Kommentar

Willkommen in der Realität: Bremen wird nie wieder eine Shopping-Stadt

Die Ära der Einkaufsstraßen geht zu Ende. Unser Redakteur Immo Maus ist sich sicher: Konsum kann nicht mehr die Triebfeder der Innenstädte sein, auch nicht in Bremen.

Wenige Menschen laufen auf der Obernstraße in der Bremer Innenstadt entlang.
Wie geht es weiter mit der Innenstadt? Bremens Bürgermeister hat zu einem City-Gipfel geladen. Bild: DPA | Sina Schuldt

Zum Shoppen in die Stadt fahren, mit Einkaufstüten bepackt durch Fußgängerzonen laufen: Ich hätte mir noch vor zehn Jahren kaum ausgemalt, dass aus diesen Gewohnheiten mal seltene Ausnahmen werden. Wann habe ich die letzte Jeans in der Stadt gekauft? Wann den letzten Kochtopf? Wann die letzten Sportschuhe? Ich kann nicht sagen, wann der schleichende Prozess bei mir einsetzte: weg vom Einkauf in der Obernstraße und Sögestraße, hin zur Online-Order bei Zalando, Amazon und all den anderen Anbietern im Netz.

Trügerische "Alles soll so bleiben wie es ist"-Mentalität

Man kann Menschen wie mir durchaus vorhalten, mit meinem Konsumverhalten zur Verödung der Innenstädte beizutragen. Stimmt, diese Kröte muss ich schlucken – mit viel Wehmut und Bedauern. Und dennoch schlummert hinter einer solchen Vorhaltung auch die trügerische "Alles soll so bleiben wie es ist"-Mentalität. Das ist zu kurz gedacht, wenn nicht gar naiv.

Wir werden das Rad der Zeit nicht zurück drehen können. Unzählige Studien belegen, wie sehr sich der Konsum bereits ins Netz verlagert hat. Die Corona-Pandemie beschleunigte diese Entwicklung nur. Wer es nun für sinnvoll erachtet, bei der Wiederbelebung von Innenstädten auf alte Muster zu setzen, wird von der Realität bitter abgestraft werden. Eine auf Shopping-Aspekte ausgerichtete City würde von wenig Weitsicht zeugen. Der Ansatz muss ein anderer sein.

Konsum spielt künftig eine untergeordnete Rolle

Wir alle wünschen uns auch in Zukunft eine lebendige, quirlige Bremer Innenstadt. Daran gilt es zu arbeiten. Andreas Bovenschulte hat das Thema nun offensichtlich zur Chefsache erklärt und will zeitnah zu einem City-Gipfel laden. Gut so. Und mehr als notwendig. An den Ergebnissen wird er sich messen lassen müssen.

Fest steht: Der erste Schritt hin zu einer City der Zukunft könnte vermutlich vor allem der Wirtschaft schwer fallen. Denn es gilt eine jahrzehntelang gelernte und gelebte Gewissheit in Frage zu stellen: Konsum kann nicht mehr die Haupt-Triebfeder für die Entwicklung der Innenstadt sein. Es bedarf neuer Konzepte und Ideen. Die autofreie Innenstadt ist dabei nur ein Anfang.

Wohlfühlfaktor entscheidet über Zukunft der Innenstadt

Politik und Wirtschaft müssen handeln. Jetzt. Bohrt dicke Bretter und seht ein, dass bestimmte Denkweisen und Überzeugungen nicht immer Schritt halten mit dem Lauf der Zeit! Nicht die Anzahl an einkaufsnahen Parkplätzen entscheidet über die Zukunft der Innenstadt, sondern die Aufenthaltsqualität. Der Wohlfühlfaktor muss das City-Alleinstellungsmerkmal der kommenden Jahrzehnte sein. Eine breite Auswahl an Einkaufs-Möglichkeiten in Läden mit großer Verkaufsfläche wird ganz sicher nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Wie geht es weiter in der Bremer Innenstadt?

Video vom 30. Juni 2020
In der Innenstadt von Bremen sind nur wenig Leute unterwegs.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Immo Maus

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Juni 2020, 19:30 Uhr