Darum sind die Stimmen der jungen Wähler so wichtig

"Wie die Wahl genau funktioniert, weiß ich gar nicht", sagt Pablo. Der 18-Jährige bereitet sich gerade auf das Abitur vor. Politik sei für ihn eigentlich kein Thema. Aber er gehört zu den rund drei Millionen Erstwählern bei der Bundestagswahl am 24. September, allein in Bremen sind es 22.350. Wo er sein Kreuz machen soll, weiß Pablo nicht, was ist seine Stimme auch wert? Jeder dritte Wahlberechtigte ist älter als 60 Jahre – können sich junge Themen da durchsetzen?

Erstwähler aus Bremen
Pablo, Laura und Ciwan wählen zum ersten Mal. Doch es ist gar nicht so leicht, sich zu entscheiden. Bild: Imago / Radio Bremen | Arnulf Hettrich

Es war seine digitale Assistentin "Alexa" von Amazon, die Pablo kürzlich auf die Wahl hinwies. Da sei ihm klar geworden, dass es Zeit ist, sich zu informieren. Zunächst habe er aber auch überlegt, gar nicht wählen zu gehen, "auch aus Unsicherheit, irgendetwas Falsches zu wählen", sagt er. Wofür die Parteien und ihre Kandidaten stehen und wo man sich darüber zuverlässig informieren kann? Gute Frage.

Ich habe eine Meinung. Aber wer sie vertritt, weiß ich nicht. Mir ist auch nicht klar, ob die Ziele, für die die Parteien Werbung machen, tatsächlich umgesetzt werden können.

Pablo, Schüler aus Bremen-Schwachhausen. 

Warum auch sollte Pablo wählen gehen? Er und die anderen Erstwähler stehen anscheinend sowieso auf verlorenem Posten. Denn es sind die Stimmen der Alten, die wahlentscheidend sein könnten. Das zeigte sich so beim "Brexit"-Referendum im vergangenen Jahr in Großbritannien. "Da hieß es 'the winner takes it all' und diejenigen, die in der EU bleiben wollten, waren komplett weg vom Verhandlungstisch", sagt Andreas Klee vom Zentrum für Arbeit und Politik der Uni Bremen. Darunter seien auch viele junge Wähler gewesen.

Junge Wähler auch in Deutschland in der Minderheit

Die Jungen sind auch bei den Wahlen am 24. September in Deutschland in der Minderheit. Die 18- bis 30-Jährigen stellen bei dieser Bundestagswahl nur 15,4 Prozent der Wahlberechtigten. Allein die Gruppe der über 70-Jährigen wird dagegen vom Bundeswahlleiter mit 20,7 Prozent angegeben. Ähnlich viele Wählerinnen und Wähler sind zwischen 50 und 60 Jahren alt. Statistisch gesehen scheinen es also die Alten zu sein, die sich mit ihrer Meinung bei dieser Wahl durchsetzen können. Doch bei einer Bundestagswahl ist die Situation anders als beim Brexit-Referendum: Keine Ja-oder-Nein-Frage, man entscheidet sich nicht für oder gegen etwas, sondern wählt ein Parlament mit Regierung und Opposition – man bleibt also mit am Verhandlungstisch.

Grafik: Schätzung der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl 2017 nach Altersgruppen.
Schätzung der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl 2017 nach Altersgruppen. Quelle: Der Bundeswahlleiter. Bild: Radio Bremen

Selbst dann, wenn junge Menschen nur Parteien wählen würden, die die Opposition bilden, wären die Stimmen nicht weniger wert, sagt Politikwissenschaftler Klee. Die Oppositionsparteien seien schließlich in den Ausschüssen vertreten, müssten im Parlament gehört werden und könnten Themen auf die Tagesordnung setzen.

Es ist also nicht so, dass diese Stimmen, obwohl sie nicht zur Regierungsbildung reichen, wertlos wären. Diese Stimmen werden im politischen Diskurs und bei der Entscheidungsfindung gehört!

Andreas Klee, Politikwissenschaftler der Uni Bremen

Wählen zu gehen, könne sich also durchaus auch für junge Wahlberechtigte lohnen. Und schließlich sei es nicht auszuschließen, dass auch Ältere ähnliche Ansichten hätten wie Jüngere – und umgekehrt. So hat bei einer Probeabstimmung der unter 18-Jährigen die Mehrheit der Jugendlichen gar nicht so anders gewählt als ihre Eltern: Die meisten stimmten für die CDU/CSU. Unterschiede gab es dagegen bei den kleineren Parteien.

"Gerade als Frau ist es wichtig, zu wählen"

Erstwählerin Laura
Laura aus Walle, 18 Jahre alt Bild: Radio Bremen | Daniel Kähler

Wofür die Parteien stehen, ist gerade für Erstwähler aber nicht immer leicht zu verstehen, findet die 18-jährige Laura aus Walle. Die Wahlprogramme seien ihr zu umständlich formuliert und zu lang, manche Parteien seien sich sehr ähnlich. Trotzdem versuche sie, sich rechtzeitig zu entscheiden: "Ich finde, gerade als Frau ist es wichtig, zu wählen. Es wurde so lange dafür gekämpft, dass alle mitentscheiden dürfen. Und wenn ich das jetzt nicht tue, darf ich mich am Ende auch nicht darüber beschweren, wenn mir das Wahlergebnis nicht gefällt". Flüchtlingspolitik, mehr für den Klimaschutz tun, die Digitalisierung in Deutschland vorantreiben und die Waffenexportgesetze verschärfen – Laura weiß, welche Themen ihr wichtig sind.

Parteien entscheiden sich nicht mehr für "ein einzelnes, starkes Thema", wie Professor Klee sagt. Das führe dazu, dass der Wahlkampf und die Parteien als langweilig empfunden würden, weil sie sich immer mehr angleichen. "Es wird schwieriger, Differenzen zwischen den Parteien wahrzunehmen."

"Ich will mir zu 100 Prozent sicher sein!"

Erstwähler Ciwan Ercan
Ciwan aus Mahndorf, 20 Jahre alt Bild: Radio Bremen | Daniel Kähler

Für Ciwan aus Mahndorf sind die Schwerpunkte bei seiner Wahlentscheidung klar: Der 20-Jährige hat kurdische Wurzeln, seine Familie flüchtete vor vielen Jahren nach Deutschland. Deshalb ist für ihn die Flüchtlings- und Türkei-Politik besonders wichtig. Momentan macht er eine Ausbildung zum Verkäufer in einem Discounter. Nebenbei informiert er sich über Politik, hat sich kürzlich den bremischen Politikbetrieb in der Bürgerschaft angeschaut. Auch im Familien- und Freundeskreis werde über Politik gesprochen. "Mein Onkel ist seit 20 Jahren in der SPD", sagt er, die Linke setze sich aber stärker für die Kurden ein. Auch zu dieser Partei habe er persönliche Kontakte und sich so mit deren Zielen und Parteiprogramm auseinandergesetzt. Wo er sein Kreuz macht, steht aber noch nicht ganz fest. "Ich will mir schon zu 100 Prozent sicher sein, wen ich wähle."

Die Wahl – eine Herzensentscheidung

Erstwähler Pablo Wolf
Pablo aus Schwachhausem, 18 Jahre alt Bild: Radio Bremen | Daniel Kähler

Auch Pablo aus Schwachhausen hat sich inzwischen dafür entschieden, zur Wahl zur gehen. Umweltschutz und E-Mobilität seien wichtige Themen für ihn – jetzt will er sich genauer informieren. "Gerade an meiner Schule sind viele andere Leute, die sich sehr für Politik interessieren – und mit denen werde ich mich unterhalten", sagt er. So will er herausfinden, welche Partei am besten zu seinen Ansichten passt.

Politikwissenschaftler Klee hofft, dass die Parteien wieder klarer machen, für welche Themen sie stehen.

Es muss wieder so sein, dass ich mich für eine Partei mit meinem Herzen entscheiden kann, dass mich eine Partei emotional anspricht.

Andreas Klee, Politikwissenschaftler der Uni Bremen

Das würde dann wohl auch den Erstwählern den Einstieg in die Politik leichter machen.

Autor

  • Daniel Kähler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. September 2017, 23:20 Uhr

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