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Viele Coronafälle: Soll Bremen arme Stadtteile beim Impfen bevorzugen?

Wieder sind ärmere Stadtteile stärker von Corona betroffen. An den Ursachen kann man kurzfristig nichts ändern. Wissenschaftler und Stadtteilarbeiter haben Lösungsvorschläge.

Video vom 28. April 2021
Ein Straßenschild weist auf die Maskenpflicht hin.
Bild: Radio Bremen
Bild: DPA | Jens Kalaene

Im Winter sah es zeitweise so aus, als sollten sich die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus unter den Bremer Stadtteilen angleichen. Doch inzwischen, in der dritten Welle, gibt Bremen ein ähnliches Bild ab wie schon im Herbst: Die ärmsten Stadtteile sind zugleich jene, in denen die Seuche am stärksten grassiert. Mal führt Osterholz-Tenever das traurige Ranking an, dann Gröpelingen, zuletzt Blumenthal, Walle und Vegesack, immer aber wirtschaftlich schwächere Wohngegenden.

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"Armut und eine schlechtere Gesundheit hängen leider eng zusammen", sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts dazu. Die langfristig beste Methode, um Abhilfe zu schaffen, liege daher im Kampf gegen Armut. Kurzfristig helfe wohl nur noch mehr Aufklärung zur Seuche in den Quartieren in Verbund mit den bekannten Corona-Schutzmaßnahmen.

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb hat allerdings noch eine weitere Idee: Man sollte die ärmeren Wohngegenden mit hohen Corona-Infektionszahlen bei der Vergabe von Impfdosen bevorzugen, sagt der Wissenschaftler: "Das stünde Bremen sehr gut zu Gesicht."

Impfpriorisierung der Armen über die Arztpraxen?

Der Epidemiologe Hajo Zeeb im buten un binnen Studio.
Glaubt, dass es in ärmeren Wohngegenden verhältnismäßig viele Impfskeptiker gibt: Epidemiologe Hajo Zeeb. Bild: Radio Bremen

Am einfachsten zu realisieren wäre eine solche Priorisierung von Wohngegenden über die Zuteilung der Impfdosen für die niedergelassenen Ärzte, glaubt Zeeb. Konkret: Ärztinnen und Ärzte in Stadtteilen mit hohen Inzidenzen sollten, so lange Impfstoff knapp ist, mehr Impfdosen für ihre Patientinnen und Patienten bekommen als solche in Stadtteilen mit niedrigen Inzidenzen.

Gleichzeitig sollte Bremen alles daran setzen, die Aufklärung der Bevölkerung zu Corona in den ärmeren Stadtteilen weiter zu verbessern, empfiehlt Zeeb. Denn Untersuchungen aus anderen Ländern, darunter aus England, zeigten, dass die Skepsis gegenüber Impfungen in wirtschaftlich benachteiligten Wohngegenden ausgeprägter sei als andernorts. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass es in Bremen ähnlich ist.

Tatsächlich deckt sich Zeebs Vermutung mit den Eindrücken von Sozialarbeiterinnen vor Ort, darunter die 25-jährige Pia Hebbeler. Sie ist eine von elf Gesundheitsfachkräften, auch Gesundheitslotsen genannt, die die Stadt Bremen zum März und zum April aus Mitteln des Bremen Fonds eingestellt hat, um den Menschen an sozialen Brennpunkten auf einfache Weise zu elementaren Gesundheitsinformationen zu verhelfen. Hebbeler ist in Lüssum, Blumenthal, Gröpelingen und Oslebshausen im Einsatz.

"Angst vor Tests und Impfungen"

Autos fahren an den Hochhäusern im Bremer Stadtteil Tenever vorbei.
In Stadtteilen wie Osterholz-Tenever (unser Foto) leben viele Menschen auf engem Raum zusammen. Dadurch können sich Infektionskrankheiten wie Corona hier leicht ausbreiten. Bild: DPA | Sina Schuldt

Zwar befinde sie sich noch in der "Findungsphase", berichtet die studierte Pflegewissenschaftlerin. Dennoch sei ihr bei Gesprächen mit den Menschen vor Ort bereits aufgefallen: "Ganz viele haben Angst vor den Tests und auch vor Impfungen."

So hätten einige Frauen die Sorge formuliert, dass sie durch die Impfung unfruchtbar werden könnten, eine falsche Behauptung, die eine zeitlang in den sozialen Netzwerken die Runde machte. Andere schreckten vor Coronatests zurück, weil sie im Falle eines positiven Ergebnisses den Verlust ihres Arbeitsplatzes fürchteten.

Ganz ähnliche Eindrücke hat Esra Aksoy als Gesundheitsfachkraft in Osterholz-Tenever und im Schweizer Viertel gemacht. Dort nutzt die 29-jährige Gesundheitswissenschaftlerin die vom Ortsamt, dem Quartiersmanagement und dem Mütterzentrum Tenever etablierten Strukturen, um Bewohnerinnen und Bewohner etwa im Corona-Info-Point zu beraten: "Ein typisches Thema sind die ständig wechselnden Verordnungen", sagt sie. Ein anderes immer wieder kehrendes Thema seien eben die Impfungen, vor denen einige Menschen große Angst hätten. "Sie fragen: Was bekomme ich für Symptome davon?", berichtet Aksoy.

Nur kein belehrendes Auftreten!

Wie Hebbeler, so glaubt auch sie, dass es bei den Gesprächen der Gesundheitsfachkräfte sehr darauf ankommt, sich die Sorgen der Leute gut anzuhören, jede Meinung zuzulassen, nicht belehrend aufzutreten. Nur so lasse sich Vertrauen aufbauen, und nur so könne man den Menschen nach und nach Ängste nehmen.

Dass diese Vorgehensweise der neuen Gesundheitsfachkräfte richtig ist, glaubt auch Carola Schulz, Quartiersmanagerin in Blumenthal. Die Ängste der Menschen spielten im Kampf gegen die Pandemie eine Schlüsselrolle, sagt sie. Vor allem, weil immer wieder irreführende "Infos" im Internet kursierten. "Wir versuchen dann im persönlichen Gespräch, die Menschen ganz ruhig und respektvoll auf seriöse Informationsquellen hinzuweisen", sagt Schulz. Parallel dazu spreche sie viel mit den Mitarbeitenden in Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen vor Ort, um Multiplikatoren in die Aufklärungsarbeit einzubinden. Es bleibe aber schwierig.

Schädliche Diskussion um AstraZeneca

"Die lange Diskussion in der Politik um Nebenwirkungen von AstraZeneca hat der Impfkampagne geschadet", stellt die Quartiersmanagerin etwa fest. Viele Menschen seien nun verunsichert und tendierten dazu, sich gar nicht impfen zu lassen. "Das ist natürlich fatal", sagt Schulz. Das Ziel müsse darin bestehen, möglichst schnell möglichst viele Menschen in Stadtteilen wie Blumenthal zu impfen.

Denn in armen Wohngegenden wie Blumenthal, Lüssum, Gröpelingen oder Tenever lebten nun einmal mehr Leute als andernorts auf engem Raum, gingen prekären Beschäftigungen nach und hätten meist nicht die Chance, sich im Homeoffice vor Infektionen zu schützen. Über diese Unterschiede zu Stadtteilen wie Borgfeld, Oberneuland oder Schwachhausen könne auch eine noch so gute Aufklärungsarbeit nicht hinwegtäuschen.

Impfbus für Blumenthal?

Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Malteser steht am städtischen Impfzentrum von Memmingen vor einem Impfbus.
Wie hier in Memmingen, so könnte sich Quartiersmanagerin Carola Schulz auch für Blumenthal und andere Bremer Stadtteile einen Impfbus vorstellen. Bild: DPA | Karl-Josef Hildenbrand

Wie der Epidemiologe Hajo Zeeb, so findet daher auch Schulz, dass in armen Stadtteilen prioritär geimpft werden sollte. "Ich kann mir etwa auch einen Impfbus für Blumenthal vorstellen", sagt die Quartiersmanagerin. Auf diese Weise ließe sich für mehr soziale Gerechtigkeit in Bremen sorgen. "Das wäre doch ein wunderbarer erster Schritt", fügt sie hinzu.

Corona-Hotspots in Bremen: Hilfen für stark betroffene Stadtteile

Video vom 8. Dezember 2020
Ein großer Wohnblock in Tenever.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. April, 19.30 Uhr