Mitarbeiter des Bremer Gesundheitsamts ächzen unter Corona-Belastung

Seit Jahren schon gibt es Kritik an der Situation im Amt. Durch Corona ist die Lage nun noch angespannter. Mitarbeiter berichten von extremer Belastung.

Video vom 15. Oktober 2020
Der Eingang vom Gesundheitsamt Bremen.
Bild: Radio Bremen

Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen seit Tagen. Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut den Höchststand an Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie. Bremen ist bereits seit mehr als einer Woche Risikogebiet: In der Stadt liegt der Inzidenzwert deutlich über 50.

Das entscheidende Mittel, um die Neuinfektionen einzudämmen, lautet aktuell: Vollständige Kontaktnachverfolgung. Das haben auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschef bei ihrem Krisen-Gipfel am Mittwoch noch einmal betont. Es gilt, all diejenigen Personen aufzuspüren, die mit Corona-Infizierten Kontakt hatten. Eine Herkules-Aufgabe. Zuständig sind dafür die Gesundheitsämter, so auch in Bremen. Die Pandemie unter Kontrolle bekommen: Das hängt aktuell mehr denn je von der Arbeit des Gesundheitsamtes ab. Doch wie soll das für Bremen gelingen, wenn das Gesundheitsamt hier gerade am Limit ist? Oder wie es eine Person, die Gesundheitsamt arbeitet, formuliert...

Wenn jetzt noch mehr Mitarbeiter krank werden, sind wir im Arsch.

Anonymer Mitarbeiter des Gesundheitsamts

Recherchen von buten un binnen zeigen: Die aktuelle Situation im Gesundheitsamt ist mehr als angespannt. Mitarbeiter berichten von extremer Arbeitsbelastung und Personalnot. Seinen Namen nennen möchte niemand. Zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren – weil Missstände benannt werden. buten un binnen liegen die Namen der entsprechenden Mitarbeiter allerdings vor.

Personal fehlt bereits seit Jahren

Dass es in der Behörde an Personal fehlt, ist nicht neu. Seit Jahren kritisieren das Mitarbeiter, Gewerkschaft und die Opposition. Doch jetzt in der Corona-Krise, in der die Behörde besonders gefordert ist, zeigt sich, wie gefährlich dieses strukturelle Problem werden könnte.

Dass die Nachverfolgung hier in Bremen momentan noch so gut funktioniert, liegt nur daran, dass der Großteil der Mitarbeiter am Anschlag arbeitet.

Anonymer Mitarbeiter des Gesundheitsamts

Arbeitszeiten von 12 oder mehr Stunden, auch am Wochenende, seien mittlerweile normal. Und das sind nicht die einzigen Probleme in der Behörde. Nun ist klar: Der Chef des Gesundheitsamtes, Folke Becker, hat seinen Posten geräumt – aus gesundheitlichen Gründen. Die Opposition sieht darin einen weiteren Beleg für das aktuelle Chaos im Gesundheitsamt: "Es kommen immer mehr Menschen auf uns zu, die von mangelhaften Begegnungen mit dem Gesundheitsamt sprechen. Das heißt, wir nehmen auch sehr, sehr chaotische Zustände wahr", sagt Theresa Gröninger, Deputierte für Gesundheit und Verbraucherschutz der CDU. Magnus Buhlert, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, sieht das ähnlich: "Das Gesundheitsamt ist nicht mehr in der Lage die Situation durch eigene Bearbeitung, wie das eigene Einstellen von Personal, zu bewältigen." Das Amt brauche dringend Hilfe, so Buhlert.

Langfristig will man auf 150 Containment-Scouts kommen

Silke Stroth, Staatsrätin im Bremer Gesundheitsamt
Silke Stroth ist Staatsrätin im Gesundheitsressort. Bild: Radio Bremen

Im Gesundheitsressort, das für das Amt zuständig ist, weiß man um die herausfordernde Lage. Und will dem etwas entgegensetzen: Eine neue, kommissarische Leitung im Gesundheitsamt gibt es seit Donnerstag. Und auch mehr Personal soll kommen: 20 weitere Containment-Scouts, die sich um die Kontaktnachverfolgung kümmern, sollen ab November anfangen. Aktuell sind 69 Scouts beim Gesundheitsamt beschäftigt. Zudem unterstützen jetzt 20 Soldaten der Bundeswehr das Gesundheitsamt. "Das ist eine gute Anzahl, um die Kontakte nachverfolgen zu können", sagt Silke Stroth, Staatsrätin im Gesundheitsressort. Langfristig wolle man zudem auf eine Zahl von insgesamt 150 Scouts kommen, so Stroth. Dafür gebe es bereits einen entsprechenden Stufenplan.

Die Beschäftigten im Gesundheitsamt, mit denen buten un binnen gesprochen hat, sind dagegen überzeugt, dass das nicht reichen wird. Laut ihrer Aussagen fehlt es vor allem an medizinischem Fachpersonal im Amt. Aktuell würden fast alle Ärzte und weiteres Fachpersonal im Pandemie-Team eingesetzt und dafür an anderer Stelle fehlen, zum Beispiel für Schuleingangsuntersuchungen oder im Sozialpsychiatrischen Dienst.

Gesundheitsexperte: "Es fehlen Bewerberinnen und Bewerber"

Auch hier will das Gesundheitsressort gegensteuern: 21 neue Stellen werden laut Staatsrätin Stroth im Bremer Gesundheitsamt geschaffen. Wann genau sie besetzt werden, steht allerdings noch nicht fest: "Auch wenn sich jemand erfolgreich bewirbt, heißt das ja nicht, dass er einen Tag später anfängt. Deshalb haben wir teilweise auch Fachkräfte aus anderen Ämtern hinzugezogen", sagt Stroth. Bis man einen guten Stamm an Personal aufgebaut habe, versuche man irgendwie über die Runden zu kommen.

Der Bremer Gesundheitsexperte Hajo Zeeb.
Aus Sicht des Gesundheitsexperten Hajo Zeeb mangelt es auch an Bewerbern. Bild: Radio Bremen

Für den Bremer Gesundheitsexperten Hajo Zeeb gibt es allerdings noch ein weiteres Problem: Es fehlen Bewerberinnen und Bewerber: "Ausgebildete Fachkräfte für den öffentlichen Gesundheitsdienst, auch Ärzte, warten nicht darauf, dass das Gesundheitsamt anruft. Der Beruf in den Gesundheitsämtern ist über die Jahre eher unattraktiv geworden", sagt Zeeb.

Für die Beschäftigten im Gesundheitsamt steht fest: Es muss sich grundlegend etwas ändern in der Behörde. Corona ist ein Brennglas, das längst bestehende Probleme plötzlich sichtbar macht: Und in diesem Fall zeigt, welche Folgen jahrelanger Personalabbau haben kann.

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Oktober 2020, 19:30 Uhr