Geld, Schiffe, Bauten: Die 5 großen Probleme des Schifffahrtsmuseums

Löcher im Beton, Löcher in der Finanzierung: Das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven hat viele Probleme. Wo es am meisten brennt.

Audio vom 21. Mai 2021
Schriftzug an einem Gebäude: "Deutsches Schifffahrtsmuseum"
Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers
Bild: DSM | Hauke Dressler

42 Millionen Euro für Sanierungen, 46 Millionen Euro für ein neues Schiff: Diese Summen hat das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) Bremerhaven schon bekommen oder sie wurden ihm zugesagt. Doch das Geld reicht nicht. Das neue Loch beträgt laut Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) weitere 40 Millionen Euro. Käme dieses Geld nicht, würden offenbar wichtige Sanierungen ins Stocken geraten, das Hauptgebäude wäre nicht mehr nutzbar.

Probleme hat das DSM gleich in mehreren Bereichen, einige könnten tatsächlich an die Existenz des 1975 gegründeten Forschungsmuseums gehen. Ein Überblick:

1 Die Bundes-Millionen: Ein Batzen Geld, der wohl nicht reichen wird

Die Seute Deern in Bremerhaven beim Brand im Frühjahr 2019
2019 brannte die "Seute Deern", mittlerweile wurde sie abgewrackt. Bild: Radio Bremen

46 Millionen Euro für eine neue "Seute Deern" – das war letztes Jahr eine Riesen-Schlagzeile. Der Bundestagsabgeordnete Uwe Schmidt (SPD) hatte nach dem Niedergang der historischen Bark in Berlin lobbyiert und tatsächlich Restmittel aus dem Kulturetat nach Bremerhaven holen können. Das war natürlich eine gute Nachricht, doch sie brachte auch neue Probleme und ungeklärte Fragen. So forderte der Bund für die Auszahlung ein langfristiges Betriebskonzept, das es noch nicht gibt. Und: Das Geld des Bundes ist nur für die Investition in den Neubau – die Frage, wer den kostspieligen Betrieb und spätere Reparaturen übernehmen muss, ist ungeklärt. Und was passiert, wenn das Projekt "Najade", wie fast alle öffentlichen Projekte, am Ende deutlich teurer wird als geplant? Auch dann würde der Bund wohl nicht einspringen. Wer also müsste diese Zeche zahlen?

2 Finanz-Loch im Beton: Kein Geld mehr für die Hauptgebäude

Fassade des Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven
Das DSM-Hauptgebäude von Hans Scharoun. Bild: Radio Bremen

Der denkmalgeschützte Bau von Hans Scharoun ist das Hauptgebäude des Museums. Doch: Das Museum kann sich seine Instandsetzung nicht mehr leisten. Eigentlich sollte er im Rahmen der Groß-Sanierung aller Bauten modernisiert werden. Doch zu viel Geld des 42-Millionen-Euro-Topfes floss in den benachbarten Bangert-Bau. Der sollte eigentlich nur eine neue Elektro-Anlage bekommen, doch das Gebäude stellte sich als grundsanierungsbedürftig heraus. Nun sind die Kassen leer, der Scharoun-Bau befindet sich laut Magistratsvorlage im "Zustand eines schadstoffsanierten Rohbaus". Das ließe sich nur mit weiterem Extra-Geld ändern, doch das ist bisher nicht in Sicht.

3 Die unterfinanzierte Museumsflotte: Wer wird die nächste "Seute Deern"?

Das Schiff "Stier" im Museumshafen Bremerhaven
Schiffe wie die "Stier" liegen oder stehen im Museumshafen. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

Die "Seute Deern" ist, nein: war das prominenteste Mitglied der Museumsflotte des DSM. Doch bei weitem nicht das einzige: Der Museumshafen liegt voll mit alten Schiffen, an Land befinden sich weitere historische Exponate. Die "Seute Deern" ist über Jahre verrottet, auch die anderen Exponate sind in teils schlechtem Zustand. Die Instandsetzung und die Arbeiten darum herum würden rund 6,5 Millionen Euro kosten. Diese sollten zunächst aus den 46 Millionen Euro bezahlt werden, die der Bund für den "Seute Deern"-Ersatz, die neu zu bauende "Najade", zahlen will. Doch daraus wird nichts: Der Bund hat mittlerweile erklärt, die 46 Millionen seien nur für die "Najade" gedacht. Ob die Mittel teilweise umgewidmet werden können, ist unklar. Wer würde dann für die Sanierung der Schiffe zahlen? Das DSM sicher nicht: Sein laufender Etat reicht nach eigenen Angaben nicht für den Unterhalt der Außenanlagen inklusive Schiffsexponaten.

4 Die Sinn-Frage: Wer ist, was soll, was muss das DSM?

Eine Frau blickt nachdenklich in die Ferne.
Die DSM-Direktorin Sunhild Kleingärtner. Bild: DPA | Ingo Wagner

Das DSM sieht sich selbst als Forschungsmuseum. Und das ist es auch. Es beschäftigt viele Wissenschaftler, gibt Forschungsaufträge und publiziert Forschungsergebnisse. Doch in Bremerhaven ist das DSM eben auch ein Ausstellungsmuseum mit tonnen- und millionenschwerem Fundus im Hafen und in den Lagern, der vor allem: kostet, kostet, kostet. Im laufenden Etat sind diese Kosten offenbar nicht in ausreichender Höhe eingepreist. Wer und was ist das DSM? Wer definiert Auftrag und Aufgaben? Und wer muss Alarm schlagen, wenn Auftrag und finanzielle Ausstattung nicht zusammenpassen?

Für die Forschung am DSM werden 85 Prozent des Museumsetats verwendet. Davon hat die Museumsflotte aber nichts: Die Museumsdirektion hat laut einer Magistratsvorlage klar gemacht, dass die Flotte für sie nicht zum Forschungsbereich gehört – deswegen reichen die Mittel seit Jahren nicht. Wer an diesem Grundzustand schuld ist, ist eine interessante Frage, die aber kaum zu beantworten ist. In einem komplizierten Geflecht aus Stadt und Land, Stiftern und Bund sowie der Leibniz-Gemeinschaft fließen Gelder und Zuständigkeiten hin und her: Verantwortlich will oder scheint am Ende keiner zu sein.

5 Spannung am Horizont: Die nächste Evaluation kommt

Jemand saugt das Skelett eines Pottwals im Deutschen Schifffahrtsmuseum ab.
Der Bangert-Bau muss spätestens 2024 fertig sein. Dann muss eine Ausstellung für die Evaluations-Kommission stehen. Bild: DSM | Niels Hollmeier

Das DSM gehört zum Verbund der Leibniz-Gemeinschaft. Damit ist es mit 95 anderen renommierten Instituten in guter Gesellschaft. Doch das verpflichtet auch. Regelmäßig steht eine Evaluierung, also eine Überprüfung der Ziel-Erreichung und der Forschungsergebnisse, an. Zuletzt bestand das DSM die Evaluierung im Jahr 2017. 2024 steht die nächste an, doch viele Fragen sind offen. Kurz vor dem Besuch der Evaluierungskommission soll eine Ausstellung im Bangert-Bau fertig werden. Doch dort steht erst einmal eine "grundlegende Sanierung" an.

Diese Ausstellung muss bis April 2024 stehen – denn sie sei "die Voraussetzung für eine weitere Förderung als Wissenschaftsmuseum", wie es in einem Magistratspapier heißt. Der Sanierungsstau könnte demnach eine Gefahr für die Evaluierung sein. Und ohne erfolgreiche Evaluierung durch die Leibniz-Gemeinschaft würde ein Großteil des Museums-Etats wohl wegfallen.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Mai 2021, 19.30 Uhr