Fragen & Antworten

So sieht Bremens Corona-Teststrategie für Herbst und Winter aus

In Bremen stoßen Labore und Ärzte an ihre Grenzen. Das hat Folgen für die Teststrategie im Land. Wir zeigen die wichtigsten Unterschiede zwischen Vorgaben und Praxis.

Abstrich wird bei einem Mann durchgeführt (Symbolbild)
Wichtig für Bremens Teststrategie ist, ob auch Pflegepersonal Abstriche vornehmen darf. Bild: Reuters | Eric Gaillard

Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesgesundheitsministerium geben seit Ausbruch der Corona-Pandemie vor, wie eine nationale Teststrategie aussehen sollte. Die ab Montag in Bremen geltenden Regel setzen offiziell um, was das RKI seit Anfang November empfiehlt. In der Praxis wird in Bremen jedoch schon längst nach diesen Prinzipien gehandelt. Warum in Bremen wie getestet wird, erklären wir hier.

Welche Teststrategie empfiehlt das Robert-Koch-Institut seit November?
Der Winter könnte die Corona-Fallzahlen weiter in die Höhe treiben, befürchtet das Robert Koch-Institut (RKI). Eine Überlastung von Testlaboren, Arztpraxen oder Betreuungseinrichtungen wären die Folgen. Vor diesem Hintergrund hat das RKI Anfang November eine Anpassung der eigenen Testkriterien für SARS-CoV-2-Infektionen verkündet. Die wichtigste Änderung: Menschen ohne Corona-Symptome sollen nicht mehr getestet werden. Wer Corona-Symptome aufweist, soll nur dann getestet werden, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien zutrifft:

  • Vulnerabilität: Vulnerabel sind zum Beispiel Menschen mit Vorerkrankungen oder Ältere. Sie gelten als besonders gefährdet und sollen daher zuerst getestet werden sollen.
  • Klinische Symptomatik: Wer bereits klare und ausgeprägte Corona-Symptome aufweist, erfüllt laut RKI ebenfalls die Testkriterien. Von anderen Atemwegserkrankungen mit Husten, Schnupfen und Fieber unterscheidet sich Corona beispielsweise meist durch Störungen des Geruchs- oder Geschmackssinns.
  • Expositionsgeschwindigkeit: Wenn es wahrscheinlich ist, dass eine möglicherweise an Corona erkrankte Person viele Personen in ihrem Umfeld angesteckt hat, erhöht sich das Verbreitungstempo des Virus. Menschen, die wie Pfleger, Ärztinnen oder Lehrer häufigen und engen Umgang mit anderen Menschen haben, sollen daher prioritär getestet werden.

Anzahl durchgeführter Corona-Tests im Land Bremen

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Wie ging Bremen bislang mit den RKI-Vorgaben um?
Das RKI gibt den Ländern zwar Leitlinien im Umgang mit Corona vor und stimmt sich mit ihnen ab. Dennoch werden die Vorgaben aus Berlin manchmal von der Realität überholt. Denn was das RKI nun offiziell verkündet hat, ist in Bremen längst Praxis. "Wir können gar nicht mehr alle Menschen testen, die wir gerne testen würden", sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressort: "Wir würden gerne präventiv testen, das ist keine Frage." Das gebe das Infektionsgeschehen derzeit aber nicht her. Umfangreiche Screenings an Schulen oder präventive Testungen in Pflegeeinrichtungen werden daher in Bremen – anders als noch im Sommer – schon seit Wochen nicht mehr durchgeführt.

Und schon vor den jüngsten RKI-Vorgaben wurden Proben in Bremens Testlaboren nach Testgruppen geordnet. "Proben aus den Krankenhäusern haben erste Priorität", sagt Andreas Gerritzen, Leiter des Medizinischen Labors Bremen. Danach folgten Proben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, der Corona-Ambulanzen sowie ambulante Proben niedergelassener Ärzte. Testungen, die zum Beispiel Urlaubsreisende aus privater Tasche zahlen, stehen hinten an.
Was gilt in Bremen für die Testung enger Kontaktpersonen?
An diesem Donnerstag hat Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard auch offiziell verkündet, dass die Testung von Kontaktpersonen der Kategorie I angepasst werden muss. Demnach werden enge Kontaktpersonen nicht mehr flächendeckend getestet.

Regelhafte Tests für asymptomatische Kontaktpersonen der Kategorie I fallen damit nun auch offiziell aufgrund der Überlastung der neun im Land Bremen betriebenen Testlabore weg. Ebenso Präventivtestungen von Lehr- und Erziehungspersonal, das weder Corona-Symptome aufweist noch zu einer vulnerablen Gruppe gehört.
Wie wirkt sich die veränderte Teststrategie auf die Positivenquote aus?
Wie sich die bereits seit Wochen vorgenommene Konzentration der Tests auf Menschen mit Corona-Symptomen auswirkt, zeigt auch ein Blick auf die sogenannte Positivenquote. Sie gibt den Anteil der positiv getesteten Menschen im Verhältnis zu allen Getesteten an. Deutschlandweit hat sie sich innerhalb der vergangenen zwei Monate von 0,7 auf rund 7,3 Prozent verzehnfacht.

Eine Entwicklung, die sich auch in Bremen zeigt. Besonders deutlich wirkt sich die Teststrategie in der von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) verwalteten Corona-Ambulanz in der Vahr aus. Dort schwankt die Positivenquote der KV zufolge zwischen 20 und 30 Prozent.
Ein Arzt gibt einen Bluttropfen auf einen Corona-Schnelltest
Antigen-Schnelltests sollen das Gesundheitssystem entlasten. Rechtlich ist ihre Anwendung aber noch nicht abschließend geklärt. Bild: Radio Bremen
Welche Rolle spielen Schnelltests in der nationalen Teststrategie für Bremen?
Mitte Oktober hat die Bundesregierung einen wichtigen Baustein der nationalen Teststrategie verkündet. Demnach sollen vom Bund bezahlte Antigen-Schnelltests die im Labor ausgewerteten PCR-Tests ergänzen. Der Vorteil der Schnelltests: Ein Ergebnis liegt nach weniger als einer Stunde vor. Der Nachteil: Sie haben eine höhere Fehlerquote als klassische PCR-Tests und eignen sich daher nur bedingt für eine abschließende Diagnose.
Laut Bundesgesundheitsministerium sollten sechs Millionen Schnelltests bereits im Oktober bereitgestellt werden, zum Beispiel für Krankenhäuser und Pflegeheime. Im November sollen es weitere neun Millionen Testkits sein. Im Dezember dann 11,5 Millionen. Bremens Gesundheitsbehörde zufolge sollen auf Grundlage der nationalen Testverordnung bald monatlich 120.000 Corona-Schnelltests allein in Pflegeheimen durchgeführt werden.
Warum werden Schnelltests noch nicht in Bremer Pflegeheimen genutzt?
Konzepte für Schnelltestungen vor Ort müssen erst noch erarbeitet werden. Das ist jedoch Aufgabe der Einrichtungen selbst. "Die Prüfung der Konzepte wird von den Spitzenverbänden der jeweiligen Einrichtung übernommen. Die Muster für die Prüfung stammen vom Gesundheitsamt", sagt Gesundheitsressort-Sprecher Fuhrmann. Erste Konzepte lägen inzwischen vor.

Mit ihrer Umsetzung rechnet das Gesundheitsressort noch im November. Bis dahin müssen vor allem noch rechtliche Fragen geklärt werden. Denn das Infektionsschutzgesetz sieht bislang vor, dass ärztliches Personal an der Probenentnahme beteiligt oder zumindest dabei anwesend sein muss. Diese Vorgabe soll allerdings auf Bundesebene gesetzlich gelockert werden. Spätestens dann stellt sich die Frage, wie Pflegepersonal ausgebildet werden kann, um selbst Abstriche für die Schnelltests durchzuführen. "Diese Ausbildung bereiten wir gerade auch vor", sagt Fuhrmann.
Wieso kommen Schnelltests in Bremens Krankenhäusern schon zum Einsatz?
Das Krankenhaus Sankt Joseph Stift setzt bereits seit Oktober Schnelltests ein, das Rote Kreuz Krankenhaus seit Anfang November. Der Bremer Klinikverbund Geno steht unmittelbar vor der Umsetzung.
Dass die Umsetzung der nationalen Teststrategie in Kliniken schneller funktioniert, als beispielsweise in Pflegeheimen, hat unter anderem zwei Gründe: Erstens verfügen Krankenhäuser über das nötige Fachpersonal zur Durchführung der Tests, zweitens können sie ihre Teststrategie direkt mit dem Robert-Koch-Institut abstimmen.

Dennoch ist der Einsatz von Antigen-Schnelltests auch in Kliniken begrenzt. Das Sankt Joseph Stift wendet die neuen Antigen-Schnelltests nur in der Notaufnahme und wenn Patienten bereits Corona-Symptome aufweisen an. Entlastung brächten Schnelltests vor allem im Hinblick auf die Unterbringung von Verdachtsfällen auf der Isolierstation, sagt Krankenhaus-Sprecher Maurice Scharmer.

Das Rote Kreuz Krankenhaus setzt Antigen-Schnelltest immer dann ein, wenn für die Behandlung von Patienten ohne Corona-Symptome und ohne jeglichen Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion ein schnelles Testergebnis erforderlich sei, sagt RKK-Sprecherin Dorothee Weihe. Dies sei derzeit täglich bei rund 35 bis 45 Patienten der Fall – beispielsweise vor der stationären Aufnahme. Wer hingegen Corona-Symptome aufweise, werde zusätzlich einem hauseigenen PCR-Test unterzogen.

So ändert Bremen seine Corona-Teststrategie

Video vom 12. November 2020
Für einen Corona-Test notwendige Abstriche in einem Labor.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. November 2020, 19:30 Uhr