Darum geht es den Spitzenkandidaten von SPD und CDU

Bei der Bürgerschaftswahl 2019 entscheidet sich das Rennen ums Rathaus: Sieling oder Meyer-Heder? Das sollten Sie zu den Kandidaten und ihren Plänen wissen.

Die Front des Rathauses in Bremen.

Sie könnten kaum unterschiedlicher sein, die Spitzenkandidaten von SPD und CDU für die Bürgerschaftswahl 2019. Der amtierende Bürgermeister Carsten Sieling ist zwar Politprofi, bleibt allerdings häufig blass, ist erfahren, aber glücklos. Carsten Meyer-Heder ist ein erfolgreicher Unternehmer, Chef von 1.000 Mitarbeitern, politisch jedoch unerfahren, unsicher beim öffentlichen Auftritt. buten un binnen hat beide im Wahlkampf begleitet.

Carsten Meyer-Heder
Der Herausforderer von der CDU: Carsten Meyer-Heder.

Carsten Meyer-Heder ist für die Bremer der große Unbekannte. Deshalb schicken ihn die CDU-Strategen ein Jahr vor der Wahl erst einmal an die Basis. Im persönlichen Kontakt, in kleiner Runde soll er punkten. Die Aktion heißt "Carsten trifft" und soll den Bekanntheitsgrad des Spitzenkandidaten in den nächsten Monaten nach oben peitschen. Sonst nämlich wird es wohl nichts mit dem Sprung vom Unternehmer zum Bürgermeister.

Dazu fährt der Kandidat im Auto durch die Stadt und trifft sich mit ausgesuchten Gästen. Ganz beiläufig geht es dann um Politik, um Dinge, die er und seine Partei besser machen können. Das ungezwungene Gespräch hinterm Lenkrad wird gefilmt und soll später als Video im Internet erscheinen. Seinen Beifahrern geht es dann wohl ähnlich wie den Stars im US-Format "Carpool Karaoke" von James Corden, in denen er mit Promis durch die Gegend kurvt, singt und plaudert. Dessen Sendung haben mehr als 15 Millionen Menschen auf YouTube abonniert. Davon ist die Bremer CDU aber noch weit entfernt.

Carsten Sieling
Der amtierende SPD-Bürgermeister: Carsten Sieling.

Auch der Amtsinhaber sucht den direkten Kontakt zu den Bremerinnen und Bremern; am Morgen dieses Tages steht ein Wochenmarkt-Geburtstag im Terminkalender von Carsten Sieling – ansprechen, erklären, werben, zuhören. Soziale Medien und Internet schön und gut, aber nicht primär für politische Botschaften; eher für den privaten Gebrauch wie etwa für die Einkaufs-App. Er geht davon aus, dass die meisten sich erstmal ein Gesamtbild machen und danach ihre Wahlentscheidung treffen. Dabei ist in Bremen gerade der direkte, persönliche Kontakt entscheidend.

Wenn einer versucht, wie Trump über soziale Netzwerke zu arbeiten, dann hoffe ich, dass wir in Bremen immer noch so stabil sind und das nicht nötig haben.

Carsten Sieling, SPD

Seit 70 Jahren SPD regiert

Nach dem Krieg zog Wilhelm Kaisen ins Bremer Rathaus ein. Alle seine Nachfolger waren und sind Sozialdemokraten. Mehr als 70 Jahre regiert die SPD in Bremen, oft mit großer, manchmal auch mal mit absoluter Mehrheit. Zum sozialdemokratischen Fundament der Nachkriegszeit gehört der Wohnungsbau. Hier in der Gartenstadt Vahr, Sielings zweiter Station an diesem Tag, entstanden in den 50er Jahren neue Wohnungen für eine vom Krieg völlig zerstörte Stadt. Doch der Wiederaufbau-Mythos der Partei verblasst langsam, die unabsteigbare Bremer SPD muss um ihre Position bangen. Als Haushaltsnotlageland musste Vieles eingespart werden. "Die Folgen sehen wir überall: in den Schulen, in vielen Einrichtungen und in der sozialen Infrastruktur", erklärt der Bürgermeister. Aber zum Glück werde der Stadtstaat ab 2020 keine neuen Schulden mehr aufnehmen und sei somit auf einem guten Weg.

Wohnen, das ist auch aktuell wieder das Thema, mit dem die SPD Wählerinnen und Wähler gewinnen will. Zurück gewinnen will, denn auch hier, im sozialdemokratischen Kern, bröckelt die Wählerwand von einst. Sieling besichtigt eine der ersten Wohnungen, die hier Mitte der 50er Jahre für 120 Mark vermietet wurde – eine Art Rückbesinnung auf alte sozialdemokratische Tugenden. Derzeit sei er sich sehr wohl bewusst, dass die Unterstützung für die SPD nicht mehr so wie früher ist und seine Partei dafür neu werben muss. Aber er glaubt daran, dass sie die Wähler eher überzeugen werden als andere Glücksbringer.

Vom Unternehmer zum Politiker

Mit seiner Firma, dem IT-Dienstleister Team Neusta, verdient Carsten Meyer-Heder Millionen. Etwa 1.000 Leute arbeiten deutschlandweit für ihn, jetzt aber will er etwas anderes machen: Er will Bürgermeister werden. Meyer-Heder arbeitet jetzt für die CDU – und will die Partei nach den zuletzt enttäuschenden Wahl-Ergebnissen wieder nach vorne bringen. Die CDU wird sich zweifellos unter der Führung des neuen Spitzenkandidaten auf Veränderungen einstellen müssen. Er will darauf achten, "mit den richtigen Leuten an Bord" zu gehen.

Ende Mai war die erste Hürde auf dem Weg ins Rathaus genommen. Geschickt haben die Parteistrategen den Neuen in den vergangenen Wochen Stück für Stück nach vorne geschoben. Und die Ochsentour durch die Parteiniederungen wird belohnt. Sie beschert dem Kandidaten nicht nur einen herzlichen Empfang auf der Parteibühne, sondern nach der Auszählung der Stimmzettel auch ein Traum-Ergebnis: 98,51 Prozent der Delegierten wählten den politischen Quereinsteiger."

Aber in der Vergangenheit war die CDU immer nur zweiter Sieger. Die Partei hatte nie eine echte Chance auf das Rathaus; auch nicht 1999, trotz eines sehr guten Ergebnisses mit 37 Prozent. Nach der Euphorie aber versank die Partei wieder in der schon traditionellen Bremer Wahl-Tristesse.

Image aufpolieren

Der kleine Ausflugsdampfer "Alma" soll in den nächsten vier Monaten nicht nur Passagiere über die Weser kutschieren, sondern auch das Image des CDU-Kandidaten aufpolieren. So will sich Meyer-Heder als Macher profilieren. Er hatte die Idee mit der Alma – und er bezahlt sie maßgeblich über seine IT-Firma. Das Risiko des Scheiterns geht er ein. Denn wie solle man sonst herausfinden, ob es für solch einen Fährlinie eine Nachfrage gibt.

Über die Weser morgens ins Rathaus und abends wieder zurück – es könnte nach der Bürgerschaftswahl der tägliche Arbeitsweg des Unternehmers werden, von seiner Wohnung in der Überseestadt aus. Carsten Meyer-Heder hat noch fast ein Jahr Zeit. Bislang ist vor allem Unternehmern ein Begriff, bis zur Wahl im Mai aber wird er aber noch viel mehr Bremer von sich überzeugen müssen.

Wenn ich Bürgermeister werde und ich kriege in vier Jahren überhaupt nichts vorangebracht, dann können Sie mich zitieren: Ich kann es auch nicht und bin wieder weg.
Diese Reaktion hätte ich eigentlich auch von der SPD erwartet und ein bisschen Selbstkritik wie: Haben wir wohl nicht gut gemacht.

Carsten Meyer-Heder, CDU

Weiter bürgernah unterwegs

Carsten Sieling ist derweil beim dritten Termin seiner Tagestour angelangt, Besuch beim Sommerfest im Kinderheim der St. Petri-Domgemeinde. Diese Auftritte gehören zum Bürgermeisteramt in Bremen wie die Auftritte auf den großen politischen Bühnen. Hier geht es um Ehrenamt und Engagement und es geht darum, bekannter und beliebter zu werden. Selbstbewusst zeigt er sich nach außen, schließlich ist er der Bremer Bürgermeister, der einen Ausweg aus der desolaten Verschuldung des Landes Bremen unterschreiben konnte. Mit so viel Rückenwind lässt sich doch wohl unbedingt weitermachen?

Es ist eines der großartigsten Dinge, hier Bürgermeister zu sein, weil man sich wirklich kümmert und mit allen Themen zu tun hat. Da geht es vom Bordstein bis in die EU-Kommission in Brüssel. All das bietet kein anderes Regierungsamt in Deutschland.

Carsten Sieling, SPD

Wer macht hier das Rennen? Der Politiker oder der Unternehmer? Carsten Meyer-Heder oder Carsten Sieling? Das Duell um das Bremer Rathaus ist eröffnet!

Machen Sie den Realitäts-Check:

  • Christian Dohle
  • Markus Daschner

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. Juli 2018, 19:30 Uhr

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