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Neue Glücksspielregeln: Das ändert sich für Bremer Spieler und Zocker

Audio vom 22. Juni 2021
Eine Mitarbeiterin einer Merkur-Spielhalle in Düsseldorf sitzt an einem Spielautomaten.
Eine Mitarbeiterin einer Merkur-Spielhalle in Düsseldorf sitzt am Donnerstag (12.01.2012) an einem Spielautomaten. Bild: DPA | picture alliance / dpa | Federico Gambarini
Bild: DPA | picture alliance / dpa | Federico Gambarini

Ab Juli regelt ein Staatsvertrag auch in Bremen das Glücksspiel neu. Bislang Illegales ist künftig erlaubt. Kritiker zweifeln, dass dies Spielsüchtigen hilft.

Pferdewetten, Casinos und Spielautomaten haben lange das Glücksspiel in Deutschland geprägt. Seit der Jahrtausendwende hat sich jedoch das Geschäft mit Online-Wetten und Online-Casinos immer stärker ausgebreitet – ohne dass es dafür eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer gab. Das soll sich durch den neuen Glücksspielstaatsvertrag ändern, der am 1. Juli 2021 in Kraft tritt. Wir haben die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

Wie verbreitet ist legales Glücksspiel in Deutschland?
Im deutschen Markt für legale Glücksspiele lagen die Bruttospielerträge im Jahr 2019 bei gut elf Milliarden Euro. Das heißt, so viel Geld verloren die Spieler an Automaten, in Casinos oder beim Lotto und Toto. Zu den im jüngsten Jahresreport der Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder aufgeführten legalen Anbietern gehören rund 9.000 Spielhallen, rund 45.000 Gaststätten, 16 Landeslotteriegesellschaften sowie 45 Rennvereine, die Pferdewetten anbieten. Auch die rund 70 staatlichen Spielbanken zählen dazu, wie zum Beispiel das 1980 eröffnete Casino Bremen.
Wie groß ist der illegale Glücksspielmarkt?
Gut 2,2 Milliarden Euro, 17 Prozent der Bruttospielerträge in Deutschland, flossen 2019 in die Kassen illegaler Glücksspiel-Anbieter. Zu diesen zählen beispielsweise die rund 4.500 stationären Wettbüros in Deutschland sowie rund 1.000 Online-Wettanbieter, Online-Casinos und ähnliche Angebote in deutscher Sprache. Ein weiterer Teil entfällt auf unerlaubt aufgestellte Geldspielgeräte und andere Spielautomaten in Wettbüros, Sportbistros, Scheinspielhallen und Spielcafés.
Warum ist der Anteil illegaler Glücksspiele so hoch?
Vor allem Online-Angebote sind bis heute illegal, weil der Gesetzgeber die Regulierung seit gut zwei Jahrzehnten vor sich herschiebt. Dabei geht die rasante Zunahme von Online-Sportwetten und Online-Glücksspielen schon auf das Ende der 1990er Jahre zurück – als die Glücksspielgesetze in Deutschland noch nicht an diese neuen Spielformen angepasst worden waren. In Bremen führte dies beispielsweise dazu, dass der SV Werder in der Saison 2006/2007 das Logo seines damaligen Trikotsponsors "bet & win", aus rechtlichen Gründen nicht mehr tragen durfte. Der Club wich in der Not auf alternative Schreibweisen wie "bwin" oder "we win! " aus – bei Champions-League-Heimspielen verschwanden die Logos des damals illegalen Wettanbieters sogar ganz von der Spielerbrust.

Zwischenzeitlich – auch angesichts der sich hinziehenden Verhandlungen der Bundesländer über eine gesetzliche Regelung – wurden Online-Anbieter zwar geduldet. Doch erst mit der Verabschiedung des am 1. Juli 2021 in Kraft tretenden Glücksspielstaatsvertrags sind Online-Wetten und andere Online-Glücksspiele bundesweit legal.
Wieso hat die Einigung der Länder auf einheitliche Regeln so lange gedauert?
Ein erster Staatsvertrag zum Glücksspielwesen in Deutschland trat eigentlich schon 2008 in Kraft. Er sollte für alle Bundesländer einheitliche Rahmenbedingungen für Glücksspiele schaffen. Das Problem: Der Vertrag trat Ende 2011 wieder außer Kraft, weil die Ministerpräsidenten der Länder sich nicht auf seine Verlängerung einigten. Dem daher eilig verabschiedeten ersten Glücksspieländerungsvertrag, der die bisherigen Regeln auf Länderrechtsebene fortsetzen und eine "Experimentierphase" für Online-Wettanbieter enthalten sollte, verweigerte damals das CDU/FDP-regierte Schleswig-Holstein die Unterzeichnung. Das Land erlaubte stattdessen auf eigene Faust Online-Glücksspiele im eigenen Bundesland und vergab entsprechende Lizenzen – Werbung für das Angebot ist allerdings seither bundesweit zu sehen.

Der Versuch, 2018 einen zweiten Glücksspieländerungsstaatsvertrag zu vereinbaren, scheiterte ebenfalls. Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen scherten aus. Bremen stimmte der Regelung hingegen ebenso zu wie dem dritten Glücksspieländerungsstaatsvertrag, der 2020 in Kraft trat. Er soll nun am 1. Juli 2021 dem neuen Staatsvertrag weichen, dem alle Bundesländer zugestimmt haben.
Welche Ziele verfolgt der Glücksspielstaatsvertrag?
Der Glücksspielstaatsvertrag nennt konkrete Ziele, die durch ihn erreicht werden sollen: erstens sollen die Regeln Wett- und Glücksspielsucht verhindern, zweitens das Glücksspiel begrenzen, drittens illegale Angebote und Schwarzmärkte zurückdrängen, viertens Jugend- und Spielerschutz gewährleisten, fünftens Betrug und Kriminalität im Glücksspiel verhindern.
Auf Geldscheinen steht ein Stempel mit dem Schriftzug Spielsucht.
Der neue Glücksspielstaatsvertrag soll die Spielsucht eindämmen. Kritiker befürchten das Gegenteil. Bild: Imago | Imago / Steinach
Was ändert sich nun durch den novellierten Glücksspielstaatsvertrag?
Online-Glücksspiele: Der neue Glücksspielstaatsvertrag regelt erstmals das Online-Glücksspiel in Deutschland einheitlich. Bislang illegale Glücksspiele im Internet wie Online-Poker, Online-Roulette oder Online-Automatenspiele sind damit künftig erlaubt. Auch Live-Wetten, zum Beispiel auf das nächste Gegentor Werders, sind künftig erlaubt.
Suchtlimit: Gleichwohl gelten ab Juli neue Regeln zum Spielerschutz. So soll es bei Glücksspielen im Internet ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro geben, ein Spielkonto ist daher für jeden Spieler zwingend erforderlich.
Sperrsystem: Erstmals wird auch ein einheitliches Spielersperrsystem eingeführt, das nun länder- und spielformübergreifend verpflichtend wird. Es richtet sich vor allem an Spielsüchtige, die sich dort selbst eintragen und somit den Zutritt in Spielbanken, Spielhallen oder das Online-Spielen verwehren können.
Aufsichtsbehörde: Spiel- und Spielerdaten sollen bald bundesweit bei einer Aufsichtsbehörde gespeichert werden. Die in Sachsen-Anhalt angesiedelte Behörde soll zudem für Genehmigungen und Untersagungen zuständig sein und die bundesweite Einhaltung der Richtlinien gewährleisten.
Was loben Kritiker am neuen Glücksspielstaatsvertrag?
"Eine große Errungenschaft ist sicherlich die Einführung eines spielformübergreifenden Sperrsystems", sagt Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Uni Bremen. Alle Glücksspiele, bei denen Suchtgefahr bestehe, seien damit erstmals integriert. "Früher war das System zersplittert."

"Die zweite Errungenschaft ist zwar die geplante Aufsichtsbehörde", sagt Hayer. Sie nehme aber voraussichtlich erst 2023 ihre Arbeit auf. So lange sei die Aufsicht über die Anbieter und der Vollzug, zum Beispiel durch anonyme Tester wohl noch nicht gewährleistet, sagt der Forscher. "Im Idealfall werden ja Lizenzen entzogen oder Geldstrafen verhängt, wenn jemand die Regeln bricht."
Was rügen Kritiker am neuen Glücksspielstaatsvertrag?
Kritisch sieht Hayer hingegen, dass das ehemals intendierte staatliche Monopol für Glücksspiele samt restriktiver Zulassungspraxis für Anbieter – mit Ausnahme von Lotterien – nun durch ein Lizenzmodell ersetzt wurde, das viele private Glücksspielanbieter zulässt. Dies führe zu einer deutlichen Ausweitung des Glücksspiels. "Dabei hat sich eigentlich in verschiedenen Suchtfeldern die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine begrenzte Verfügbarkeit von Suchtmitteln und Werberestriktionen zu den zentralen Säulen einer effektiven Präventionspolitik zählen", sagt Hayer.

Allein im Sportwettenbereich gebe es nun 29 Anbieter mit Konzessionen, deren Produkte sich nur marginal unterschieden, sagt der Bremer Glücksspielforscher. "Sie werben daher mit Celebrities wie Podolsky, Matthäus, Effenberg und Kahn." Dieser Aufschaukelungsprozess sei kritisch. Denn Werbung wirke.

Neukunden werden angesprochen und Vielspieler werden gebunden.

Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Uni Bremen
Selbst große Medienkonzerne wie ProSieben oder die BILD-Gruppe würden sich inzwischen an Wettanbietern beteiligen oder mit ihnen kooperieren, die Angebote entsprechend beworben und verkauft. "Bei den Fußballbundesligisten ist das mittlerweile leider auch gang und gäbe", sagt Hayer.
Da sich die Werbung inzwischen stark auf das Netz verlagere, würden darüber hinaus gerade junge Leute noch eher mit Spielanreizen über das Internet und Social Media konfrontiert. "Der Erstkontakt ist früher. Und Jugendliche sind viel anfälliger", sagt Hayer. Dies widerspreche dem expliziten Ziel des Jugend- und Spielerschutzes im Glücksspielstaatsvertrags.

Auch die 1.000 Euro, die Spieler den neuen Regeln zufolge maximal im Monat verzocken können, hält Hayer für zu hoch: "Wer gibt schon 1.000 Euro im Monat für ein Hobby aus?" Abgesehen davon beziehe die Regel etwaige Gewinne nicht ein. "Wenn Sie 5.000 Euro gewinnen, dann zählt das nicht dazu. Das Geld können Sie dann auch wieder verzocken." Nicht zuletzt gebe es eine explizite Regelung, die es Spielern erlaube, das Einzahlungslimit auch über 1.000 Euro zu erhöhen, wenn bestimmte Kriterien wie zum Beispiel Solvenz und ein gewisses Mindestalter erfüllt seien.
Auch die Glückspielbranche hadert. Der Deutsche Onlinecasinoverband spricht von einem "Schritt in die richtige Richtung", sieht aber die geplante Besteuerung kritisch. Die werde viele Anbieter davon abhalten, sich um Lizenzen zu bewerben. Sie blieben dann lieber bewusst in der Illegalität – und hätten mit dieser Entscheidung sogar noch einen unfairen Wettbewerbsvorteil, sagt Detlev Grass, Vorsitzender des Nordwestdeutschen Automatenverbands. "Da komme ich nicht gegen an, wenn ich irgendwelche begrenzten Spiele anbiete auf dem legalen Markt und die Illegalen, die sind um Längen attraktiver."
Der Hintergrund: Schwarzmarkt-Casinos sitzen meist in Steueroasen – für sie gelten wohl auch künftig keine Limits bei Einsätzen und Spieldauer. Und wie hart eine zentrale Glücksspielaufsicht voraussichtlich ab 2023 gegen solche Anbieter vorgehen wird, muss sich erst zeigen.

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Juni, 19:30 Uhr