Interview

Bremer Pflegedienst-Chefin: "Wenn ich jetzt nichts sage, platze ich"

Andrea Hugo hat einen ambulanten Pflegedienst. Sie schrieb Bundesgesundheitsminister Spahn einen Brandbrief. Ihr Bereich werde vergessen, sogar einen Keil treibe man in die Branche.

Wundversorgung durch eine Krankenpflegerin beim Patienten zu Hause.
Ambulante Pflegedienste übernehmen einen wichtigen Teil in der Versorgung von kranken und alten Menschen. Bild: DPA | McPHOTO/BilderBox/Blickwinkel
Frau Hugo – Sie haben dem Bundesgesundheitsminister einen offenen Brief zur Lage in der ambulanten Pflege geschrieben. Man kann das auch einen Brandbrief nennen. Was sind Ihre zentralen Anliegen?
Mein zentrales Anliegen ist, dass Herr Spahn die Idee mit den Schnelltests hatte. Das ist eigentlich eine sehr gute Idee. Denn unser Problem ist ja, dass wir Mitarbeiterinnen mit Grippesymptomen zu einem Arzt schicken müssen, damit ein PCR-Test gemacht wird. Das dauert halt sehr, sehr lange und da fällt die Mitarbeiterin locker drei bis vier Tage aus. Der Schnelltest gibt uns jetzt sehr schnell Sicherheit. Damit können wir selber sofort tätig werden, sobald irgendjemand Symptome hat oder auch bei Patienten. Denn das gibt es ja auch häufiger, dass Patienten aus dem Krankenhaus entlassen werden, wo es Covid-Fälle gab.
Andrea Hugo, Chefin der Hauskrankenpflege Andrea Hugo
Andrea Hugo ist Gründerin eines Pflegedienstes. Sie hat dem Bundesgesundheitsminister einen Brandbrief zur Lage in der ambulanten Pflege geschrieben. Bild: Hauskrankenpflege Andrea Hugo | privat
Was ist denn dann das Schlechte an der Idee?
Das Problem ist, dass die Refinanzierung nicht geregelt ist. Also - wir bekommen die Tests bezahlt. Nicht aber die Personalkosten. Als Spahn das auf den Weg gebracht hat, da wurde darüber nicht gesprochen. Jetzt lautet das Angebot neun Euro für 20 Minuten Arbeitszeit. Das Ganze soll eine examinierte Krankenschwester leisten und das ist wirtschaftlich einfach unmöglich für diesen Satz. Darüber bin ich wirklich entsetzt, das ist eine schallende Ohrfeige.
Sie sagen, Sie sind entsetzt. Sie schreiben, Sie seien wütend und verzweifelt. Und den Umgang der Politik mit der ambulanten Pflege nennen Sie im Brief menschenverachtend. Das ist ja sprachlich alles ziemlich weit nach oben ins Regal gegriffen. Was bringt Sie so in Rage?
Die Geschichte ist die, dass wir seit März eine ganze Menge ausgehalten und uns wirklich extrem verbogen haben. Es gab ja in Bremen zum Beispiel diesen Krisenstab, aber da war ambulante Pflege überhaupt nicht Thema und ich habe Politikern die ganze Zeit gesagt: Leute wir brauchen Antworten, wir haben kein Schutzmaterial, wir haben kein Desinfektionsmittel. Wir mussten das alles selber stemmen. Es ist wirklich bei mir so gewesen, dass Mitarbeiter, die Angehörige bei den Stahlwerken oder in einer Lackiererei haben, uns dann was organisiert haben, damit wir überhaupt die Mitarbeiter losschicken konnten.
Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, gibt eine Pressekonferenz zu den Themen Pflege und der Entwicklung in der Corona-Pandemie.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt seine im Kern gute Idee schlecht um, klagt Andrea Hugo. Bild: DPA | Kay Nietfeld
Was unterscheidet die Lage in der ambulanten denn von der in der stationären Pflege so grundlegend?
Wir fahren zu den Leuten nach Hause. Wir könnten ja im Grunde genommen, wenn man das mal wirklich überlegt, sehr gefährliche Spreader sein. Wir fahren hier durch den Stadtteil.
Ist es denn so, dass man sagen kann: Durch diese ambulante Tätigkeit ist auch Ihr persönliches Ansteckungsrisiko viel höher als für eine Pflegekraft auf einer Station?
Natürlich. Wir haben zum Beispiel Familien, wo 20 Angehörige sitzen, wenn wir da reinkommen. Und wir wissen ja gar nicht, wer geht da denn ein und aus. Wir haben händeringend darum gebeten, dass wir bitte testen dürfen, dass wir die Sicherheit haben, dass die Mitarbeiter regelmäßig getestet werden. Da habe ich hier in Bremen rumtelefoniert und da hieß es: 'Ja Frau Hugo, das müssen sie als Arbeitgeber selber bezahlen, der Test kostet sie 200 Euro'. Da fallen sie einfach vom Glauben ab. Was ist denn da bitte die Logik dahinter?
Kann man da am Ende von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Pflege sprechen? Die in den stationären Einrichtungen und die Kräfte in der ambulanten Pflege?
Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft haben wir sowieso. Wenn wir nur mal überlegen wie, die Pflegekräfte in den Kliniken vergütet werden und im ambulanten Bereich. Da liegen wir schon bei 200 bis 300 Euro brutto in der Differenzen. Oder wenn wir an die Bonuszahlungen denken: Für mich war eigentlich von vornherein klar, dass das alle Pflegekräfte bekommen. Jetzt höre ich, die Kolleginnen in der Klinik bekommen es gar nicht. Kann mir das bitte mal einer erklären, warum die es jetzt wieder nicht nicht bekommen? Die waren ja nun wirklich an aller vorderster Front. Da werden ja auch Keile zwischen uns getrieben. Das gleiche ist ja mit der Test-Verordnung. Die Klinik bekommt zwölf Euro erstattet und wir bekommen nur neun Euro erstattet.
Wenn Sie jetzt diesen Protest äußern und konkrete Maßnahmen und Antworten fordern – wissen Sie dabei eigentlich auch weitere Pflegedienste, Gepflegte oder Angehörige von Gepflegten oder auch die Kolleginnen und Kollegen aus den Stationen an Ihrer Seite?
Das ist jetzt echt eine Einzelaktion, die ich da gestartet habe. Wir haben ja momentan nicht so viel Kontakt zu den Kollegen. Und ich habe da letzte Woche ein bisschen Luft gehabt und habe das Ganze mal einfach ein wenig Revue passieren lassen.
Ein Arzt gibt einen Bluttropfen auf einen Corona-Schnelltest
Die Finanzierung dieser Schnelltests für Pflegekräfte ist Stein des Anstoßes. Bild: Radio Bremen
Läuft Ihr Brief denn zusammengefasst auf 'Wir brauchen mehr Geld' hinaus? Oder steckt da noch viel mehr dahinter? Der Wunsch, das Bedürfnis, wirklich mal zur Kenntnis genommen und ernst genommen zu werden? Kurz – so etwas Schönes wie Wertschätzung zu erfahren?
Also, in diesem konkreten Fall geht es jetzt darum, dass die Umsetzung dieser Idee von Herrn Spahn an der Umsetzung durch die Kostenträger scheitert ...
... die Kostenträger sind die Pflege- und Krankenkassen ...
Ja. Es werden tolle Gesetze geschrieben. Aber dann schreiben die gesetzlichen Krankenkassen eine Richtlinie dazu, die am Ende eine Verhinderungs-Richtlinie ist. Da werden Dinge reingeschrieben, die in der Praxis gar nicht umsetzbar sind.
Eine junge Frau sitzt am Bett einer älteren Dame und hört ihr zu.
Ambulante Pflege ist eine zeitaufwändige Sache. Bild: Imago | Ute Grabowsky / photothek
Nun haben Sie sich mit diesen Dingen sehr intensiv befasst. Können Sie sich vorstellen, Ihre Forderungen, Ihren Protest auch noch auf andere Weise als durch so einen offenen Brief zu zum Ausdruck zu bringen und für deren Umsetzung zu kämpfen?
Für mich war der Druck so groß, dass ich gesagt habe: Wenn ich jetzt nichts sage, dann platze ich irgendwann. Ich bin ja auch kein unbeschriebenes Blatt. Ich habe in Bremen einige Kampagnen gemacht. Die Initiative 'Pflege am Limit' habe ich gemacht. Vor einigen Jahren haben wir eine große Demonstration mit über 3.000 Leuten auf dem Marktplatz gemacht.
Das meine ich – Sie sind ja durchaus kampagnenerprobt. Deshalb frage ich ja, ob Sie sich vorstellen können, das was sie jetzt hier erst in Form dieses Briefes artikuliert haben auch noch auf andere Weise in die Öffentlichkeit und an ihre Gesprächspartner heranzutragen.
Das liegt ein bisschen auch an meinen Kollegen, wie viel Interesse die haben, das auch durchzusetzen. Da ist die Pflege leider unglaublich träge. Da ist einfach auch gar keine Zeit und keine Kraft, sich irgendwie zu engagieren. Das macht man ja nicht mal eben so nebenbei. Diese Kampagne damals hatte anderthalb Jahre Vorbereitung.
Wenn Sie nun also nicht spontan an eine Fortsetzung dieser Aktion denken – was erhoffen Sie sich denn dann von so einem Brief an den Bundesminister, den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung und die Bremer Gesundheitssenatorin?
Ich hoffe, dass die einfach nochmal nachdenken. Mir war es jetzt einfach wichtig. Es kommt jetzt immer in den Medien, die Arbeitgeber müssten mehr bezahlen. Ja, sicherlich richtig. Aber die Bundesregierung hatte ja jetzt mal die Möglichkeit selber unter Beweis zu stellen, was ihr eine examinierte Krankenschwester Wert ist. Und für 20 Minuten neun Euro – das ist ja mal richtig viel. Wir sind gerade dabei zu bauen. Und als das raus kam, war gerade der Elektriker auf der Baustelle. Da habe ich zu dem gesagt: In 20 Minuten können Sie doch noch mal eben für neun Euro die und die Dose mit anbringen. Da hat er mich angeguckt und gefragt: 'Frau Hugo - geht es Ihnen nicht gut?'. Ich will gar nicht maßlos sein. Aber wenn wir uns überlegen, was unserer Gesellschaft Pflege eigentlich Wert ist, oder unserer Bundesregierung, dann finde ich das schon einen echten Schlag ins Kontor.

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Video vom 23. November 2020
Bei einer Frau wird ein Coronatest gemacht.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 30. November 2020, 23:30 Uhr