Fragen & Antworten

Warum junge Menschen die FDP als Alternative sehen – und die AfD nicht

Warum punkten FDP und Grüne bei den jungen Menschen?

Audio vom 28. September 2021
Junge Wähler und Wählerinnen warten vor einem Wahllokal
Bild: DPA | Sebastian Gollnow
Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Die Grünen liegen zwar vorne bei den jungen Wählern – dicht auf ist aber die FDP. Warum das nicht überraschend ist, erklärt der Bremer Politikwissenschaftler Andreas Klee.

Erstwähler und Erstwählerinnen – die setzen ihr Kreuz doch eh bei den Grünen. Diese Annahme hatten viele Menschen vor der Bundestagswahl – vor allem unter dem Eindruck der bundesweiten Klimastreiks, die am Freitag vor der Wahl stattgefunden haben. Auch in Bremen gingen tausende Menschen für den Klimaschutz auf die Straße.

Und während die Grünen nach Angaben von Infratest dimap bundesweit mit 23 Prozent der Stimmen bei den Erstwählern und jungen Wählern auch vorne lagen, ist ihnen eine Partei dich auf den Fersen: die FDP. Aber warum schneiden ausgerechnet die Liberalen so gut ab? Der Politikwissenschaftler Andreas Klee von der Universität Bremen ordnet die Situation ein.

Was für eine Erklärung gibt es dafür, dass die FDP bei den jungen Menschen so gut abschneidet?
Eine einfache Erklärung für die Wahlentscheidung gibt es laut Klee nicht. Schon 2017 sei deutlich geworden, dass viele junge Menschen die FDP wählen würden. "Sie hatte schon da einen relativ hohen Zuwachs", erklärt Klee. Die FDP sei für junge Menschen oft der Kontrapunkt zu den Grünen und den Linken.

Bei dieser Wahl besonders interessant sei, dass gerade die jungen Menschen die Spitzenkandidaten schwach bewerteten – weder Scholz noch Laschet konnte überzeugen und dementsprechend hätten sich viele umorientiert.

Jedoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die FDP junge Menschen auch mit Inhalten überzeugen konnte

Wenn ich kein Öko bin, was wähle ich dann? Die AfD disqualifiziert sich für aufgeklärte Menschen, bei der Linken ist es aus anderen Gründen ähnlich. Damit bleibt eigentlich nur noch die FDP.

Ein Mann mit Bart steht in einem Fernsehstudio
Andreas Klee, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen
War ein solches Ergebnis erwartbar oder kam es auch für Experten überraschend?
Wenn man vor der Wahl genauer darüber nachgedacht hätte, dann sei das Ergebnis für die FDP eigentlich erwartbar gewesen, so Klee. Jedoch habe auch er sich von den Eindrücken der Klimademos in der Vergangenheit und besonders am Freitag täuschen lassen. "Vielleicht war man da ein wenig verblendet und hat einen Grünen-Ruck erwartet – einige haben sicher auch drauf gehofft", sagt Klee. Doch damit würde man die Gruppe der jungen Wähler und Wählerinnen zu sehr homogenisieren.
Welche FDP-Themen sind bei den jungen Wählern und Wählerinnen gut angekommen?
Techniknähe, Modernisierung und Digitalisierung sowie der wirtschaftliche Aufschwung am Ende der Pandemie – diese Themen hat Klees Ansicht nach die FDP gerade für junge Leute gut besetzt. Aber auch das freiheitliche Denken im Kontrast zu den Corona-Maßnahmen hat die FDP immer wieder proklamiert – als einzige Partei neben der AfD. "Die Impfpflicht ist beispielsweise ein großes Tabu-Thema der FDP – Querdenker tendieren jedoch nicht dazu, diese Partei zu wählen", ordnet Klee ein.

Der FDP würden viele Menschen außerdem Technik-Affinität glauben, bei den Grünen sei das schon eher ambivalent. "Baerbock und Habeck geben sich sehr modern und pragmatisch, aber das Öko-Image mit Technikfeindlichkeit schwingt immer mit", sagt Klee. Dies habe junge Leute teilweise abgehalten, grün zu wählen.
Sollten FDP und Grüne das Wahlergebnis bei den Jüngeren als Signal dafür sehen, gemeinsam in die Regierung zugehen – und die sogenannte Ampel-Koalition auszuprobieren?
Unbedingt, sagt Klee mit Überzeugung. "Die FDP kann es sich nicht noch einmal leisten, mit guten Ergebnissen nicht in die Regierung zu gehen." 2017 sei der Verzicht ambivalent wahrgenommen worden, viele hätten Lindner für die Entscheidung "lieber nicht zu regieren, als schlecht zu regieren" Respekt gezollt. "Aber die Aktion lässt sich natürlich nicht beliebig wiederholen", so Klee.

Trotzdem müssten beide Seiten aufpassen, ihre Wähler und Wählerinnen nicht vor den Kopf zu stoßen – gerade bei der Verteilung der Ministerien erwartet Klee, dass es auch heftig werden wird. "Da gibt es natürlich schon echt Unterschiede, aber sie kriegen es schon hin und werden es machen" , sagt Klee abschließend.

Die Hoffnung auf Wandel und Veränderung liegt auf diesen beiden Parteien. Es wäre ein großer strategischer Fehler, diese Hoffnung zu enttäuschen. Denn die Alternative heißt eigentlich immer nur GroKo. Und damit hätte die FDP den Stempel: Nicht Königsmacher, sondern GroKo-Macher. Das würde sich bei der nächsten Wahl rächen, die Republik ist reif für was anderes als GroKo.

Andreas Klee, Politikwissenschaftler der Uni Bremen

Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 28. September 2021, 13:10 Uhr