Warum Bremer Bio-Unterwäsche seit Corona immer beliebter wird

Drei junge Wahlbremerinnen produzieren Unterwäsche, die aus Walle in die Welt geht. Mit Handarbeit wollen sie in der schnelllebigen Modebranche ein Zeichen setzen.

Video vom 20. April 2021
Ein Haufen bunter Unterwäsche liegt in einem alten Koffer.
Bild: Radio Bremen

Die kleine Biounterwäsche-Manufaktur ist mitten in Bremen Walle. Die Farben der handgenähten Unterhöschen, die von hier aus in die Welt gehen, sind auffallend knallig und die Motive überwiegend fruchtig. Doch nicht nur die Bananen, Limetten oder Grapefruits auf den Schlüpfern machen sie besonders, sondern vor allem die verwendeten Materialien und die Art der Herstellung. Alles ist "bio" und ge- und verarbeitet wird ressourcenbewusst.

Wir wollen so wenig Näh-Reste wie möglich und auch keinen "Deadstock". Wir nähen keine Unmengen an Ware, sondern warten erstmal die Bestellung ab und sind flexibel.

Imke Hanscomb, die Gründering und Modeschneidering des Unterwäschelabels "Tizz and Tonic", sitzt neben einem Spiegel und spricht in die Kamera.
Imke Hanscomb, Modeschneiderin

Die Herstellung auf Bestellung bedeutet auch, dass es bis zur Lieferung etwas dauern kann. Geduld ist aber bei der Kundschaft quasi schon mit eingepreist: "Die Frauen, die wir ansprechen, haben Verständnis dafür, auch mal zwei Wochen auf ihren neuen "Alltagsbegleiter" zu warten, " so Modeschneiderin Imke Hanscomb, die das Label zusammen mit ihrer Schwester Yanna und Geschäftspartnerin Elisabetta Orioni führt. Inzwischen haben die drei Frauen mit kanadischem und italienischem Familien-Background sechs verschiedene Schnitte in sieben Größen entwickelt.

Was die drei überhaupt nach Bremen geführt hat? Die Schwestern sind zwar in Kanada geboren, ihre Mutter stammt aber aus Deutschland. Bei einem Besuch in Deutschland "kam dann eins zum anderen". Elisabetta Orioni, die von der Insel Sardinien kommt und Mode in Milan studiert hat, stieß später zu "Tizz and Tonic". Zu dritt haben sie aus einer ehemaligen Bar in Walle eine Schneiderstube gemacht: Die ehemalige Cocktailbar hatte den Corona-Lockdown nicht überstanden. So kommt es, dass dort nun die Nähmaschinen des Design-Trios rattern.

Produziert wird ausschließlich in Handarbeit

Weil hier alles per Hand gemacht wird, entstehen pro Tag selten mehr als 25 Slips. Aber "Masse" spielt hier keine Rolle. Vor allem Yanna Hanscomb legt als studierte Biologin ein besonderes Augenmerk auf die Nachhaltigkeit der Manufaktur.

Manchmal wundern sich Leute, wenn ich sage, dass ich in die Unterwäscheproduktion gegangen bin. Als meine Schwester Imke gesagt hat, sie will was mit Unterwäsche machen, habe ich gesagt: Okay, ich bin dabei, wenn wir eine nachhaltige Firma daraus machen.

Yanna Hanscomb, die Gründerin und Modeschneiderin des Unterwäschelabels "Tizz and Tonic", lächelt in die Kamera.
Yanna Hanscomb, Gründerin "Tizz and Tonic"

Es gehe nicht um maximalen Profit, sondern um "positive Produktion". Darunter verstehen die Frauen zum Beispiel, dass sie sich Zeit nehmen. Auch um sich die gute Laune und den Spaß bei der Arbeit nicht zu verderben. Und wichtig ist ihnen, dass sie ausnahmslos auf ressourcenschonende Biobaumwollmaterialien und Garne setzen. Sie schneidern per Hand, weil sie es können und aus Überzeugung. Und so werden selbst die wenigen Stoffreste, die dabei abfallen, noch zu Accessoires weiterverarbeitet oder zum Basteln verschenkt, sagt Yanna Hanscomb.

Auch die Verpackungen für die Wäsche nähen die drei selbst – aus robustem Papier. Die fair gehandelten Bio-Baumwollstoffe bestellen sie beim immer gleichen familiengeführten, südindischen Baumwollanbau- und Verarbeitungsbetrieb, weil er unter anderem auch "sozial verträglich", sprich fair arbeite.

Seit Corona boomt das Geschäft mit den umweltverträglichen Höschen

Die Frage, was "sexy" bedeutet, beantworten die Gründerinnen nicht mit "Spitze, Netz oder Stoffknappheit", sondern mit guter Laune und einem gutem Gewissen. Ihre fruchtige Kampfansage gilt der Massenproduktion von Textilien, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und den gängigen Dessous-Klischees.

Einerseits wollen sie an ihren Nähmaschinen den Planeten schonen, gleichzeitig wünschen sie sich mehr Mut zur Farbe. Die Deutschen seien bisher wenig experimentierfreudig in dieser Hinsicht.

Video vom 20. April 2021
Drei Frauen sitzen in einem kleinen Ladengeschäft in Bremen Walle an Nähmaschinen.
Bild: Radio Bremen

Ihre Idee boomt, denn kurioserweise werden seit der Corona-Pandemie deutlich mehr ihrer umweltverträglichen Höschen bestellt als zuvor. Warum? Wer weiß. Die kanadischen Schwestern und ihre italienische Kollegin erklären es sich so: Der Lockdown hat den Blick frei gemacht auf die Tristesse im Kleiderschrank.

Die Menschen verbringen seit Corona einfach viel mehr Zeit zu Hause, in bequemer Kleidung und so sehen sie sich vielleicht häufiger oder länger in Unterwäsche. Vielen könnte darum erst richtig aufgefallen sein, dass ihre bisherige Unterwäschekultur ein wenig grau und langweilig daherkommt.

Imke Hanscomb, Modedesignerin

Warum sie überhaupt ausgerechnet auf Schlüpfer gesetzt haben? Ursprünglich hatte das einfach pragmatische Gründe. Erst Platzmangel, dann Expertise und nun eben Erfolg.

Ich habe ja schon im Alter von sieben Jahren angefangen zu nähen und hatte schon zu High Scool Zeiten als Teenager mein eignes kleines Label für "crazy stuff". Ich habe alles Mögliche entworfen und geschneidert. Als ich dann Mode in Toronto studiert hab, war mein Zimmer so klein, dass ich mit Slips angefangen habe. Alles musste irgendwie auf diesen kleinen Tisch passen.

Imke Hanscomb, die Gründering und Modeschneidering des Unterwäschelabels "Tizz and Tonic", sitzt neben einem Spiegel und spricht in die Kamera.
Imke Hanscomb, Modeschneiderin

Ob sie in Kanada ähnlichen Erfolg gehabt hätten? Die Schwestern bezweifeln das: "Europa und insbesondere Deutschland sind in dieser Hinsicht deutlich weiter", sagen sie.

Video vom 20. April 2021
Die Modedesignerin Elisabetta Orioni hält eine Unterhose aus buntem Stoff, der mit Avocados bedruckt ist, in den Händen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Anke Plautz Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. April 2021, 19:30 Uhr