Kommentar

Dass Meyer-Heder am Ende Bürgermeister wird, ist wenig realistisch

Dieser Triumph ist der Bremer CDU in den Schoß gefallen. Unverdientermaßen ließe sich noch hinzufügen. Er ist geradezu der Gegenentwurf zu Politik, meint unser Redakteur Karl-Henry Lahmann.

Carsten Meyer-Heder, Spitzenkandidat der CDU, lacht auf dem Weg in die Bürgerschaft
Carsten Meyer-Heder ist vor etwa einem Jahr in die CDU eingetreten. Jetzt ist seine Partei als stärkste Kraft aus der Bürgerschaftswahl hervorgegangen. Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich

Der Spitzenkandidat der CDU in Bremen, Carsten Meyer-Heder, betrachtet es nicht einmal als üble Nachrede, wenn ihm die Politikerschaft abgesprochen wird. Er zelebriert es ja selbst. Im Wahlkampf kultivierte er den Quereinsteiger, der erst ein Jahr vor der Wahl den Weg in die CDU fand. Auf Fragen nach konkreten Lösungsvorschlägen für die multiplen Probleme des Landes antwortete Meyer-Heder angesichts erschlagender Ahnungslosigkeit: "Fragen Sie mich in zwei Jahren." Er möchte das Land Bremen wie seine zugegebenermaßen äußerst erfolgreiche IT-Firma führen. Er glaubt daran, Mittel des Managements ließen sich eins zu eins auf Staatskunst übertragen. Digitalisierung als Alles-Ermöglicher. Das ist sein Horizont.

Er spielte im Wahlkampf sogar ganz bewusst die Politik-Verächter-Karte: "Ich bin kein gelernter Politiker, aber Problemlöser", ließ er im Boulevard-Zeitungs-Layout an jeden dritten Laternenpfahl hängen. Zur Klarstellung: Meyer-Heder ist kein Populist. Das übersteigt als Konzept schon sein politisches Know-how. Aber er war sich auch nicht zu schade, sich der Instrumente aus dem obersten Fach des kleinen Populisten-Werkzeugkastens zu bedienen. Wo um Himmels willen soll so ein Mann das formale und politische Standing herholen, um auf dem Bundesparkett zu bestehen und für Bremen etwas zu erreichen? Wer seiner Parteifreunde lässt ihn in dem Glauben, er könne in der Lage sein, eine Jamaika-Koalition mit den ihr zwingend innewohnenden Zentrifugalkräften erstens zusammenzubringen und dann zweitens auch zusammenzuhalten? Das ist lachhaft.

Die SPD wird wahrscheinlich das Rathaus halten

Dass Meyer-Heder am Ende Bürgermeister in Bremen wird, ist jedoch weit weniger realistisch, als er offenbar wirklich noch glaubt. Mag die SPD auch noch so gefleddert sein – am Ende wird sie vermutlich weiter das Bremer Rathaus halten. Der Grund liegt allein im Mangel an vernünftigen Alternativen. Rot-Grün-Rot käme nicht nur auf eine äußerst stabile Mehrheit – es wäre auch das Bündnis, das sich zwar nur vier von zehn Bremerinnen und Bremern wünschen. Das damit aber unter allen Modellen noch immer die meisten Befürworter findet. Große Koalition? Nix da. Jamaika? Will der Bremer nicht.

Das aus eigener Kraft nicht mehr lebensfähige rot-grüne Bündnis bekäme so eine letzte Sauerstoff-Beatmung durch die Linken. Deren Spitzenfrau Kristina Vogt ist die zweitbeliebteste Politikerin im Land. Sie kommt auf Beliebtheitswerte wie Gregor Gysi. Sie hat es in einem beharrlichen Kampf geschafft, Partei und Fraktion auf einen realpolitischen Kurs zu zwingen. Sie kann es sich leisten, still zu genießen und sich bitten zu lassen.

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen – Bremen hat gewählt, 26. Mai 2019, 18 Uhr