Interview

Bremer Gesundheitssenatorin: "Respekt vor Corona sinkt"

Am Dienstag wurde der höchste Anstieg an Neuinfektionen in Bremen seit Pandemie-Beginn registriert. Die Gesundheitssenatorin warnt vor sinkender Akzeptanz der Corona-Regeln.

Senatorin Claudia Bernhard mit Gebärdendolmetscherin
Das wichtigste Werkzeug der Gesundheitsämter ist und bleibt die Kontaktnachverfolgung, betont Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard – und die sei bei privaten Feiern schwierig. Bild: Radio Bremen
Es gab in den vergangenen Tagen in Bremen immer wieder erhöhte Neuinfektionszahlen. Was haben Sie gedacht, als Sie diese Zahlen gesehen haben?
Es gibt jetzt schon eine gewisse Dynamik nach oben. Die behalten wir auch sehr genau im Auge. Es sind nun mal keine klaren Cluster, sondern es ist tatsächlich in der Bevölkerung verbreitet. Das sehen wir mit sorgenvollem Blick.
Speziell mit Blick auf das Wochenende – was ist Ihr Erklärungsversuch? Warum sind die Zahlen da so in die Höhe gegangen?
Nach der aktuellen Auswertung ist es so, dass das insbesondere im Bereich der privaten Veranstaltungen und Feiern zu verorten ist. Da wird die Kontaktverfolgung auch sehr viel komplizierter. Die ist für uns aber eines der wichtigsten Instrumente. Und wenn wir das nicht mehr richtig gut gewährleisten können, dann wird es natürlich schwierig.
Wie reagiert dahingehend jetzt der Krisenstab? Ändert sich irgendetwas an der Arbeit oder wird weiter versucht, die Infektionswege zu verfolgen und zu benennen?
Wir müssen nochmal genau auswerten, an welchen Ecken und Enden es tatsächlich diese Zunahmen gegeben hat. Wir werden außerdem bei der Nachverfolgung nochmal draufsatteln. Wir haben eigentlich schon eine gute Menge an Scouts, kriegen aber noch einige zusätzliche von Bundesebene. Wie gesagt: Die Nachverfolgung ist unser wichtigstes Instrument. Wir werden aber auch darüber nachdenken, ob wir bei den privaten Veranstaltungen oder Feiern nochmal nachstellen müssen. Denn leider ist es so, dass die Corona-Verordnung teils schlichtweg nicht ernstgenommen wird.
Wie blicken Sie auf diese Feiern, auf denen es immer wieder zu Ausbrüchen kommt?
Ich stelle fest, dass der Respekt gegenüber der Virusverbreitung sinkt. Die Verantwortung in der Bevölkerung lässt da ein wenig zu wünschen übrig. Um es ganz klar zu sagen: Wir haben diesen relativ guten Verlauf der letzten Monate der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen mit einer hohen Verantwortung sich an die Vorgaben gehalten haben: Maske tragen und Abstände halten. So konnten wir die Kontaktverfolgung gewährleisten. Wenn ich jetzt aber jemanden habe, der Micky Maus auf einen Zettel schreibt, habe ich natürlich ein Problem. Das heißt ganz klar: 'Mich interessieren eure Vorschriften eigentlich überhaupt nicht.' Und das ist eine Haltung, mit der wir nicht gut leben können. Deswegen sind wir gerade bei Feiern sehr sensibel. Auch schon in der aktuellen Verordnung führt das zu Bußgeldern. Das sollte schon deutlich werden.
Am Wochenende ist wieder ein Bundesligaspiel in Bremen – halten Sie es für möglich, dass das wieder ohne Publikum stattfinden könnte oder ist das kein Thema im Senat?
Niemand kann irgendetwas ausschließen. Wir haben aber festgestellt, dass wir da, wo gute Hygienekonzepte vorliegen, keine Rückmeldungen zu erhöhten Infektionszahlen haben. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Ich sage mal so: Wo Hygieneprofis am Werk sind, läuft es gut.
Wenn man sich die Zahlen der vergangenen Tage anschaut, kriegt man schon das Gefühl, dass wir einen starken Trend nach oben erleben. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die nächsten Tage?
Wir haben ja schon eine ganze Menge an Erfahrungen gesammelt.Es könnte auch sein, dass es wieder eine Vorphase in Richtung Krankenhausbelastung ist. Und das muss man ernst nehmen. Wir haben aktuell gerade bei den Jüngeren hohe Infektionszahlen. Da sind keine allzu massiven Krankheitsverläufe zu erwarten. Trotzdem: Wenn das in der Gesellschaft weiter so reinträufelt, dann wird das letztendlich wieder auf die Intensivbetten zurückschlagen. Man muss es also sehr streng im Auge behalten.

Corona-Maßnahmen: Gesundheitssenatorin appelliert an Bremer

Video vom 29. September 2020
Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard schaut ernst
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. September 2020, 19:30 Uhr