Kommentar

"Wir sollten die Gewalt in unserer Sprache hinterfragen"

Der Verdacht liegt nahe, dass der Angriff auf den Bremer AfD-Politiker Magnitz politische Hintergründe hatte. Unser Autor Marcel Heberlein sieht darin eine Niederlage für uns alle.

Polizei untersicht den Tatort hinter dem Theater am Goetheplatz
Nach dem Übergriff auf Magnitz sicherste die Polizei Spuren am Tatort. Bild: Reuters | Fabian Bimmer

Ich kenne Frank Magnitz nicht gut, aber ein bisschen. Ende Oktober habe ich ihn das letzte Mal länger interviewt. Viele seiner politischen Positionen lehne ich ab. Im Bundestag hat Magnitz den Klimawandel geleugnet: Er hat behauptet, es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass der Mensch die Erde erwärmt. Wo er kann, gibt Magnitz Flüchtlingen die Schuld an politischen Problemen in Deutschland. An der Wohnungsnot in deutschen Großstädten zum Beispiel. In der AfD steht Magnitz klar rechts, er hat Verbindungen zur Identitären Bewegung, einer Gruppierung, die der Verfassungsschutz beobachtet. Als Björn Höcke wegen seiner Aussagen zum Holocaust aus der AfD rausfliegen sollte, warf Magnitz sich für ihn in die Bresche.

Ich halte das alles für falsch, vieles für dämlich, manches auch für gefährlich. Und doch hat mich der Angriff gegen Frank Magnitz sehr betroffen gemacht. Und ich finde, er sollte uns alle zum Nachdenken bringen. Nichts, gar nichts, rechtfertigt Gewalt gegen Menschen. Punkt. Wer auch immer den AfD-Politiker angegriffen hat, muss hart verurteilt werden.

"Aus Hass werden irgendwann Taten"

Der Verdacht liegt nahe, dass der Angriff gegen Magnitz einen politischen Hintergrund hat. Die AfD hat das sofort so verbreitet. Die Polizei hat eine Sonderkommission gebildet. Dass ein politisches Motiv zumindest gut vorstellbar scheint, zeigt, wie groß das Problem ist. Politischer Streit, das notwendige und oft auch verdammt anstrengende Ringen um das bessere Argument, wird zunehmend abgelöst von Diffamierung und Hass. Ob im Netz oder auf der Straße. Und aus Hass werden irgendwann Taten. Gegen Dinge, wie vor wenigen Tagen in Döbeln in Sachsen – bei einem Sprengstoff-Anschlag auf ein AfD-Büro. Aber irgendwann auch gegen Menschen. Von allen politischen Parteien ist die AfD aktuell am stärksten von Attacken und Sachbeschädigungen betroffen.

Immer, wenn jemandem in Deutschland auf's Maul gehauen wird, weil er die angeblich falsche Meinung hat, ist das eine Niederlage für uns alle. Denn: Wenn jemand die Spielregeln des Rechtsstaats verletzt, wenn er mit Worten zu Gewalt aufruft zum Beispiel, dann bestraft ihn dafür eben dieser Staat, und niemand anders. Darauf haben wir uns mal geeinigt.

Um Gewalt in Taten einzudämmen, sollten wir auch die Gewalt in unserer Sprache stärker hinterfragen. Wenn wir miteinander streiten, sollten wir es ohne Beleidigung tun. Ohne dem anderen sofort böseste Absichten zu unterstellen. Und reden sollten wir. Gerade mit denen, deren Meinung wir nicht teilen. Und gerade, wenn wir ihre Meinung nicht teilen, müssen wir ihre Rechte mit aller Macht schützen. Auf freie Meinungsäußerung. Und auf körperliche Unversehrtheit.

  • Marcel Heberlein

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 8. Januar 2019, 7:35 Uhr