Interview

Zukunft von Bremens Schulen: "Ziele durch Corona nicht geändert"

Geht das überhaupt? Alle Schüler in Bremen sollen nach den Sommerferien wieder in die Klassen gehen. Bildungssenatorin Bogedan über Maßnahmen – und wie Schule künftig aussieht.

Claudia Bogedan während einer Pressekonferenz (Archivbild)
Wie geht es nach den Sommerferien an den Bremer Schulen weiter? Darüber haben wir mit Claudia Bogedan, Senatorin für Kinder und Bildung, gesprochen. Bild: DPA | Sina Schuldt
Wie wird es, Stand heute, nach den Sommerferien an den Schulen weitergehen?
Zurzeit wird in den Grundschulen im Land Bremen schon in ganzen Klassen unterrichtet, nach den Sommerferien wird das dann, wenn es das Infektionsgeschehen zulässt, auch für die weiterführenden Schulen gelten. Für jede Schulstufe wird derzeit ein Konzept erarbeitet, das vor den Sommerferien fertig ist. Dabei wird es ein "Vier-Säulen-Modell" geben, welches den Präsenzunterricht, den Distanzunterricht, Förder- beziehungweise kompensatorische Angebote für bestimmte Zielgruppen sowie die Betreuung umfasst. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft sind Kinder und Jugendliche zumindest keine Treiber des Infektionsgeschehens. Ja, es gibt auch andere Stimmen. Alle Kultusminister müssen aber abwägen. Und das Recht auf Bildung und soziale Teilhabe ist für die Kinder ein sehr hohes Gut. Kindern zu verwehren, ihre Freunde zu sehen, während sich Erwachsene in Kneipen tummeln, ist kaum auszuhalten.
Was ist mit den Schülern und Lehrkräften, die sich Sorgen machen, weil die Abstände von zwei Metern nicht mehr eingehalten werden müssen?
Der Präsenzunterricht ist unglaublich wichtig und speziell in der Grundschule kaum zu ersetzen. Das Abstandsgebot zwischen Erwachsenen, also den Lehrkräften und Teams in Schulen, bleibt. Möglichst wenig Durchmischung zwischen Lerngruppen wird als weitere Schutzmaßnahme fortgeführt. Auf Wunsch der Schulen wurden FFP-2-Masken, Visiere und Spuckschutze für Lehrkräfte und weitere Beschäftigte ausgeteilt. Anlass- oder symptombezogene Testungen für Beschäftigte in Schulen sind nach Anmeldung schon jetzt möglich. Wir arbeiten gemeinsam mit der Gesundheitssenatorin an weitreichenden, freiwilligen Testungen, in Kitas und Schulen, die wissenschaftlich begleitet werden und zum kommenden Schuljahr umgesetzt werden. 
Schülerinnen und Schüler sitzen mit Abstand zueinander im Unterricht (Symbolbild)
So soll es an den Bremer Schulen nach den Sommerferien nicht mehr aussehen: Das Abstandsgebot giltl dann nur noch für Lehrer und Bedienstete der Schule. Bild: DPA | Arne Dedert
In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel waren zwischenzeitlich wieder Schulen geschlossen worden, weil Schüler sich infiziert hatten. Wie wollen die Schulbehörden in Bremen und Bremerhaven in einem solchen Fall reagieren? 
Wir haben genaue, vom Gesundheitsamt vorgegebene, Vorgehensweisen, wie in Fällen von positiv getesteten Kindern und Lehrkräften vorgegangen wird. Wenn es einen Positiv-Fall oder Verdachtsfälle gibt, dann wird direkt das Gesundheitsamt informiert, das dann auch die Maßnahmen einleitet. Dort wird entschieden, ob bei einem sogenannten Cluster eine ganze Schule geschlossen werden muss. Bei Einzelfällen passiert das nicht, da wird in den Lerngruppen agiert. Derzeit haben wir in der Stadt Bremen sieben positiv getestete Schüler*innen von circa 70.000 und einen Beschäftigten an insgesamt sechs Schulen von 181 beim Gesundheitsamt registrierten. Wir wissen, die Pandemie ist nicht vorbei – wir müssen mit ihr leben. 
Was passiert mit Schülern und Lehrkräften, die zur Risikogruppe gehören und nicht in die Schule möchte? Können Schüler zum Beispiel weiterhin zu Hause lernen und sind die Schulen darauf eingestellt?
Schüler*innen, die einer Risikogruppe angehören und/oder in einem Haushalt mit jemandem wohnen, der einer Risikogruppe angehört, müssen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Schulen regeln den Distanzunterricht. Wenn er (noch) nicht digital durchgeführt werden kann, dann muss das analog passieren. Wir arbeiten daran, allen Schüler*innen den digitalen Distanz-Unterricht, der ab kommendem Schuljahr verbindlich geregelt werden wird, so gut wie es geht zu ermöglichen. Bedürftige Schülerinnen werden über ihre Schulen ein digitales Endgerät gestellt bekommen. Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören, müssen ebenfalls nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Sie werden im Distanzunterricht eingesetzt, aber auch zur Unterrichts- und Schulentwicklung – wie bisher. 
Es gab in der Vergangenheit immer wieder Beschwerden von Eltern, dass Lehrer zu wenig Kontakt mit den Kindern gehalten haben, und kaum bis gar keine digitalen Angebote gemacht haben. Was bedeutet das genau, dass der Distanzunterricht verbindlich geregelt werden soll?
Ja, es gab Beschwerden. Das war aber nicht der Großteil der weiterführenden Schulen. Weil wir dort und auch bei den Grundschulen noch besser werden müssen, werden wir die Anwendung digitaler Möglichkeiten verpflichtender gestalten, wenn wir die Voraussetzungen für Schüler*innen und Lehrkräfte gestaltet haben.
Viele Lehrer unterrichten gerade Kinder sowohl im Klassenzimmer als auch zu Hause über digitale Endgeräte. Ist das das Lernen der Zukunft?
Wie wir merken, gehört dieser Unterricht bereits zur Gegenwart. Der Präsenzunterricht kann auf Dauer aber nicht ersetzt werden. Mit ihm geschieht soziale Interaktion, die unbedingt notwendig ist. Lehrkräfte und Beschäftigte können digital viel auffangen, aber nicht alles regeln. Und auch den Kontakt von Kindern und Jugendlichen untereinander können wir digital nicht kompensieren – auch nicht mit Videokonferenzen und Chats, die schon vielfach genutzt werden. 
Viele Schüler und Lehrer genießen derzeit auch die kleinen Gruppen in der Klasse. Könnte das nicht so weitergehen?
Der Regelunterricht beinhaltet den Unterricht nach geltender Stundentafel. Gleichzeitig können nicht alle Lehrkräfte im Präsenzunterricht eingesetzt werden. Unter diesen Voraussetzungen sind Kleingruppen als Dauerlösung nicht zielführend. Hinzu kommen mehr Schüler*innen und notwendigen Schulbauten, die wir leisten müssen. Wir setzen auf die schrittweise Einführung von Doppelbesetzungen an Grundschulen. 
In den vergangenen Wochen mussten viele Schulen sehr improvisieren. Mit welcher digitalen Ausstattung können die Schulen konkret und schon innerhalb der nächsten Monate rechnen, um für eine mögliche zweite Welle gewappnet zu sein? 
An den weiterführenden Schulen hat der digitale Unterricht schon gut geklappt. 240.000 tägliche Zugriffe auf die Lernplattform "itslearning" während der Notbetreuungszeit sprechen da eine eigene Sprache. Auch die außerordentlich gut angenommenen Online-Fortbildungen des Zentrums für Medien. Dass das nicht ausreicht ist klar, deshalb werden Tablets für Schüler*innen mit Bedarf angeschafft und über die Schulen verliehen. Die Schulen haben jeweils ihr gesamtes Fördervolumen aus dem Digitalpakt genannt bekommen und können bestellen, was sie nach ihrem Medienplan benötigen. Wir arbeiten an weiteren Verbesserungen der digitalen Ausrüstung und sind froh, so viele tolle und engagierte Online- Kräfte vor Ort zu haben. 
Viele Grundschulen klagen darüber, dass sie bisher bei der digitalen Ausstattung kaum bedacht wurden. Wird sich das ändern?
Ja, die Grundschulen profitieren vom Digitalpakt und können sich digital anders aufstellen. Die Fortbildungen im Landesinstitut für Schule, auch was itslearning betrifft, zielen jetzt auch vermehrt mit speziellen Angeboten auf  Grundschulen ab. Diese werden von Lehrkräften sehr gut angenommen.
Wie sähe für Sie als Senatorin für Bildung, nach der Erfahrung mit Corona, die ideale Schule der Zukunft aus?
Seit Beginn meiner Amtszeit sage ich, dass die Schule der Zukunft inklusiv und digital ist und im Ganztagsbetrieb läuft. Daran halte ich fest. Die Voraussetzungen haben sich durch die Pandemie geändert, die Ziele nicht. 

Wie digital wurde der Unterricht durch Corona?

Video vom 19. Juni 2020
Zwei Mädchen sitzen am Esstisch und machen ihre Hausaufgaben mithilfe eines Laptops.

Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 1. Juli 2020, 12 Uhr