzeuge leiser starten und landen. Außerdem könnte der Flughafen mehr internationale Strecken auflegen und damit den Anteil der Kurzstreckenflüge senken.

  • Michael Pundt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. September 2019, 19:30 Uhr