"Keiner wird Nazi, weil er ein Hakenkreuz sieht"

Nazi-Symbole waren in Computerspielen bislang verboten. In Bremen sind sich Experten einig: Dass sie nun in Einzelfällen gezeigt werden dürfen, ist der richtige Schritt.

Screenshot aus dem Computerspiel "Through the Darkest of Times".
Das Computerspiel "Through the Darkest of Times" eines Berliner Entwicklerteams beschäftigt sich mit dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten im Dritten Reich. Bild: Paintbucket Games | Jörg Friedrich

Anders als in Spielfilmen waren Nazi-Symbole wie zum Beispiel Hakenkreuze in Computerspielen bislang verboten. Das hat sich mit der Entscheidung der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK) geändert. Unter bestimmten Umständen darf die Prüfstelle solche Zeichen in Deutschland in Einzelfällen nun zulassen. Doch was bedeutet das für den Jugendschutz? Die Meinungen unter Bremer Experten liegen eng beieinander. So wie im Entwicklerstudio für Videospiele "King Art Games" hält man die Lockerung der bisherigen Regeln für richtig.

Der Gamer:

Die Entscheidung ist erst mal eine gute Sache. Insgesamt gibt es aber höchstens eine Handvoll Spiele pro Jahr, für die diese neue Regelung relevant ist. In Berlin wird zurzeit das Strategiespiel "Through the Darkest of Times" entwickelt, in dem der Spieler eine Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten im Dritten Reich spielt. Die Geschichte basiert auf realen Gegebenheiten. Wenn in solchen Spielen keine echten Nazis auftauchen dürften, dann ist das mehr als albern.

Jan Theysen
Jan Theysen, King Art Games

Der Medienpädagoge:

Ich bin da zwiegespalten. Einerseits müssen wir als Gesellschaft Grenzen festlegen. Gerade bei Videospielen, in denen man noch stärker als bei Filmen mit dem Inhalt interagiert. Andererseits wird die neue Regelung nicht dazu führen, dass jetzt überall Hakenkreuze auftauchen können. Ich finde es gut, dass nun auch Spiele veröffentlicht werden können, die sich kritisch mit solchen Themen befassen. Wir müssen jetzt einfach genau beobachten, wie die USK damit umgeht.

Karsten Wolf
Karsten Wolf, Medienpädagoge an der Uni Bremen

Die Jugendschützerin:

Durch die neue Regelung der USK ist der Jugendschutz nicht in Gefahr. Jedes Spiel wird individuell anhand zahlreicher Kriterien geprüft. Aber auch wenn ein Videospiel eine Altersfreigabe bekommt, entbindet das die Eltern nicht von ihrer Aufgabe: Schaut euch an, was eure Kinder spielen. Das ist immer noch der wirksamste Schutz – und ab und zu auf einen echten Spielplatz gehen.

Cornelia Holsten
Cornelia Hosten, Bremische Landesmedienanstalt

Der Antifaschist:

Carsten Neumann ist im gemeinnützigen Verein "Standpunkt Bremen" aktiv, der sich für antifaschistische Kultur einsetzt. 

Das war längst überfällig. Ich glaube nicht, dass jemand Neonazi wird, nur weil er ein Hakenkreuz in einem Videospiel sieht. Es kommt vielmehr darauf an, welche Rolle man in einem Spiel einnimmt: Erobert man als Nazi ganz Europa oder befreit man als Alliierter die Welt vom Faschismus? Statt einer Verbotspolitik brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte über Faschismus und Null Toleranz gegenüber dieser Ideologie.

Carsten Neumann, Standpunkt Bremen

So funktioniert die USK

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) ist in Deutschland verantwortlich für die Altersfreigabe von Videospielen, die auf CD oder DVD erscheinen. Bevor diese in den offiziellen Handel gebracht werden können, müssen sie von der USK überprüft werden. Sie entscheidet darüber, ob ein Spiel jugendgefährdend ist und an welche Altersstufe es verkauft werden darf. Bislang waren alle Computer-Spiele, die verfassungswidrige Symbole wie ein Hakenkreuz oder SS-Runen enthielten, von dem Prüfverfahren ausgeschlossen. Anders als etwa Filme, die sich auf die Kunstfreiheit beziehen konnten, bekamen die Spiele grundsätzlich keine Altersfreigabe. Selbst wenn sie eine antifaschistischen Haltung einnahmen oder sich aufklärerisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzten.

So war auch das Adventure-Game "Attentat 1942" von dieser Regelung betroffen. Es informiert spielerisch über die nationalsozialistische Besatzung der ehemaligen Tschechoslowakei. Die Entwickler setzten Zeitzeugen-Videos und gezeichnete Illustrationen ein. Dafür bekamen sie 2018 in Berlin den Videospielpreis "Amaze" verliehen. Kaufen können es deutschen Spieler jedoch nicht. Die Entwickler befürchteten bislang rechtliche Konsequenzen bei einer Veröffentlichung.

Elisabeth Secker, Geschäftsführerin der USK, sagte buten un binnen: "Am grundsätzlichen Verbot von verfassungswidrigen Kennzeichen ändert sich nichts. Die Veröffentlichung eines Hakenkreuzes bleibt weiterhin nur der Kunst, Wissenschaft und kritischen Aufarbeitung dieser Zeit vorbehalten."

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. August 2018, 23:20 Uhr