5 Jahre nach Brexit-Votum: So geht's Bremer Unternehmen wirklich damit

Eine Britische Fahne weht in London vor dem berühmten Uhrturm Big Ben
Bild: DPA | Michael Kappeler
Bild: DPA | Michael Kappeler

Großbritannien verlässt die EU: Dieses Votum sorgte vor fünf Jahren in der Bremer Wirtschaft für Besorgnis. Wir haben nachgefragt, wie groß die Auswirkungen sind.

Vor fünf Jahren, am 23. Juni 2016, entschied sich Großbritannien in einem Referendum die EU zu verlassen. Auf den angekündigten Brexit folgten Jahre der Unsicherheit, besonders in Bezug auf die künftigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU. Auch Unternehmen in Bremen machten sich Sorgen um den eigentlich regen Handel mit Großbritannien.

Wie wirkt sich der Brexit in Bremen aus?
Viele Firmen in Bremen pflegen seit vielen Jahren sehr enge Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich. Daran hat der Brexit zunächst nichts geändert: Laut Bremer Wirtschaftsförderung haben aktuell knapp 50 Unternehmen Niederlassungen in Großbritannien, insgesamt 300 pflegen enge Geschäftskontakte dorthin. Damit ist Großbritannien der drittwichtigste Handelspartner in Bremen. Das wird aus Sicht von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) auch so bleiben: "Wenn man sich die Handelsstatistik anguckt, dann sieht man weiterhin die Bedeutung der Beziehungen zwischen dem Bundesland Bremen und dem Vereinigten Königreich."
Trotzdem wirkt sich der Brexit auf diese engen Beziehungen aus: Das sogenannte Exportvolumen zwischen Bremen und Großbritannien ist von knapp 2,5 Milliarden Euro in 2016 auf knapp eine Milliarde in 2020 gesunken. Gleichzeitig werden aber mehr Waren aus dem Vereinigten Königreich importiert, womit das gesamte Wirtschaftsvolumen zwischen Bremen und Großbritannien stabil bei knapp 2,5 Milliarden Euro liegt.
Was hat sich für die Bremer Unternehmen geändert?
Mit der Austrittsentscheidung in 2016 haben viele Bremer Firmen um ihre Standorte in Großbritannien gebangt. Denn mit einem drohenden No-Deal-Brexit und dem Ende der Freihandelszone standen nicht nur künftige Warenlieferung, sondern auch die Ein- und Ausreise von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der EU auf dem Spiel. Bisher haben sich die großen Horrorszenarien nicht bewahrheitet: Laut eine Umfrage der Handelskammer aus dem Jahr 2020 fühlte sich die Hälfte der Unternehmen gut auf den Brexit vorbereitet, drei Viertel konnten weiterhin uneingeschränkt ihre Geschäftsbeziehungen pflegen.
Das war allerdings vor dem formalen Austritt im Januar 2021. "Insgesamt klagen die Unternehmen über die Zollkontrollen und Zollanmeldungen. Also: mehr Bürokratie, Handelshemmnisse entstehen", sagt Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt. Ein großes Problem sei weiterhin die Frage der Arbeitnehmerentsendung, weil die mit dem formalen EU-Austritt der Briten noch einmal Fahrt aufgenommen hat. Das sagt auch ein Sprecher des Flugzeugbauers Airbus: Der Fokus des Unternehmens liege aktuell darauf, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch Warensendungen möglichst problemlos über die Grenze zu bekommen. Insgesamt habe der Brexit die internationale Zusammenarbeit nur minimal beeinflusst; das sagen auch andere Firmen wie das Luft- und Raumfahrtunternehmen OHB.
Welche Branchen in Bremen sind besonders vom Brexit betroffen?
Jeder dritte Arbeitsplatz in Bremen gehört zur Handels- oder Logistikbranche. Und die trifft der Brexit besonders hart: Schon im Januar hat man erste Bilder von langen Lkw-Schlangen an der Grenze zwischen Großbritannien und der EU gesehen. Da liegt die größte Schwierigkeit für den Logistiksektor: Jede Warteminute kostet Geld, gerade wenn verderbliche Ware geladen ist.
Die Bremer Automobilbranche hat vor dem Brexit knapp zwei Drittel ihrer Produkte nach Großbritannien exportiert; wie sich die neuen Handelsbeziehungen auswirken, ist noch unklar.
Besonders kritisch ist der Brexit für die Fischerei-Branche: Bis zuletzt gab es Streit zwischen Großbritannien und der EU, wie die Fangquoten in den verschiedenen Gebieten der Nordsee aussehen. Das heißt: Wie viel Fisch jedes Land in den Hoheitsgebieten der EU und des Vereinigten Königreichs fischen darf. Mit dem neuen Handelsabkommen, das in diesem Jahr dann noch geschlossen wurde, gilt erstmal eine Übergangsregel von fünf Jahren. Damit sind zumindest vorübergehend Fangquoten festgelegt. Das trifft auch Bremen: In Bremerhaven sind Unternehmen wie der Tiefkühlanbieter-Frosta ansässig. Der Nordseelachs, den die Firma verarbeitet, wurde bisher in britischen Gewässern gefischt. Die Fischer sorgen sich deshalb, wie es nach der Übergangsregel weitergeht und ob die Fangquoten nicht doch noch runtergesetzt werden.
Laut Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt gibt es noch einen weiteren Bereich, über den bisher wenig diskutiert wurde: "Der Brexit ist ein Problem für den Ausbau der Offshore Industrie. Da sitzt das Vereinigte Königreich aktuell nicht mehr mit am Tisch, das ist ein Problem, wenn wir die Ausbauziele erreichen wollen." So sei auch bei der Wartung der Anlagen in bestimmten Gebieten schlichtweg nicht geklärt, wie die Menschen ohne die EU-Bewegungsfreiheit dorthin kommen.

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Autorin

  • Lisa-Maria Röhling Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Mittag, 23. Juni 2021, 13:10 Uhr