Kolumne

In Zeiten des Coronavirus entgiftet sich das Internet

Es überwiegen seriöse Informationen im Netz – der Hass tritt zurück, findet Radio Bremen Redakteur Jochen Grabler. Wenn die Bosse der Internetkonzerne also wollen, können sie.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Eine erfreuliche Beobachtung macht Radio Bremen Redakteur Jochen Grabler zu Zeit: Im Internet begegnet ihm weniger Hass und Hetze als sonst.

Wenn wir uns mal kurz erinnern, ist nur ein paar Wochen her: Zuweilen war der Hass schier unerträglich. Insbesondere in der bizarren Parallelwelt des Netzes. Wer auch immer sich zu was auch immer geäußert hat, musste damit rechnen, Kübel von Unflat, Häme, Verleumdung, Bedrohungen über die Rübe zu bekommen.

Man hatte den Eindruck, Massen von Hetzern finden, es genügt, ein feuchtes Bäuerchen auf die Tastatur zu machen, und schon hätten sie einen Beitrag zur Debatte geleistet.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Man musste schon ein besonders dickes Fell haben, um all das auszuhalten. Oder mit Grausen die verlotterte digitale Welt sich selbst überlassen.

Geld stinkt nicht

Wenn wir uns weiter erinnern: Die Strafverfolgungsbehörden und der Gesetzgeber haben in der Auseinandersetzung mit dem rechtsfreien Raum Internet keine allzu gute Figur gemacht. Und die Betreiber vieler Plattformen haben zwar schöne Sonntagsreden gehalten, dass sie jetzt aber ganz bestimmt gegen die schlimmsten Hetzer vorgehen. Dochdoch, versprochen! Aber werktags geändert hat dieses Gerede wenig. Ist halt ein Geschäftsmodell: Wenn extreme Kommentare und Hassausbrüche mehr Aufmerksamkeit bekommen als jeder vernünftige Gedanke, dann steigen damit die Werbeeinnahmen. Geld stinkt nicht.

Sogenannte Alternativmedien und sogenannte Influencer konnten raushauen, was ihnen gerade durch die hohle Rübe rauschte. Ungebremst, unkontrolliert, meistens ungestraft. Wir alle kennen diesen Quatsch.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Verschwörungstheorien, wildeste Spekulationen, Falschmeldungen, aufgepumpter Kram – Hauptsache sie erzeugen maximalen Alarm, damit Aufmerksamkeit, Klicks und Likes und am Ende...eben. Geld stinkt halt nicht.

Pöbler sind auf Facebook gerade seltener

Nun aber machen alle, die sich gerne mal im Internet rumtreiben, eine interessante Erfahrung. Wenn früher bei Google-Suchen Hetz- und Quatschseiten angeboten wurden – die sind gerade bei den Suchergebnissen weitgehend verschwunden. Wenn auf Facebook die Pöbler und Trolle die Kultur verpestet haben – gerade tauchen sie nicht mehr so penetrant auf.

Wie kommt das? Eine Folge des Virus? Sind die Pöbler alle in Quarantäne ohne Netzanschluss? Wohl kaum. Zwei Spekulationen, eine interessante Info:

Erste Spekulation: Die digitalen Brüllaffen haben zur aktuellen Lage gerade mal nichts beizutragen, was viele Leute interessiert. Die sind gerade maximal uninteressant. Denen sind ihre Themen abhanden gekommen. Ist halt doch schwer, jetzt den Flüchtlingen Corona in die Schuhe zu schieben.

Hass sickert dieser Tage nicht so tief in unsere Gesellschaft ein

Zweite Spekulation: Manche glauben ja immer noch an die Kraft der Empörung. Sie empören sich über Hass und Hetze und glauben, dass sich andere Empörer auch empören, damit die massenhafte Empörung dazu führt, dass der Spuk mal ein Ende hat. Wir wissen längst: eine Illusion. Über die Empörungskultur wird die Propaganda nur weiter und weiter verbreitet. Weil aber in diesen Tagen ganz andere Themen im Fokus stehen und die Empörer gar nicht so viel Zeit zum Empören haben, weil sie andauernd die Hände waschen müssen, sickert das Gift des Hasses nicht so tief in die Gesellschaft ein.

Wenn es um Menschenleben geht, darf kein Unsinn verbreitet werden

Nun endlich die Information, und die ist echt ein Knaller. Ehre, wem Ehre gebührt: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat es famos zusammengefasst. Die Betreiber von Social Media-Plattformen haben nämlich angesichts von Corona die Reißleine gezogen. Die schlichte Erkenntnis: Wenn es um Menschenleben geht, dann darf nicht mehr jeder Unsinn verbreitet werden. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wird mit dem schönen Satz zitiert:

Selbst in einer Gesellschaft wie der amerikanischen, in der die Meinungsfreiheit einen besonderen Stellenwert hat, gibt es den Präzedenzfall, dass Leute nicht einfach ‚Feuer!‘ in einen Raum voller Menschen rufen dürfen. Das ist ähnlich wie das Verbreiten von Falschinformationen während einer Epidemie.

Mark Zuckerberg, Facebook-Chef

Darum also verschenkt Facebook Werbefläche an die WHO, darum also verlinkt YouTube auf Infos der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, darum also finden sich bei Google-Suchen zu Corona vor allem sinnvolle Infos aus seriösen Quellen.

Hass ist nicht ganz verschwunden

Ja, der Hass ist nicht ganz verschwunden. Wie auch? Sind noch genug Leute unterwegs, die ihren seelischen Überdruck im Netz ablassen. Irgendwelche Provinz-AfDler haben gerade ne Todesanzeige veröffentlicht. Für Fridays for Future. Mit dem üblichen Hasstext. Haben sie jetzt von ihrer Facebook-Seite genommen. Sollte "Satire" sein. All sowas passiert weiter – aber es ist eben nicht mehr so sichtbar. Genauso wenig wie die sensationellen Corona-Infos von Impfgegnern und anderen Quatschköpfen.

Das merken wir uns mal.

Man kann also den mysteriösen Algorithmus doch dem zivilisatorischen Minimum anpassen. Man kann also doch das Internet entgiften. Nicht vollständig, aber schon so, dass der Patient Gesellschaft deutlich gesünder wird. Wenn die Bosse der Internetkonzerne wollen, dann können sie auch.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Kommt auf Wiedervorlage.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. März 2020 23:30 Uhr