Wie die CDU mithilfe von Daten auf Stimmenfang geht

Vor der Bundestagswahl setzen die Parteien auf Haustürwahlkampf. Was traditionell klingt, ist digital organisiert. Die CDU nutzt eine App – gefüttert mit Daten.

Hand mit Smartphone mit CDU-Wahlapp vor einer Haustür
Hat mich der Bewohner des Hauses freundlich empfangen, neutral oder ablehnend? Mit drei Smiley erfassen die Wahlkampfhelfer die Reaktionen.

Einfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten, Autos in Carports: ein Straßenblock in Bremen-Osterholz. Claas Rohmeyer macht Wahlkampf, dort, wo er sich auskennt. Der CDU-Bundestagskandidat ist hier aufgewachsen, lief auch schon vor der letzten Bürgerschaftswahl durch diese Straßen. Doch diesmal ist es anders: Rohmeyer klingelt an jeder Tür und trifft auf überraschte Gesichter: "Hatten wir noch nie", sagt eine Anwohnerin. "Ungewohnt“, meint deren Schwiegertochter. "Vor zwei Jahren habe ich Ihnen was in den Briefkasten geworfen, da habe ich nicht geklingelt", räumt der Politiker ein.

Mit Daten die eigenen Wähler finden

Das persönliche Gespräch ist wieder modern, denn es kann Wähler mobilisieren. Alle Parteien setzen deshalb auf den Haustürwahlkampf. Die CDU nutzt dafür eine Smartphone-App: Connect 17. Die App basiert auf einer feinen Wahlkreisanalyse, es fließen frühere Wahlergebnisse und soziodemografische Daten ein, wie das Einkommen der Anwohner, oder wo Familien leben. So wissen Rohmeyer und die anderen Wahlkampfhelfer, wo sie CDU-freundliche Wähler erreichen und klingeln nur bei denen, die für die eigenen Botschaften wahrscheinlich empfänglich sind. 700.000 Haushalte hat die CDU nach eigenen Angaben bislang so erreicht.

Der Bremer CDU-Bundestagskandidat Claas Rohmeyer und der JU-Landesvorsitzenden Philipp van Gels sowie eine weitere Helferin auf Haustürwahlkampf.
Claas Rohmeyer, Philipp van Gels und Ann-Kathrin Mattern auf Haustürwahlkampf in Bremen-Osterholz. Bild: Birgit Reichardt

Die Idee, Daten für den gezielten Haustürwahlkampf zu nutzen, ist nicht neu. Auch die Bremer SPD stützt sich auf frühere Wahlergebnisse und Daten wie die Alters- und Berufsverteilung eines Stadtteils. Diese Daten sind nicht geheim und von den statistischen Landesämtern zu bekommen. Außerdem kenne jeder seinen Wahlkreis, sagt der medienpolitische Sprecher der SPD Bremen, Rainer Hamann. Man wisse, wo man die eigenen Wähler findet. Doch Klemmbrett und Kuli, oder das Wahlkampf-Tool der SPD "Kampa17", sind in ihren Möglichkeiten nicht vergleichbar. Sie können die Wahlkampfhelfer zurzeit kaum so motivieren, wie die App.

Politikberater und Blogger Martin Fuchs spricht sogar von einem "Killer"-Tool der CDU. Denn wer Wähler mobilisieren will, muss erst einmal Wahlkampfhelfer motivieren. Und auch das könne die App besonders gut, so Fuchs weiter. Für jede Haustür bekommt ein Wahlkampfhelfer 100 Punkte gutgeschrieben. Gamification nennt man das, in die App ist eine Art Spiel integriert. Das führt zu ausgeprägten Wettbewerben. Jeder will der beste Wahlkampfhelfer werden, genannt "Kanzlerinnenmacher". Das spornt an, sagt der Landesvorsitzende der Jungen Union, Philipp van Gels.

Wie viele Türen man geschafft hat, wie weit man gekommen ist, und ja, dann motiviert das Ranking schon ein bisschen, wenn man die Spitzenkandidaten darüber sieht, die man einholen möchte, und die anderen, die man aus der Jungen Union kennt, und dann denkt man, dass es schon ein bisschen anspornt.

Philipp van Gels, Landesvorsitzender Junge Union Bremen

Und die App kann noch mehr: Mit jeder Haustür kommen neue Daten dazu.

Das Bild des Stadtteils mit neuen Daten schärfen

CDU-Generalsekretär Peter Tauber steht in Bremen mit Bundestagskandidatin Bettina Hornhues und Passanten in der Überseestadt.
CDU-Generalsekretär Peter Tauber eröffnete Anfang August den Haustürwahlkampf in Bremen. Rechts die Bremer Bundestagskandidatin Bettina Hornhues.

Hat ein Mann oder eine Frau die Tür geöffnet, wie alt war der Anwohner und hat er die Wahlkampfhelfer freundlich empfangen, neutral oder ablehnend? Rohmeyer und van Gels erfassen auch die Reaktionen der Bürger, das Bild dieses Stadtteils wird immer genauer. Die Funktion hat Datenschützer auf den Plan gerufen, doch bislang wurde sie nicht beanstandet. Bei den drei diesjährigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, Saarland und Schleswig-Holstein wurde die App auch schon erfolgreich eingesetzt.

"Jede Tür zählt", sagte auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber, als er in Bremen Anfang August den Haustürwahlkampf eröffnete. Die Daten werden anonym erfasst, jede Haustür wird aber auf einen Umkreis von "etwa 250 Metern hochgerechnet", so Tauber. 250 Meter entsprechen wohl einer Handvoll Häusern, mit diesem Wissen können Bürger künftig noch gezielter anvisiert werden. Poltikberater Fuchs sieht zurzeit dennoch keine Gefahr.

Datenwahlkampf ist noch nicht so groß und so stark, weil wir in Deutschland sehr datenschutzsensibel sind zum Glück. Parteien können nicht so viel machen wie in Dänemark, Großbritannien, USA. Wir prodzuieren Milliarden Daten täglich, aber 2017 werden die noch keinen entscheidenden Einfluss auf den Wahlkampf haben.

Martin Fuchs, Politikberater und Blogger

Doch wie sieht es zur Bürgerschaftswahl 2019 aus? Der Datenschutz in Deutschland setzt enge Grenzen. Und laut CDU muss man abwarten, ob die jetzt erfassten Daten in kommenden Wahlkämpfen weiterhelfen werden. Ausreißer wird es aber wohl immer weniger geben, wie diesen in Bremen-Osterholz: "Guten Abend, ich würde ihnen gerne Informationen da lassen." "Nee, ich habe mit der CDU nichts am Hut." "Das war jetzt ein Mann, der eher nichts mit der CDU zu tun haben wollte, deshalb nehmen wir den traurigen Smiley – wieder einer erfasst."

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 5. September, 17.20 Uhr

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