Bremer Gesundheitsexperte: "Corona-Strategiewechsel ist unvermeidlich"

Eine Gruppe kritischer Mediziner regt erneut einen radikalen Strategiewechsel in der Corona-Politik an. Die bisherige orientiere sich an falschen Zahlen.

Eine Person im Schutzanzug nimmt einen Abstrich mit einem langen Wattestäbchen bei einem Mann.
Corona-Tests sind derzeit der wichtigste Lieferant für statistische Daten. Die Autoren des Thesenpapiers kritisieren: Sie geben nur einen Bruchteil des Infektionsgeschehens wider. Bild: Reuters | Thilo Schmuelgen

Gleich am Beginn der Zusammenfassung lässt die Gruppe keinen Zweifel an ihrer Ausrichtung: "Ein Strategiewechsel ist unvermeidlich. Die gegenwärtig vorhandenen epidemiologischen Daten zur Covid-19-Epidemie aus dem In- und Ausland sprechen gegenwärtig nicht mehr für eine Welle, die 'gebrochen' werden kann, sondern eher für ein kontinuierliches Ansteigen der Zahlen." Und die, die das schreiben, sind keine Versammlung notorischer Nörgler oder gar Corona-Leugner. Es ist eine Gruppe angesehener Mediziner, fast alle mit Professoren-Titeln. Dazu gehört der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske genau so wie der Leiter der Rechtsmedizin in Hamburg, Klaus Püschel, oder der Kölner Wissenschaftler Matthias Schrappe, der einst stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Gesundheitsfragen war, in dem im Übrigen auch Glaeske Mitglied war. Diese Gruppe hat bisher schon fünf Thesenpapiere vorgelegt, in der sie die Corona-Politik kritisch-konstruktiv begleitete und stets für andere Wege warb. Nun also Papier Nummer sechs mit dem Titel "Zur Notwendigkeit eines Strategiewechsels".

"Inzidenzwert ist keine brauchbare Grundlage"

Gerd Glaeske
Der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske sieht die aktuelle Corona-Strategie der Behörden kritisch. Bild: Radio Bremen | Michael Pundt

Im Kern behandelt es zweierlei: Die Datenbasis der bisherigen Corona-Politik und die daraus abgeleitete Schutz-Strategie. Die berühmten "Inzidenzwerte" zur Beschreibung der Zahl der Infektionen je 100.000 Einwohner in den zurückliegenden sieben Tagen würden auf eher zufälligen Daten fußen und ließen die als sicher anzunehmende Dunkelziffer unbeachtet. Konkret: "Einfache Modellrechnungen zeigen, dass die 'Dunkelziffer' der Infektion in der nicht-getesteten Bevölkerung um ein vielfaches über der Zahl der bekannten, neu gemeldeten Infektionen (Melderate) liegt."

Verschiedene Modelle und Vergleichsstudien ließen es als wahrscheinlich annehmen, dass zu den bekannten derzeit rund 130.000 Infektionen pro Woche tatsächlich 800.000 undokumentierte hinzu kommen. Ursache wären die vielen "asymptomatischen" Ansteckungen, also die, bei denen der oder die Infizierte gar nichts merkt, deshalb nicht zum Arzt geht, daher nicht getestet und schließlich auch nicht in Quarantäne geschickt wird – und dennoch infektiös ist, seine Umwelt also munter anstecken kann.

Der Epidemiolohe Hajo Zeeb im buten un binnen Studio.
Der Epidemiologe Hajo Zeeb berät die Bremer Bildungsbehörde im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Bild: Radio Bremen

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb pflichtet dem teilweise bei: Ja, der "Inzidenzwert" bildet nicht alles ab. Das sei aber so bekannt und anerkannt, dass es andererseits wiederum auch kein Problem mehr sei. Denn es gebe gebräuchliche und akzeptierte Umrechenfaktoren, die die Dunkelziffer handhabbar machen, so Zeeb zu buten un binnen.

Für die Autorengruppe ist jedoch klar:

Die derzeit verwendeten Grenzwerte ergeben ein falsches Bild und können nicht zu Zwecken der Steuerung und für politische Entscheidungen dienen.

Gernd Glaeske und die Autorengruppe.
In einem Labor wird ein Corona-Test ausgewertet.
Die Positiv-Rate bei den Tests nimmt seit Wochen zu. Die Autoren sehen das als Zeichen dafür, dass auch die Dunkelziffer sehr hoch sein dürfte. Bild: DPA | Robert Michael

Die Gruppe plädiert daher für breit angelegte "Kohorten-Studien". Dazu müsste eine recht große zufällig ausgewählte repräsentative Bevölkerungs-Stichprobe regelmäßig alle zwei Wochen getestet werden. Der Nutzen solcher langfristig laufenden Studien liege nicht nur rückblickend in der besseren Einschätzung dessen, was in den vergangenen zwei Wochen geschehen sein mag, sondern weise auch in die Zukunft: "Weiterhin sind Kohorten-Studien unerlässlich, um Impfkampagnen zu planen und zu bewerten." Gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen hat das besondere Bedeutung: "Es ist ein großes Versäumnis, dass sie bisher nicht durchgeführt wurden, aber sie können (und sollten) auch heute noch initiiert werden," mahnt die Autorengruppe. Und auch Zeeb stimmt zu: "So eine Kohorten-Studie wäre schon der Weg, den man braucht."

Sind Kontaktbeschränkungen überholt?

Gleichzeitig halten die Autoren das bisher und vermutlich auch am Mittwoch bei den Beratungen der Länder mit dem Bund wieder zentrale Instrument der allgemeinen Kontaktbeschränkungen für überholt: "In dieser Situation bedeutet die alleinige Betonung von Kontaktverboten bei fortwährender Missachtung des Schutzauftrages für die verletzlichen Bevölkerungsgruppen nichts anderes als die Gefahr, die Bevölkerung sehenden Auges in eine 'kalte Herdenimmunität' zu führen." Heißt: Während allenthalben gespannt auf die täglichen Zahlen des Robert-Koch-Instituts gewartet und Abweichungen nach oben oder unten als Trend oder auch Nicht-Trend diskutiert und neuerliche oder alte Abwehrmanöver erwogen werden, vollzieht sich im nicht-sichtbaren Bereich ungestört eine Entwicklung, die gefährlich werden kann.

Ein Polizeibus fährt Streife an der Schlachte in Bremen
Polizeistreifen überwachen die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen. Das sei nicht wirklich sinnvoll, so die Autoren des Thesenpapiers. Bild: Radio Bremen | Dirk Osmers

Glaeske und Co. mahnen daher: "Die Vorgehensweisen der letzten Monate müssen unvoreingenommen auf den Prüfstand gestellt werden, statt dass man in einer Art Tunnelblick immer weiter und sogar verstärkt auf nicht-optimale Strategien setzt." Denn der Weg der Kontaktverfolgung sei nur bei einem Infektionsgeschehen sinnvoll, dass sich zumeist noch in klassischen "Clustern" – also definierten Ereignissen und Situationen wie etwa "Büro", "Restaurant", "Chorprobe", "Schlachthof" – abspielt. Nicht aber bei einer fachlich "sporadisch" genannten Virus-Übertragung, bei der die Infektionen in unübersehbaren und extrem vielschichtigen Situationen und im Einzelfall auch immer nur an wenige Empfänger weitergegeben wird.

Da stoße die Kontaktverfolgung nicht nur rein operativ an ihre Grenzen – sie habe auch keinen echten Nutzen mehr. Zentrale Aufgabe müsse es stattdessen sein, für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppe – etwa Senioren oder Personen mit risikoerhöhenden Vorerkrankungen – mit geeigneten Strategien gezielt besser zu schützen. Zeeb räumt da ein, dass die Kontaktverfolgung derzeit offensichtlich an ihre Grenzen durch die schlichte Masse komme. In der Sache aber hält er sie weiter für ein sehr wichtiges und effektives Mittel der Pandemie-Bekämpfung.

Zeeb: "Strategiewechsel nicht beschrieben"

Am meisten Kritik hat Zeeb bei der pauschalen Forderung nach einem "Strategiewechsel". Den mahne die Gruppe an, ohne ihn dann genau zu beschreiben, bemängelt Zeeb. Der Schutz der Risikogruppen ist so richtig und wichtig wie leicht gefordert. Doch dann werde es kompliziert, sagt Zeeb: Die Risikogruppen seien zu unterschiedlich, als dass sie sich mal eben "vernünftig und menschlich erträglich" umsetzen ließen. Denn es geht nicht nur um jung und alt. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen und Altersstufen finden sich Menschen mit besonderen, risikoerhöhenden Vorerkrankungen. Klar sei: "Die Isolation von Risikogruppen ist nicht zu machen." Weder menschlich, noch technisch.

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. November 2020, 23:30 Uhr