"Katastrophe": Eltern schwerkranker Kinder über Bremens Kinderklinik

Ärzte schlagen Alarm: Versorgung in Bremer Kinderkliniken gefährdet

Video vom 30. September 2021
Arzt hört Kind ab
Bild: DPA | Sebastian Gollnow
Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Eltern schwerkranker Kinder prangern chaotische Zustände in der Kinderklinik an. Insbesondere in der Mukoviszidose-Ambulanz fehle Personal. Auch Kinderärzte schlagen Alarm.

Zu wenig Ärztinnen und Ärzte und auch zu wenig Pflegekräfte. Dazu falsch ausgestellte Rezepte, lange Wartezeiten, bedenkliche hygienische Zustände: Bremer Eltern schwerkranker Kinder fürchten den Zusammenbruch der Patienten-Versorgung in der Mukoviszidose-Ambulanz des Eltern-Kind-Zentrums (ELKI) am Klinikum Bremen-Mitte. Etwa 90 Kinder sind davon betroffen, teilt der Mukoviszidose e.V. – Bundesverband Cystische Fibrose (CF) mit.

Die cystische Fibrose oder Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Sie führt dazu, dass in vielen Organen des Körpers ein zäher Schleim produziert wird, der lebenswichtige Organe wie die Lunge verstopft. Mukoviszidose ist unheilbar, lässt sich aber gut behandeln – jedenfalls theoretisch.

"Seit wir hier sind, sind wir unterversorgt"

In der Praxis beklagen Betroffene bundesweit schon seit Jahren das Fehlen gesicherter Strukturen bei der Versorgung von Mukoviszidose-Patienten. Da diese Krankheit zugleich selten und komplex sei, komme spezialisierten Ambulanzen bei der Behandlung eine besondere Bedeutung zu, sagen der Bremer Kinderarzt Stefan Trapp und der Mukoviszidose-Verband übereinstimmend.

Für Bremer Kinder mit der tückischen Krankheit sollte vieles besser werden, als der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) im Februar die Mukoviszidose-Ambulanz vom Klinikum Links der Weser ins neue Eltern-Kind-Zentrum Professor Hess (ELKI) am Klinikum Bremen-Mitte verlegte. Doch statt von einer Verbesserung sprechen viele Eltern von einer dramatischen Verschlechterung: "Seit wir hier sind, sind wir unterversorgt", sagt beispielhaft Stephanie Heitmann über das ELKI. Heitmanns zweijährige Tochter Jana leidet an Mukoviszidose.

Zwar machten die Ärzte und die Pflegekräfte der Ambulanz einen engagierten Eindruck auf sie, sagt Heitmann. Doch sei das Personal offensichtlich vollkommen überlastet. Das zeige sich etwa daran, dass die Ambulanz telefonisch oft gar nicht zu erreichen sei. E-Mails würden häufig nur mit großer Verzögerung beantwortet. Das vielleicht Schlimmste aber sei: "Wir kriegen ständig falsche Rezepte und die auch noch mit Verspätung", so Heitmann.

"Eine Katastrophe"

Ein zweijähriges Kind auf dem Arm der Mutter, dass an Mukovizidose erkrankt ist und inhaliert
Infolge einer Mukoviszidose bildet sich fester Schleim, der auch die Lunge verstopfen kann. Atemhilfen sind daher für viele Patienten zwingend erforderlich. Bild: DPA | Markus Scholz

Das hat auch Melanie Liebrum festgestellt. Liebrums zehnjährige Tochter Anni hat Mukoviszidose. Liebrum glaubt, dass die fehlerhaften Rezepte von Personal ausgestellt wird, das gar nicht unmittelbar zur Mukoviszidose-Ambulanz gehört und kurzzeitig in die Bresche springt. In ihrer Not hätten sich einige Eltern in den letzten Wochen sogar schon gegenseitig mit den eminent wichtigen Medikamenten für ihre Kinder ausgeholfen: "Das ist eine Katastrophe", sagt Liebrum dazu.

In der Mukoviszidose-Ambulanz des Klinikums Links der Weser (LdW) habe es ein eingespieltes Team und deutlich mehr Personal gegebenen als jetzt am ELKI. "Das ist traurig für eine Kinderklinik, die laut Geno eine der größten und modernsten in Deutschland sein will", stellt sie fest.

Das findet auch Stephan Kruip. Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Mukoviszidose e.V. – Bundesverband Cystische Fibrose (CF) sagt: "Nach einem halben Jahr kann man nicht mehr von Anlaufschwierigkeiten sprechen." Die Geno müsse schnell für mehr Personal im ELKI sorgen. Kruip fordert einen Runden Tisch aus Politik, Klinikum, Patientenorganisation und Krankenkassen, um die Probleme schnellstmöglich zu lösen.

"Organisatorisch nicht ideal"

Geno-Sprecherin Karen Matiszick räumt gegenüber buten un binnen Probleme ein: "Organisatorisch ist die Situation in der Mukoviszidose-Ambulanz bisher sicher nicht ideal", sagt sie. Aber die Klinik steuere gerade nach. So werde die Mukoviszidose-Sprechstunde jetzt neu organisiert, um Termine gezielter vergeben zu können.

Zu dem Vorwurf einiger Eltern Muskoviszidose-kranker Kinder, dass das ELKI weniger Pflegepersonal beschäftige, als sie es vom Klinikum Links der Weser gewohnt seien, sagt Matiszick: "Die Organisation ist eine andere als vor dem Umzug, insofern ist die Zahl der Pflegekräfte schwer vergleichbar."

Nur acht von zwölf Planstellen besetzt

So fasse das ELKI alle Spezialambulanzen in einem gemeinsamen Bereich zusammen, der von einem gemeinsamen Team aus Pflegekräften und medizinischen Fachangestellten betreut werde. Matiszick räumt aber auch ein, dass das Team zwar aus zwölf Planstellen bestehe, derzeit aber nur acht davon besetzt seien. "Natürlich bekommen wir den Fachkräftemangel auch im Eltern-Kind-Zentrum zu spüren", sagt die Geno-Sprecherin dazu.

Trotzdem legt Matiszick Wert auf die Feststellung: "Die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten findet unbestritten auf höchstem Niveau statt."

Engpässe auch in der Diabetologie

Der Vorsitzender des Berufsverbandes Kinder- und Jugendärzte im Land Bremen Stefan Trapp im buten un binnen Studio.
Prangert personelle Engpässe in Bremens Eltern-Kind-Zentrum an: Kinderarzt Stefan Trapp. Bild: Radio Bremen

Ganz so "unbestritten", wie Matiszick glaubt, ist die medizinische Versorgung in der Mukoviszidose-Ambulanz sowie im gesamten ELKI gleichwohl nicht. Zwar arbeiteten dort erstklassige Ärztinnen und Ärzte und auch hervorragende Pflegekräfte, findet Stefan Trapp. Bremens Landesverbandsvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte sagt aber auch, dass es in vielen der zwanzig Spezialambulanzen des ELKI erhebliche personelle Engpässe gebe, insbesondere in der Pflege, aber eben auch bei den Ärztinnen und Ärzten. Das betreffe neben der Mukoviszidose-Ambulanz, in der zwei Ärztinnen arbeiten, etwa auch die Kinderorthopädie und die Diabetologie, also die Spezialambulanz für Zuckerkranke. Trapp glaubt, dass diese Spezialambulanzen zur Behandlung chronisch kranker Kinder im ELKI unterfinanziert sind.

"Aber Bremen muss als Bundesland in der Lage sein, diese schwer kranken Kinder zu versorgen. Das Land hat einen Versorgungsauftrag", stellt der Kinderarzt klar. Daran ändere auch die finanzielle Schieflage der Geno nichts. Die Politik sei gefordert, schnell Abhilfe zu schaffen und ihren Teil zu einer besseren personellen Ausstattung der Kinderklinik beizutragen. Eben dies hätten die Bremer Kinderärzte bereits im Juli in einem Brief an Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Die Linke) deutlich gemacht. Darin kritisierten sie unter anderem den von der Geno für die kommenden Jahre aufgrund von Sparzwängen geplanten Personalabbau, von dem auch Ärztinnen und Ärzte betroffen seien.

Neben den Kinderärzten übt unterdessen auch der Bundesverband Mukoviszidose e.V. – Bundesverband Cystische Fibrose (CF) politischen Druck aus, damit die Versorgung der Mukoviszidose-Patienten verbessert wird. Wie die meisten Landtage, so befasst sich auch der Petitionsausschuss der Bremischen Bürgerschaft gerade mit einer entsprechenden Petition des Verbands. "Wir sind aber leider keine Experten in Fragen der adäquaten medizinischen Versorgung", sagt Claas Rohmeyer (CDU), Vorsitzender des Ausschusses. Daher habe der Petitionsausschuss die Gesundheitsdeputation um eine Stellungnahme gebeten. Die Deputation für Gesundheit tagt am 30. September.

Hamburg statt Bremen

Stephanie Heitmann möchte für ihre Mukoviszidose-kranke Tochter Jana gleichwohl keine Zeit mehr verlieren. Sie lässt das zweijährige Mädchen nun in einer Hamburger Mukoviszidose-Ambulanz behandeln. Das sei zwar enorm aufwändig, sagt sie. Alternativ kämen jedoch nur noch Ambulanzen in Oldenburg oder Hannover infrage. Da könne sie auch gleich nach Hamburg fahren. Zudem nehme sie die weiten Fahrten nach ihren schlechten Erfahrungen mit dem ELKI gern in Kauf. "Das ist für meine Tochter besser so", ist sich Heitmann sicher.

Rückblick: Eines der modernsten Kinderkrankenhäuser jetzt in Bremen

Video vom 16. Februar 2021
Eine Aussenansicht des Kinderkrankenhaus "Eltern-Kind-Zentrum Prof. Hess".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. September 2021, 19.30 Uhr