"Ein Desaster": Wie Videokonferenzen Bremens Hotels Konkurrenz machen

Eine Studie zeigt: Geschäftsreisen sind out – und bleiben es wohl. Dabei machten sie bis Corona zwei Drittel der Übernachtungen aus. Wie sich das noch entwickelt, ist offen.

Video vom 5. Juli 2020
Eine Fassade mit Schildern angebrahct, die "Hotel" ausbuchstabieren.
Bild: Radio Bremen

"Gehe zurück auf Los". Dieses Motto aus Monopoly wird nach Corona vermutlich nicht für Hotellerie und Gastgewerbe gelten. Zumindest, wenn Stefan Sauer vom Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München richtig liegt. Der Wirtschaftsforscher hat sich in Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe umgehört und erfahren, dass zahlreiche Unternehmen Geschäftsreisen einschränken wollen.

57 Prozent der deutschen Unternehmen halten es für wahrscheinlich, dass sie ihre Geschäftsreisen dauerhaft einschränken als Folge der Coronakrise.

Stefan Sauer, Ifo-Institut

Bremens Chef vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband, Detlef Pauls, vom Hotel Munte am Stadtwald, versucht gar nicht erst dagegen zu halten: "Da gehe ich auch von aus," sagt er. Zahlen wie vor Corona könnten dauerhaft Geschichte bleiben.

Etwa 1,5 Millionen geschäftliche Übernachtungen

Detlef Pauls, Vorsitzender Landesverband Bremen der DEHOGA
Der Bremer Dehoga-Chef Detlef Pauls fürchtet ausbleibende Geschäftsreisen. Bild: Radio Bremen | Tammo Jans

Für das vergangene Jahr berichtet die Wirtschaftsförderung Bremen (WfB) von etwa 2,4 Millionen Übernachtungen in der Stadt Bremen. "Etwa zwei Drittel entfallen auf Geschäftsreisende," erläutert Pauls; das wären ganz grob überschlagen 1,5 Millionen Übernachtungen. Das ist ein Wert, bei dem schon geringe prozentuale Verluste eine nennenswerte Menge real ausgefallener Hotelbuchungen bedeuten würden.

Zwar hat das Ifo-Institut keine qualitative Studie zum Thema gemacht, die auf alles und jedes Antwort gibt. Es ist mehr ein Nebenbefund aus einer Konjunkturumfrage. Einiges muss daher Spekulation bleiben. Doch an einer Stelle ist Sauer überzeugt: "Ich gehe davon aus, dass viele Firmen gesehen haben, dass viele Sachen ohne Reisen gehen." Da hat Corona einen echten Lerneffekt gebracht.

Faktoren sind Corona-Technik und auch Klimakrise

Und sicher auch einen investiven: Vielerorts ist extra teure Infrastruktur gekauft worden, um jederzeit sichere, leistungsfähige Videokonferenz-Systeme mit ordentlichen Kameras, Groß-Monitoren, und Raum-Mikros nutzen zu können. Das soll nun auch nicht alles für die Tonne sein, selbst wenn Reisen nach und nach wieder möglich werden.

Und dann sieht Sauer im Gespräch mit buten un binnen auch noch das bis Corona alles andere überstrahlende Thema: Klimaschutz. Reisen ist verpönt, hier lässt sich die Rettung aus der eigenen Not mit dem Aufpolieren des eigenen Images verbinden: 'Wir vermeiden Reisen!'. Der einzige Bereich, der dafür eigentlich nicht in Frage komme, sei der Vertrieb, so Sauer: "Vertreter" müssten das persönliche Gespräch suchen.

"Desaster für Bremerhaven"

Piet Rothe
Auch Piet Rothe, Dehoga-Chef in Bremerhaven, befürchtet harte Zeiten für Hoteliers. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

In Bremerhaven führt Piet Rothe nicht nur das Hotel Amaris, sondern auch den örtlichen Dehoga-Verband. "Das wäre ein Desaster" beschreibt er die denkbaren Folgen einer nachhaltigen Reise-Zurückhaltung von Geschäftsleuten mit gerade vier Worten. Schon ein Rückgang um lediglich zehn Prozent würden die Branche in Bremerhaven hart treffen, zumal dort in den vergangenen Jahren gerade mehr Hotel-Kapazitäten geschaffen wurden – und noch geschaffen werden –, die alle auf der Idee basierten, dieses Geschäft sei noch ausbaubar.

Nach Angaben der Wirtschaftsförderung gab es im vergangenen Jahr etwa 465.000 Übernachtungen in Bremerhaven. Irgendwo zwischen der Hälfte und zwei Dritteln dürfte die Geschäftsreisenden-Quote gelegen haben, schätzt Rothe. Für Bremerhaven seien sie "extrem wichtig". Und da Corona nicht die erste Krise war und nicht die letzte bleiben wird, drängt er sehr darauf, den weiteren Ausbau mit Bedacht statt mit Gewalt zu planen.

Entscheidend wird sein, welche Reisen wegfallen

Ein leeres Hotelzimmer.
Nicht jede abgesagte Dienstreise hat ein leeres Hotelbett zur Folge. Bild: Imago | PhotoAlto

Das Beherbergungs-Gewerbe stockt bei dem Gedanken, dass es kein Zurück auf den Stand vor Corona geben soll. Wenngleich buchstäblich abzuwarten bleibt, was es am Ende quantitativ bedeutet, dass die Mehrheit der deutschen Firmen Geschäftsreisen einschränken will. Denn da gibt es höchst unterschiedliche Typen von Reisen: Die Tagesreise morgens hin, Sitzung, abends zurück. Das lässt Hotels noch relativ kalt, das lässt kein Bett unbelegt, das sonst gebucht worden wäre. Nur die Gastronomie würde darunter leiden.

Dann gibt es die Einzelreisen etwa von Beratern, die für ein, zwei Nächte in eine andere Stadt reisen, dort ihre Termine abklappern und wieder nach Hause entschwinden. Die fehlen in nahezu jedem Hotel, wenn sie von ihrer Firma Reiseverbot kriegen, betont Pauls. Und es gibt die Tagungen, Konferenzen, Messen, die die größeren Häuser, die auch noch Veranstaltungs-Räume vermieten, doppelt treffen, wenn sie mangels Besuchern ausfallen sollten.

Besprechungen am Bildschirm, Tagungen im Saal

Ifo-Mann Sauer vermutet, dass es vor allem die Tagesreisen und kleinen Treffen sind, bei denen die Firmen versuchen werden, sie durch Telefon- und Video-Konferenzen zu ersetzen. Der Berater, der zu seinem Kunden irgendwo im tiefsten ländlichen Raum ohne Bahnanschluss muss und während der Autofahrt nicht mal Aktenstudium betreiben kann, wird sehr versucht sein, die Drei-Stunden-Besprechung mit vier Mitarbeitern des Kunden auf den heimischen Bildschirm zu verlagern. Das geht technisch, das funktioniert auch noch inhaltlich.

Ein Geschäftsmann im Anzug, trägt einen Becher Kaffee und zieht einen Rollkoffer über die Straße.
Der Geschäftsreisende könnte ein knappes Gut werden, warnt das Ifo-Institut. Bild: Imago | Westend61

Anders sieht das bei größeren Tagungen aus. Denn von guten Konferenzen weiß jeder, der sich ein wenig auskennt: Die Pausen sind oftmals wichtiger als das eigentliche Programm. Dort werden Kontakte geknüpft und am Kaffeetisch im Dreier-Gespräch unkonventionelle Lösungen für Probleme gefunden, die in großer Runde gerade eben noch ein ganz dickes Brett waren.

Solche Zusammenkünfte funktionieren per Video nicht wirklich, sagt Dehoga-Chef Pauls: "Online-Meetings sind nicht wirklich so toll. Viele arbeiten da nebenbei noch was anderes." Stimmt zum Teil, zum Teil muss der Hotelier das natürlich auch sagen, um den Nutzen einer Tagung in seinem Haus zu unterstreichen.

"Auch gelernt, was per Video nicht geht"

Und auch Maike Bialek von der Wirtschaftsförderung Bremen (WfB) hält da dagegen: Der Lerneffekt habe nicht nur gezeigt, was geht – sondern auch, was nicht. Wirklich gut und erfreulich seien die wenigsten Videokonferenzen. Und überall dort, wo es wirklich kreativ zugehen muss, sei vollkommen klar geworden, dass nichts über ein Treffen unter Anwesenden geht. Zwar zweifelt sie die Ifo-Studie nicht grundsätzlich an, erwartet aber weniger dramatische tatsächliche Folgen:

Wir gehen nicht von einer eklatanten Entwicklung aus.

Maike Bialek, Wirtschaftsförderung Bremen

Die WfB ihrerseits werden noch mal mehr daran arbeiten, attraktive Konferenz-Bedingungen und –Angebote zu schaffen, um möglichst viele Tagungen und damit auch Besucher nach Bremen zu locken.

Handelskammer zieht Bilanz – und die sieht nicht gut aus

Video vom 17. Dezember 2019
Die Industrie-und Handelskammer bei der Pressekonferenz.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Juli 2020, 19:30 Uhr