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Schließung wegen Bundesnotbremse? So ist die Lage an Bremer Schulen

Angesichts der aktuellen Inzidenz über 165 müssten die Schulen in Bremen wieder schließen. Die Zahl ist umstritten. Die Inzidenzwerte bei Kindern und Jugendlichen steigen.

Zwei Schüler sitzen an einem Gruppentisch mit Mund-Nasen-Bedeckung.
Noch sind die Schulen im Land Bremen geöffnet. (Symbolbild) Bild: Radio Bremen

Am Mittwoch entscheidet der Bundestag über die sogenannte Bundesnotbremse, die das Infektionsschutzgesetz verschärfen soll. Wie es momentan aussieht, müssten die Schulen in den Landkreisen und Städten ab einer 7-Tage-Inzidenz von 165 schließen. Die Stadt Bremen hat seit mehreren Tagen die Marke gerissen, also könnten die Schüler bald wieder in den Fernunterricht gehen müssen.

Das Bildungsressort teilte mit, man treffe gerade alle notwendigen Maßnahmen für eine eventuelle Umsetzung der neuen Regelung, es halte aber weiterhin den Präsenzunterricht für notwendig.

Sobald das Bundesgesetz in Kraft tritt, das auch die Inzidenz ab 165 beinhaltet, wird der Distanzunterricht an den Schulen umgesetzt, gleiches gilt dann für den Wechselunterricht ab Inzidenz 100. Dafür werden jetzt die Maßnahmen getroffen, unsere Schulen brauchen auch etwas Zeit für die Umsetzung.

Die Sprecherin der Bremer Bildungsbehörde, Annette Kemp
Annette Kemp, Sprecherin der Bremer Bildungssenatorin

Die Abschlussprüfungen sollen weiterhin wie geplant stattfinden, auch die Notbetreuung werde gewährleistet.

In einem früheren Entwurf war von einer Schließung ab dem Wert 200 die Rede. Dies hatte etliche Lehrerverbände und -gewerkschaften bundesweit auf die Palme gebracht. Für die Bremer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sei die Senkung des Inzidenzwertes "schon besser", man fordere aber weiterhin eine Herabsetzung auf 100.

Studien zeigen, dass Kinder in Fernunterricht weniger lernen

In anderen Bereichen sieht der Entwurf eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen schon ab einer Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Für den Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb sei die Frage nach eventuellen Schulschließungen eine schwierige und "klar von der Pandemielage abhängig".

Sollten die Inzidenzen weiter ansteigen und insbesondere die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen dabei überproportional steigen, dann wird auch eine Rückkehr zum komplett digitalen Unterricht für die Schulen auf der Agenda stehen und auch die Kitas werden nicht einfach aufbleiben können.

Der Gesundheitsexperte Hajo Zeeb.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Einerseits betonen Bildungsforscher, der Distanzunterricht sei nicht so effektiv wie der Präsenzunterricht: Laut einer neuen Studie des ifo-Instituts hätten die Kinder in der zweiten Pandemie-Welle mehr als drei Stunden Lernzeit pro Tag verloren. Nur eines von vier Kindern hätte demnach täglichen Online-Unterricht bekommen. Andere Studien warnten vor Bildungsungleichheiten wegen Schulschließungen; vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien riskierten, benachteiligt zu werden.

Inzidenzwerte im Land steigen auch bei Kindern und Jugendlichen

Andererseits sind die Inzidenzwerte bei Kindern jünger als 19 Jahre im Land Bremen seit Mitte März tendenziell gestiegen, und zwar über 100. Eine Schwelle, die man seit Ende November nicht mehr überwunden hatte. Vergangene Woche lag der Inzidenzwert bei 164,2. Und doch: Wenn man die Werte in den anderen Altersgruppen betrachtet, merkt man, dass die Kinder nicht unbedingt die Treiber der Pandemie sind.

7-Tage-Inzidenz im Land Bremen

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Am meisten ist die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen von Neuinfektionen betroffen, ihr Inzidenzwert liegt bei 209,7. Darauf folgen die 40- bis 59-Jährigen mit 171,1. Auch muss man dabei beachten, dass die Corona-Schnelltests an Schulen, die seit Montag verpflichtend sind, bereits zwei Wochen vor Ostern in freiwilliger Form angefangen haben, wie das Bildungsressort mitteilt.

Ob dies den Anstieg erklären könnte, konnte nicht eindeutig geklärt werden.

In den Schwesterstädten gibt es allerdings einige Unterschiede: Während in Bremen die Inzidenzwerte unter den U19 steigen, ist der Verlauf in Bremerhaven tendenziell absteigend.

7-Tage-Inzidenz in der Stadt Bremen

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7-Tage-Inzidenz in Bremerhaven

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Eine detailliertere Aufschlüsselung nach Altersgruppen zeigt, dass der Inzidenzwert in der Stadt Bremen für Kinder zwischen sechs und neun Jahren in der vergangenen Woche besonders stark angestiegen ist, und zwar von 84,18 auf 299,89. Anfang April lag er allerdings bei fast 158, die Werte schwanken also stark. In der ersten Woche nach den Osterferien ist in allen Altersgruppen bis 79 ein Anstieg der Inzidenzen vermerkt, besonders deutlich ist er jedoch bei allen Kindern bis 19 Jahre: um fast 105 Punkte bei den U5 auf 173,75, um etwa 87 Punkte bei den 10- bis 19-Jährigen auf 261,43 und, wie bereits erwähnt, um 215 Punkte bei den 6- bis 9-Jährigen.

Der Anstieg könnte mit den umfangreichen Testungen an Schulen zusammenhängen, vermutet das Gesundheitsressort. Dadurch könnten Ansteckungen entdeckt werden, die in den Ferien passiert seien. Aktuell gebe es einen Ausbruch an zwei Bremer Schulen, alle anderen seien Einzelfälle.

Anders sieht es in Bremerhaven aus: Hier sind in der vergangenen Woche zwar die Inzidenzwerte bei den 5- bis 9-Jährigen und den 10- bis 19-Jährigen ebenfalls gestiegen, allerdings nicht so stark wie in Bremen. In der ersten Gruppe liegt die Inzidenz auf dem Wert vom Ende März, und zwar 93,13, in der zweiten auf 217,16, Tendenz steigend. Bei den U5 ist die Inzidenz rückläufig, auf 102,15.

Nur kleiner Anteil an Fällen durch PCR-Tests bestätigt

In der vergangenen Woche sind nach Daten des Bildungsressorts über 66.000 Schüler und Schülerinnen sowie etwa 13.500 Beschäftigten an Schulen in der Hansestadt getestet worden. Unter den Schülern waren 117 positiv, davon sind 36 durch einen PCR-Test bestätigt worden. Unter dem Personal gab es acht Fälle, einer davon wurde durch den PCR-Test bestätigt.

Schnelltests bieten keine 100-prozentige Sicherheit, daher ist ein PCR-Test zur Bestätigung erforderlich. Virologen wie der Bremer Andreas Dotzauer betonen: Jeder durchgeführte Test sei besser als gar keiner.

Die verpflichtenden Schultestungen sind gut, um mögliche Fälle früh zu erkennen und aus dem Geschehen zu nehmen. Zusammen mit umfassenden Hygienemaßnahmen ist gut möglich, dass das ausreicht, es darf aber nicht der falsche Eindruck entstehen, Tests alleine lassen sicheren Schulbetrieb zu.

Der Bremer Gesundheitsexperte Hajo Zeeb.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Schwankende Zahlen

Insgesamt galten am Montag in der Stadt Bremen 51 Kinder und Jugendliche sowie 3 Lehrkräfte laut Zahlen des Gesundheitsamtes als positiv getestet, 841 Schüler und Schülerinnen seien in Quarantäne sowie 82 Arbeitskräfte. Seit Beginn des Schuljahres seien insgesamt 981 Schülerinnen und Schüler, 194 davon in Grundschulen, sowie 152 Lehrkräfte, 76 an Grundschulen, positiv getestet worden. Die Zahlen beziehen sich auf die 181 Schuleinrichtungen der Stadt Bremen mit knapp 74.000 Schülern und Schülerinnen. Vor den Osterferien war die Zahl der aktuellen Infektionen unter den Schülern steigend, nach den Osterferien sinkend und nun doch leicht wieder steigend.

An den Kitas der Hansestadt gebe es derzeit 24 gemeldete Fälle unter Kindern und 26 unter Pädagogen und Mitarbeitern. Seit Beginn des Kita-Jahres würden insgesamt 127 Kinder und 332 Beschäftigte in den 435 Kindertagesstätten der Stadt Bremen positiv getestet.

Epidemiologe: Wissenschaftliche Bedeutung der Marke 165 unklar

Nicht ganz eindeutig ist, wieso der Schwellenwert 165 für die Schulschließungen im neuen Gesetzentwurf gewählt wurde. "Den Wert 165 wird man kaum wissenschaftlich herleiten können", sagt Zeeb dazu. Das Bundesgesundheitsministerium verwies auf Nachfrage auf das Bundesinnenministerium, das mitteilte:

Die Bundesregierung hat am Dienstag, den 13. April, eine Formulierungshilfe für das Infektionsschutzgesetz beschlossen. Mit dem Gesetz wird sich jetzt der Deutsche Bundestag befassen. Ich bitte um Verständnis, dass das BMI aus Respekt vor dem Gesetzgebungsprozess keine hypothetischen Fragestellungen beantworten kann.

Mark Wede, Sprecher des Bundesinnenministeriums

Laut Agenturen sagte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, man habe sich bei dem Wert von 165 am aktuellen bundesweiten Durchschnittswert orientiert. In einem Schreiben gingen Unionspolitiker davon aus, dass "das Infektionsgeschehen an Schulen unterhalb dieser Schwelle über regelmäßiges Testen kontrollierbar bleibt".

Neue Lüftungsprojekte an Bremer Schulen

Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, versuchen einige Schulen ihre Lüftung zu verbessern. So seien mit Stand Ende März laut Bildungsressort 910 Luftreinigungsgeräte von den Schulen bestellt worden und im Einsatz.

Am Gymnasium Links der Weser soll gerade ein neues Lüftungs-Modul ausprobiert werden, während die Gesamtschule Bremen Mitte eine eigene Lüftungsanlage nach einer Anleitung des Max-Planck-Instituts in Mainz gebaut hat. Auch das Schulzentrum Vegesack soll gerade damit experimentieren. Nicht überall darf jedoch die Lösung des Max-Planck-Instituts aufgebaut werden, wie das Gesundheitsressort mitteilt. Teilweise ließe der Zustand der Decken dies offenbar nicht zu.

Ohne vorherige genaue Prüfung darf an den üblichen, zum Teil alten Leichtbau-Decken aus Schallschutz-, Brandschutz- und Schadstoff-Beschädigungsgründen nichts installiert oder aufgehängt werden, weswegen Immobilien Bremen für nicht zugelassene Befestigungen an den Bestandsunterdecken keine Verantwortung übernehmen kann.

Fabio Cecere, Sprecher von Immobilien Bremen

* Der Text ist am 21.04.2021 mit einer weiteren Aufschlüsselung der Inzidenzen nach Altersgruppen bei Kindern ergänzt worden.

Bundes-Notbremse entschärft – und doch Schulschließungen in Bremen?

Video vom 19. April 2021
Zwei Schüler sitzen an einem Gruppentisch mit Mund-Nasen-Bedeckung.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. April 2021, 19:30 Uhr