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Schule überfordert: Was bringt die Hilfe der Bildungsbehörde wirklich?

Schon die Grundlagen fürs Lernen fehlen Schülern in Bremen-Gröpelingen und anderen Stadtteilen. Das zieht sich durch ihr Leben. So versucht das Bildungsressort gegenzusteuern.

Zwei Schulkinder aus der vierten Klasse einer Grundschule laufen in den Klassenraum (Symbolbild)
Entlastungsstunden für Lehrer und mehr Betreuung durch Sozialpädagogen sollen abgehängte Schulen unterstützen. Bild: DPA | Frank Molter

Graue Straßen, Kiosk und Imbiss, Hochhäuser, viel Beton: Das große Geld ist in Tenever nicht zu Hause. 10.000 Menschen aus 90 Nationen wohnen hier im Bremer Osten, fast zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund, etwa jeder Dritte bekommt Hartz IV.

Und mittendrin liegt die Grundschule an der Andernacher Straße, ein großes Gebäude mit viel Glas und einem Spielplatz auf dem Schulhof. Sie ist eine von 15 Grundschulen und vier Oberschulen, die besonders gefördert werden. Vor allem mit Lehrerwochenstunden, aber auch mit Geld für Unterrichtsmaterial. Das heißt für diese Schule: 83 zusätzliche Lehrerstunden pro Woche seit letztem Sommer. 20 davon sind Sonderpädagogikstunden, weitere 20 für eine Schulsozialpädagogin, zwölf für zusätzliche Mathestunden. Die restlichen 31 sind Entlastungsstunden für die Lehrer. Zeit, die die Pädagogen brauchen — zum Beispiel, um den Unterricht besser planen zu können. In der Zeit kümmert sich zusätzliches Personal um die Klassen.

Kinder müssen oft erst ganz alltägliche Dinge lernen

Denn Schule in einem Ortsteil wie Tenever ist eine Herausforderung. Eine Grundschule ist nicht nur ein Ort der Bildung, sondern oft geht es um ganz elementare Dinge: "Viele Kinder müssen erst lernen, miteinander friedlich zu kommunizieren und zu spielen", sagt Konrektorin Inga Dornbusch.

Die Schuhe an- und auszuziehen, anderen zuzuhören, während des Unterrichts nicht rauszurennen und damit klarzukommen, wenn etwas mal nicht klappt: All das müssten die Klassenteams mit den Kindern üben, weil sie es oft zu Hause nicht gelernt haben. Vor allem aber bräuchten die Schüler klare Strukturen und verlässliche Bezugspersonen. Obendrauf kommen noch die Sprachprobleme: Zwei Drittel der Schüler brauchen Sprachförderung.

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"Erziehung ist die Hauptsache"

Bevor diese Schüler rechnen und schreiben lernen können, brauchen sie ganz viel Förderung. Sie müssen gezielt vobereitet werden, um sie auf den Stand zu bringen, auf dem Kindern in anderen Stadtteilen schon zu Beginn des ersten Schuljahres sind. "Erziehung ist die Hauptsache", sagt Isolde Mörk. "Bis die Kinder bereit sind, sich auf Bildung einzulassen."

Auch die Eltern werden, so gut es geht, eingebunden. Manchmal sei es auch nötig, das Jugendamt einzubinden, wenn es Kindern schlecht geht, oder wenn Familien Hilfe benötigen. Das bedeutet viel Arbeit für die Lehrer, viel Engagement.

Förderung nach Sozialindex

Isolde Mörk in der Ganztagssschule Andernacher Straße.
Laut Schulleiterin Isolde Mörk helfen die zusätzlichen Lehrerstunden, um den Unterricht intensiver zu planen.

Ausgesucht wurden diese 19 Schulen nach einer Art weiter gefasstem Sozialindex. Schulen in Stadtteilen, in denen viele Menschen leben, die nicht oder nur wenig Deutsch sprechen, fallen beispielsweise darunter. Aber auch Schulen, in die viele Kinder gehen, die beim Sprachtest aufgefallen sind und eine Sprachförderung brauchen.

"Die zusätzlichen Lehrerstunden helfen", sagen Rektorin und Konrektorin der Grundschule an der Andernacher Straße in Tenever, "weil die Pädagogen und Erzieher so mehr Zeit haben, den Unterricht für jedes Kind intensiver zu planen." Das Problem sei aber, dass Sozialpädagogen und Erzieher im Moment noch für mehrere Klassen zuständig seien. "Unser Traum ist aber ein festes Dreierteam für jede Klasse – mit einem Klassenlehrer, einem Sonderpädagogen und einem Erzieher, sagt Isolde Mörk.

Extra-Angebote nur möglich, wenn alle Lehrerstellen besetzt sind

"Das Maßnahmenpaket der Bildungsbehörde ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Mörk. Neben den Entlastungsstunden gehört dazu auch ein Mathelabor, in dem die Schüler spielerisch mit Klötzchen und Mosaiken lernen, mit Zahlen und Formen umzugehen. Auch eine Sprachwerkstatt gibt es, und bald startet noch eine Gruppe für vier Kinder mit extrem hohem Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich. "Aber das ist ein ganz fragiles Gebilde", sagt sie. Denn diese Extra-Angebote seien nur möglich, wenn alle anderen Lehrerstellen besetzt seien, also wenn der ganz normale Unterricht stattfinden kann. Denn der gehe immer vor. Um aber allen Kindern gerecht zu werden, auch Kindern mit Behinderungen oder anderen schweren Einschränkungen, "dafür reicht’s hinten und vorne noch nicht."

Bogedan: "Arbeiten an stabiler Doppelbesetzung"

Ein festes Dreierteam für jede Klasse — soweit sei Bremen noch nicht, sagt Bildungssenatorin Claudia Bogedan.

"Wir arbeiten ja gerade daran, eine stabile Doppelbesetzung hinzukriegen, also tatsächlich zu sagen: Eine Lehrkraft und ein Erzieher/eine Erzieherin in Schulen mit besonders großen Herausforderungen ist stabil immer anwesend. Das ist das, was wir auch im Koalitionsvertrag verabredet haben."

Claudia Bogedan, Bildungssenatorin

Das bedeute aber auch, dass automatisch immer die dritte Kraft mit dabei ist, denn die sonderpädagogische Betreuung werde ja dadurch nicht entfallen.

Die Extra-Förderung für die Schulen soll auf jeden Fall weiterlaufen — und im besten Fall noch ausgeweitet werden, sagt Bogedan: "Wir haben einen sehr engen Set an sehr belasteten Schulen angefangen. Wir wissen aber auch, dass wir eine ganze Reihe von Schulen haben, bei denen die sozialen Herausforderungen nicht wesentlich weniger sind. Und das ist unser großes Ziel, dass wir sukzessive die Schulen unterstützen können und dass wir den großen Spannungen, die wir in der Stadt haben, dann auch eine gute Antwort geben können."

GEW kritisiert: "Projekt reicht noch nicht"

Christian Gloede von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hält das Projekt noch für unzureichend. "Grundsätzlich müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden im Sinne einer anderen Arbeitszeitaufteilung. Also dass Lehrer und pädagogische Fachkräfte mehr Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts bekommen." Sie bräuchten aber auch verlässliche Freiräume für Fortbildungen und den Austausch untereinander — gerade wenn sie in Stabilisierungskurse für Kinder mit sozialen oder emotionalen Problemen eingebunden sein.

Wichtig sei auch eine gute Vernetzung im Stadtteil und die Zusammenarbeit mit dem Amt für soziale Dienste und dem Jugendamt, denn die Schüler bräuchten oft ein ganzheitliches Unterstützungsangebot. Allerdings gebe es zu wenige Erzieher und Sozialpädagogen auf dem Markt. Gloede: "Hier ist ein Qualifizierungs- und Seiteneinstiegsprogramm nötig." Das dürfe aber nicht dazu führen, dass die Qualifikation darunter leide.

CDU: "Personaldecke muss an Schulen dicker werden"

Auch die Opposition fordert mehr: "Wir haben allenthalben zu wenig Personal in den Schulen", sagt Yvonne Averwerser, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion in Bremen. "Da muss mehr getan werden, dass die Personaldecke dicker wird." Dieses Förderprogramm für Schulen in schwierigen Stadtteilen sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber die Förderung müsse noch früher ansetzen — schon in den Kitas in diesen Stadtteilen, damit nicht erst beim Cito-Test klar werde, dass ein Kind mehr Förderung braucht. "Wir brauchen ein ganzheitliches stützendes System",  sagt sie. Und da müssten Bildungs- und Sozialbehörde besser Hand in Hand arbeiten, um die Stadtteile als Ganzes zu stärken. Wichtig auch — und da ist Averwerser mit Bildungssenatorin Bogedan eine Meinung: Das Programm müsse ausgeweitet werden auf weitere Schulen. Angesichts des Personalmangels dürfe aber eines nicht passieren: Dass Lehrer aus Schulen abgezogen werden, bei denen es vermeintlich besser laufe, um in belasteteren Schulen auszuhelfen.

Entscheiden muss im kommenden Jahr schlussendlich die Bürgerschaft, ob und wie die besondere Förderung von Schulen weitergeht. Denn zusätzliches Personal kostet Geld. Und über den Haushalt entscheiden die gewählten Politiker – der Regierung und der Opposition.

Von Gröpelingen nach Harvard – und immer wieder zurück

Ein Junger Mann lehnt an einem Baum und blickt in die Kamera.

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Autorin

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 13. November 2019, 23:30 Uhr