Interview

Kühne-Chef Gernandt: "Wir müssen aufhören, alte Zöpfe zu verteidigen"

Video vom 18. August 2021
Karl Gernandt steht an einem Pult und hält eine Rede.
Bild: DPA | picture alliance / R. Goldmann | Ralph Goldmann
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Die Kühne Holding AG bezieht Position: Warum Bremen und Hamburg ihre Häfen künftig gemeinsam betreiben sollten, erklärt der Chef des Unternehmens, Karl Gernandt.

Wie schätzen Sie die Lage ein zwischen Hamburg und Bremen. Wer sitzt da am längeren Hebel?
Es geht nicht darum, wer am längeren Hebel sitzt. Ich glaube, dass in beiden Städten der politische Wille erkennbar sein sollte, eine große Lösung zu denken. Man sollte die Chance wahrnehmen, die wir nun haben. Nach den Erfahrungen durch die ganzen Logistik-Engpässe, die wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, sollte man darüber nachdenken: Wie kann man die Logistik-Standorte Bremen und Hamburg so organisieren, dass beide Seiten am Ende besser dastehen als momentan.
Wie groß ist der Druck aus Ihrer Sicht mittlerweile? Es wird ja immer gerne Rotterdam bemüht an der Stelle auch von der deutschen Politik – oder ist es mehr die Konkurrenz im Inland, die uns Probleme bereitet?
Man muss ganz deutlich sagen, dass sich der Norden schon anders sortiert und noch sortieren wird, anders als das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Wir beobachten das Wachstum in Antwerpen, wir beobachten die Professionalität in Rotterdam, wir beobachten einen doch bemerkenswerten Erfolg in Duisburg, als Inlandshafen: Aber wir stellen auch fest, dass die Pläne für Bremerhaven und für Hamburg nicht alle so aufgegangen sind, wie sie das mal in irgendwelchen Entwicklungsszenarien tun sollten. Und da glauben wir, dass wir durchaus einen kombinierten Ansatz brauchen. Momentan haben wir Schwierigkeiten, zwischen 120 Kilometer auseinanderliegenden Hafenkanten, einen Weg zu finden, der im internationalen Wettbewerb eine klare Sprache spricht.
Die Entscheidung einer Zusammenarbeit ist im Grunde also schon überfällig?
Ja, wir haben viel Zeit vertan und sicherlich gab es auch immer viele Gründe, warum es gerade nicht passt. Aber der weltweite Handel zieht momentan die Lehren aus den letzten 18 Monaten. Und dazu gehört auch die Blockade des Suez-Kanals durch das Containerschiff "Ever Given". Da haben wir auf einmal gelernt, wie wichtig ein durchfließender und verlässlicher Seeverkehr für die gesamte Welt ist. Das müsste uns eigentlich aufrütteln und uns veranlassen zu sagen: Wir müssen das Thema jetzt mal angehen und es jetzt nicht breit treten, sondern spitz denken.
Nun gibt es den Brief von Klaus-Michael Kühne an die Regierungen von Hamburg und Bremen. Er will damit Impulse setzen und etwas anschieben. Er hat ja auch gesagt, er wäre bereit Geld miteinzubringen. Was kann er sich da genau vorstellen? Worum geht es da?
Also das Wichtigste ist ja erstmal, dass Herr Kühne einen Appell an die Politik richtet. Es gibt niemand anderen, der so qualifiziert ist über Seefracht in Deutschland zu sprechen. Die Familie ist seit drei Generationen der führende Seefracht-Spediteur und mit Bremen und Hamburg aufs engste verbunden. Herr Kühne ist ein Mensch, der gerne optimiert und der sich schwertut, wenn Dinge zu lange ineffizient durch den Tagesablauf daddeln. Es kann durchaus die Situation entstehen, dass die Bundesländer und die politischen Einheiten finanzielle Lücken sehen, um Optimierungen umzusetzen.
In der Kühne-Holding bündeln wir ja alle übergeordneten Interessen, um Logistik noch geschmeidiger, noch besser vernetzt werden zu lassen. Und das ist das Urdenken der Familie Kühne: immer zu versuchen die Dinge nach vorne zu treiben und effizienter hinzubekommen. Und wenn dafür Geld notwendig ist, dann ist die Kühne-Holding sicher auch in der Lage, einen Beitrag zu leisten.
Wir wollen einfach vermeiden, dass es später heißt: 'aus finanziellen Gründen geht jetzt irgendwas nicht'. Denn das ist ja oftmals so ein Totschlagargument um politisch nicht ganz passende Entwicklungen dann auf die Seite zu legen. Das würde dieses Mal jetzt nicht so wirklich gut funktionieren können.
Können Sie sagen, wie zufrieden Herr Kühne mit den Reaktionen auf den Brief ist?
Erfreulicherweise hat Herr Kühne offene Ohren und offene Augen an beiden Standorten bekommen. Wir gehen jetzt sicherlich davon aus, dass es auch zu einem großen runden Tisch kommt, an dem wir unsere Gedanken miteinbringen können und wo wir auch der Politik intensiv zuhören möchten. Wir wollen der Moderator dieses Prozesses sein, der ja offensichtlich, wenn man den öffentlichen Informationen Glauben schenkt, schon seit einiger Zeit geführt, aber noch nicht abgeschlossen ist.
Klaus-Michael Kühne steht neben Karl Gernandt
Klaus-Michael Kühne (links) fordert eine Kooperation der Häfen von Bremen und Hamburg. Karl Gernandt, Chef der Kühne-Holding, untermauert die Notwendigkeit. Bild: DPA | picture alliance / Christian Charisius/dpa | Christian Charisius
Es gibt auf Bundesebene die Debatte über die Deutsche Bucht AG, dass man sozusagen einen Rahmen schafft und dann die Unternehmen machen lässt. Wie schätzen Sie das ein?
Also ich glaube wir sollten das Gespräch, das wir mit der Politik führen wollen, nicht vorwegnehmen. Aber jeder Lösungsansatz, der zu einer engeren Abstimmung und zu einer besseren Koordination führt, wäre ein Schritt nach vorne in die richtige Richtung. Und wir müssen aufhören, alte Zöpfe zu verteidigen.
Wir müssen uns überlegen, was passiert eigentlich im internationalen Seefrachtbereich und welche Anforderungen haben Reedereien. Der Konsolidierungsprozess dort schreitet voran, Abhängigkeiten entstehen auf einmal – das sind ja Dinge, mit denen man die Politik vertraut machen muss. Und ich glaube, da können wir helfen.
Also unterm Strich: Die Länder und der Bund sind aus Ihrer Sicht aufgefordert, das Ganze jetzt voranzutreiben, und die Unternehmen stehen dabei erstmal in zweiter Reihe?
Richtig. Es ist primär der politische Wille, den Herr Kühne mit seinem Appell an die Politik gerichtet hat: 'Denkt nochmal nach und lasst das Thema nicht hinten runterfallen'. Denn das Thema hat die Politik von sich aus vor zwölf Monaten selber auf die Agenda gesetzt, aber wir sind da nicht weit genug gekommen bisher. Es wird ein langer Weg sein und wir müssen gucken, wo wir am Ende zusammenkommen.

Autor

  • Dirk Bliedtner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 18. August 2021, 19:30 Uhr