Wie Bremer bei der Entsorgung von Giftmüll aus Beiruts Hafen helfen

Fast ein halbes Jahr ist die verheerende Explosion im Hafen Beiruts her. Wohin mit den Unmengen an giftigem Schutt? Bremer Unternehmen sind an der Entsorgung beteiligt.

Zerstörte Gebäude im Hafen von Beirut nach der Explosion (Archivbild)
Nach der Explosion Anfang August waren der Hafen und Teile der weiteren Umgebung restlos zerstört. Bild: DPA | AP/Hussein Malla

Die Explosion ist mit "gewaltig" nur unzureichend beschrieben und ein treffendes Wort sucht man vergeblich: Über 200 Tote und tausende Verletze sowie ein rückstandslos verwüsteter Hafen waren die Folge, als am 4. August 2020 im Hafen der libanesischen Hauptstadt 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft flogen.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Youtube anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Die genauen Hintergründe der Katastrophe sind noch immer ungeklärt. Klar aber ist: In dem Hafen lagerte alles Mögliche und die Reste müssen weg. Die Rede ist von 52 Containern Schutt mit einem Gewicht von über 1.000 Tonnen. "Das ist schon eine Menge," sagt Malte Steinhoff, Sprecher der Bremer Reedereigruppe Harren & Partner, zu der auch Combi Lift gehört. Die ist für die Entsorgung verantwortlich und hat sich einige für Teilbereiche besonders qualifizierte Partner gesucht. Etwa das Ingenieur-Büro Höppner aus Winsen/ Luhe für die Arbeit vorort in Beirut und die Bremer Nehlsen-Gruppe als Entsorgungs-Unternehmen im Zielhafen Wilhelmshaven.

"Ziemlich abenteuerliche Landschaft"

Nach der Explosion im Beiruter Hafen kümmern sich Bremer Experten um die Bergung gefährlicher Abfälle
Bei den Aufräumarbeiten stoßen die deutschen Experten auf zerrissene Container, über deren verstreuten Inhalt nichts bekannt ist. Bild: Combi Lift

Der Auftrag hat es in sich, wie der Ingenieur Michael Wentler von Höppner erzählt. Er hat schon vieles gesehen, eine solche Situation aber hat er noch nie vorgefunden. Und auch Steinhoff spricht von einer "ziemlich abenteuerlichen Landschaft", in der sich sein 30-köpfiges Team im Beiruter Hafen bewegen muss. Das Team Combi Lift/Höppner muss in dem Chaos die Reste von Chemikalien quer durch das Periodensystem bergen und bestimmen, aus zerfetzten Gefäßen umlagern, verpacken, verladen, verschiffen.

Es ist völlig unklar, was da drin ist und in welchem Zustand die Behälter sind.

Malte Steinhoff, Combi Lift

Manches ist giftig. Anderes ist explosiv. Einiges ist ätzend. Man weiß es nicht. Und vieles lagert seit unbekannter Zeit im Hafen. Niemand weiß, was wo weshalb steht und liegt. Wentler macht klar, dass da offenbar über lange Zeit lax mit Gefahrstoffen umgegangen wurde. Der Ingenieur liest das an der Verseuchung des Bodens ab: "Der müsste etwa drei bis vier Meter tief abgetragen werden," erklärt der Fachmann.

"Spannender Job"

Gekendertes Schiff im Hafen von Beirat (Archivbild)
Die Detonation war von solcher Wucht, dass auch ein Schiff versenkt wurde. Bild: DPA | AP/Hussein Malla

Das klingt nun nicht gerade nach einer Einsatzsituation, in die man sich gerne begibt. Steinhoff aber bleibt entspannt: "Wir fühlen uns dafür schon gewappnet." Die Reederei kennt sich mit – nennen wir es mal: speziellen – Aufträgen aus. Das gehört zum Geschäft der Reederei. Was aber nicht heißt, dass diese Aufgabe alltäglich wäre oder auf die leichte Schulter genommen würde: "Das ist schon ein herausfordernder und spannender Job," sagt Steinhoff.

Bislang immerhin wurden die Partner von bösen Überraschungen verschont. Was aber auch mit der Grund- und Erwartungshaltung zu tun haben mag. Steinhoff gibt sich diplomatisch, lässt aber keinen Zweifel daran, dass weder Wentler noch er erwartet hatten, dort verlässliche Strukturen und ein sortiertes Arbeitsfeld vorzufinden.

Wer sich mit der Vorgeschichte der Mega-Explosion befasst habe, konnte nur vorgewarnt sein, erklärt Steinhoff. Für die Bergung in Beirut, den Transport nach Europa und den Umschlag und die Entsorgung in Wilhelmshaven jedoch stehe Combi Lift in ständigem und gutem Kontakt zu den jeweils zuständigen Behörden.

Zwischenstation Wilhelmshaven

Nach der Explosion im Beiruter Hafen kümmern sich Bremer Experten um die Bergung gefährlicher Abfälle
Regelmäßig müssen sich die Entsorgungs-Partner auch mit Behörden über das weitere Vorgehen absprechen. Bild: Combi Lift

Ende dieses oder Anfang kommenden Monats kann das Schiff mit dem Müll für Deutschland wohl in Beirut ablegen. Dann fährt es durch das Mittelmeer, den Atlantik, den Ärmelkanal und die Nordsee nach Wilhelmshaven. Wenn die 52 Container dort an Land stehen, gehen sie an die dortige Niederlassung der Bremer Entsorgungsfirma Nehlsen über, die letztlich für die Entsorgung des giftigen Cocktails verantwortlich ist.

Nehlsen-Sprecherin Marcia Kantoks betont, dass das gar nicht in Wilhelmshaven stattfindet. Dort betreibt Nehlsen nur ein Sonderabfall-Zwischenlager, in dem die Ladung sortiert und konfektioniert wird. Die eigentliche chemische Entsorgung geschehe danach in mehreren, jeweils besonders geeigneten Anlagen an anderen Standorten. Einige davon gehören auch zur Nehlsen-Gruppe, andere hingegen nicht.

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 22. Januar 2021, 23:30 Uhr