Interview

Bremst Corona-Pandemie die Verkehrswende aus?

Autofahren erlebt coronabedingt gerade eine Renaissance. Warum Bremens Mobilitätssenatorin Maike Schaefer sich trotzdem keine Sorgen um die Verkehrswende macht.

Der Pop-up Radweg auf der Kantstraße in Berlin wird zum Parken genutzt, Radfahrende müssen ausweichen und sich in den fließenden Autoverkehr einreihen.
Schon wieder von Autos zugeparkt: Eine sogenannte Pop-Up-Bike-Lane, die Berlin gerade für Fahrradfahrer eingerichtet hat. Bild: Imago | Sabine Gudath

Wochenlang war es still auf Bremens Straßen. So langsam kommen die Autos zurück. Bremer Klimaschützer und Radfahrer sehen das mit Sorge. Sie fürchten, dass die Chance auf eine Verkehrswende in der Corona-Krise vertan wird.

Mehr Rad und mehr mit Bus und Bahn fahren – so war es in Bremen politisch eigentlich gewollt. Mindestens von den Grünen, zu denen auch Maike Schaefer gehört. Kommt die Verkehrswende unter die (Auto-)Räder? Fragen an Bremens Klimaschutz- und Mobilitätssenatorin:

Hätten Sie die Straßen gern noch länger oder dauerhaft leerer gehabt?
Man merkt, dass wieder mehr Autos unterwegs sind; ein Zeichen in Richtung von Normalität in Zeiten von Corona. Aber klar ist, dass wir bis 2030 eine autofreie Innenstadt wollen. Weniger Autos bedeuten weniger Lärm, weniger Abgase – also saubere Luft – und mehr Platz für die Menschen – also mehr Aufenthalts- und Wohnqualität.
Maike Schäfer blickt in die Kamera.
Setzt sich weiter für die Verkehrswende ein: Senatorin Maike Schaefer von den Grünen. Bild: Die Grünen, Landesverband Bremen
Die Straßen werden voller, in Bussen und Straßenbahnen sind aber noch weniger Passagiere als vor dem Lockdown. Wie lassen sich die Menschen aus ihren Autos wieder in öffentliche Verkehrsmittel locken?
Wir brauchen einen attraktiven ÖPNV. Die Menschen müssen wieder mehr Vertrauen haben. Das bedeutet Sauberkeit und Hygiene. Die BSAG hat ein gutes Konzept, das ständig aktualisiert wird. Es braucht auch mehr Sicherheit, Zuverlässigkeit und Erreichbarkeit.
Aus dem Grund wollen wir auch die Straßenbahnlinien 1 und 8 ausbauen, planen einen Straßenbahnlinie in die Überseestadt und die sogenannte Querspange Ost [Anm. d. Red.: eine Verbindung zwischen Vahr und Hastedt]. Außerdem kaufen wir gerade neue Straßenbahnen und auch neue E-Busse. Ganz wichtig sind auch günstige Tarife. Wir checken gerade, was für Bremen am besten passt – ein 365-Euro-Modell oder der ticketlose Bus- und Bahnverkehr.
Wie sehr befürchten Sie, dass durch die Corona-Pandemie und den Versuch, die wirtschaftlichen Folgen aufzufangen, Themen wie Klima- und Umweltschutz und eben auch die Verkehrswende in den Hintergrund rücken und schwieriger durch- und umzusetzen sind?
Ich glaube, Corona bremst die Verkehrswende nicht aus, sondern beschleunigt sie eher. Wir haben zwei extrem trockene Sommer hinter uns und auch jetzt merken wir schon, dass dieses Frühjahr extrem trocken ist. Der Klimawandel ist die größte globale Herausforderung, wir merken schon jetzt die Folgen. Wir können es uns nicht leisten nichts zu tun. Auch viele Bürger fordern, jetzt etwas für den Klimaschutz zu tun. Dazu gehört die Verkehrswende – und ich habe keine Sorge, dass das jetzt ins Hintertreffen gerät.

So hat sich der Radverkehr seit März entwickelt...

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... und so viele Autos und Lastwagen waren unterwegs

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Hat sich durch Corona etwas am Verkehrskonzept geändert? Soll zum Beispiel (noch) mehr für den Radverkehr getan werden? Müssen Autos bei zweispurigen Fahrbahnen die Hälfte an Räder abgeben, so wie es gerade andere Städte vormachen?
Corona hat gezeigt: Wir brauchen mehr Platz, um den vorgeschriebenen Abstand einzuhalten. Das gilt gerade auch für den Fuß- und den Radverkehr. Deswegen machen wir auch einiges. Zum einen gehen wir gegen das aufgesetzte Parken vor, weil die Menschen auch in Zeiten ohne Corona Platz auf den Bürgersteigen brauchen. Auf der anderen Seite planen wir gerade für Bremen Protected Bike Lanes [Anm. d. Red.: geschützte Fahrradstreifen]. Wir prüfen auch, ob wir eine Pop-up-Bike-Lane einrichten können. Wir sind als die beste Fahrrad-Großstadt in Deutschland gekürt worden. Mehr als ein Viertel der Bremerinnen und Bremer benutzen das Fahrrad jeden Tag als Hauptverkehrsmittel.
Was halten Sie von Prämien für Fahrräder und Bus- und Bahntickets statt Prämien für Autos?
Ich bin absolut gegen eine Abwrackprämie. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels ist es Wahnsinn auch noch die Leute zu belohnen, die ein neues Auto mit Verbrennungsmotor kaufen wollen. Wenn es eine Förderung vom Bund gibt, dann doch bitte fürs Fahrrad und den ÖPNV. Das kommt auch denen zugute, die kein Auto haben oder sich keins leisten können.
Auf dem Marktplatz stehen viele Fahrradfahrer mit ihren Rädern bei einer Demo zusammen.
Mehrere Hundert Klimaschützer und Radfahrer haben auf dem Marktplatz gegen eine Abwrackprämie für Autos demonstriert. Sie fordern, dass mehr für ÖPNV und Radverkehr getan wird.
Was soll eigentlich mit den Autos passieren? Wohin sollen die, wenn sie – so das Ziel der Verkehrswende – nicht mehr oder nicht mehr so oft genutzt werden? Schon jetzt nehmen sie ja viel Platz an den Straßenrändern weg.
Optimalerweise braucht man in Zukunft kein eigenes Auto mehr. Bremen hat gerade eine internationale Auszeichnung bekommen, weil wir jetzt schon Vorreiter im Carsharing sind. Ansonsten setzen wir zukünftig mehr auf Anwohner-Parkquartiere, das heißt Pendlerinnen und Pendler sollen vor allem Park & Ride nutzen.
Müssten nicht zuerst ÖPNV und Radfahren noch deutlich attraktiver werden und erst dann der Pkw-Verkehr zurückgedrängt und beschränkt werden? Erst dann, wenn die Alternativen bequemer und besser als das Auto sind?
Wir müssen an attraktiven Alternativen arbeiten, wenn wir den Pkw-Verkehr reduzieren wollen. Wir brauchen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis beim ÖPNV und eine gute Erreichbarkeit der Innenstadt. Und wir brauchen einen attraktiven Radverkehr. Deshalb planen wir drei neue Fuß- und Radbrücken über die Weser und arbeiten weiter an den Rad-Premiumrouten.
Der ADFC wünscht sich mehr Mut von Ihnen, in dieser Krise die Verkehrswende schneller voranzutreiben. Fehlt Ihnen der Mut?
Wir sind schon ziemlich gut, aber wir wollen natürlich noch besser werden. Wir machen schon viel für den Fahrradverkehr und wir wollen noch mehr machen. Insofern, glaube ich, gibt es da keinen Grund zur Beschwerde.

Die Zukunft der BSAG: Das ist im Bremer Nahverkehr geplant

Video vom 25. Januar 2020
Ein mögliches zukünftiges Modell einer Straßenbahn der BSAG auf höhe des Rathauses.
Bild: BSAG

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Autor

  • Sven Weingärtner

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. Juni 2020, 19:30 Uhr