Infografik

Bremer Handel: Lage bessert sich – aber nicht wegen der Steuersenkung

Der Bremer Handel setzt seit der Mehrwertsteuersenkung im Juli mehr um. Doch das habe nichts mit der Steuer zu tun, sondern mit der Stimmung, sagen Händler.

Video vom 1. Oktober 2020
Die leeren Gänge des Einkaufszentrums Weserpark.
Bild: Radio Bremen

Viele Einzelhändler im Land Bremen seien auf dem besten Weg, sich vom Corona-Lockdown aus dem Frühjahr zu erholen, sagt Karsten Nowak, Geschäftsführer der Handelskammer Bremen. "Es tut sich wieder was", stellt er fest.

Die Kunden diskutierten nicht mehr so viel über die Maskenpflicht. Sie seien in die Geschäfte zurückgekehrt und hielten sich im Großen und Ganzen darüber hinaus an die neuen Regeln, ohne zu meckern. Mit der Mehrwertsteuersenkung, die seit Juli in Deutschland greift, habe der Aufschwung im Handel aber nichts zu tun, ist sich Nowak sicher und fügt hinzu: "Wenn das eine große Wirkung entfalten würde, hätten wir das mitbekommen."

Statt 19, ermäßigt 7 Prozent, zahlen Verbraucherinnen und Verbraucher bundesweit seit dem ersten Juli bis zum 31. Dezember dieses Jahres nur 16 beziehungsweise 5 Prozent Mehrwertsteuer auf alles, was sie kaufen. Auf diese Weise möchte die Bundesregierung die Bevölkerung zum Konsum ermuntern und so dem Handel helfen. Die sechsmonatige Senkung der Mehrwertsteuer ist eine von vielen Maßnahmen aus dem rund 150 Milliarden schweren Konjunkturpaket, mit dessen Hilfe der Bund die Wirtschaft in der Corona-Pandemie unterstützen möchte. Steuereinnahmen von rund 20 Milliarden Euro gehen dem Bund dadurch dieses Jahr verloren – Geld, das das Finanzministerium anderweitig sinnvoller hätte einsetzen können, wie sogar Handelsverbände kritisieren.

Umsatzentwicklung im Bremer Einzelhandel (ohne Kfz)

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Den stichprobenartig erhobenen Zahlen des Statistischen Landesamts Bremen zufolge hat der Handel im Land Bremen zwar gleich nach der Umsatzsteuerumstellung, also von Juni auf Juli, um gute 6 Prozent zugelegt. Dass dieser Zuwachs aber tatsächlich auf die Mehrwertsteuersenkung zurückzuführen ist, glaubt Handelskammer-Geschäftsführer Karsten Nowak ebenso wenig wie Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordwest.

"Deutschland war im Juli auf einem guten Weg. Die Situation aufgrund von Corona war nicht so dramatisch wie in anderen Ländern", sagt König. Das habe zu einem vergleichsweise guten Konsumklima, zu einer guten Verbraucherstimmung geführt, die auch weiterhin zu beobachten sei. Die seit Mitte Juli leicht gesenkte Mehrwertsteuer unterstütze den Handel bestenfalls geringfügig. Die meisten Händlerinnen und Händler ärgerten sich eher über die auf sechs Monate befristete Steuersenkung: "Die müssen einen enormen Aufwand betreiben, um zum Beispiel ihre Kassensysteme umzustellen", so König.

Zwar nutzten viele der Händler, die die Steuersenkung tatsächlich an die Kunden weitergäben, den reduzierten Mehrwertsteuersatz gern zu Werbezwecken. Deutlich stärkere Kaufanreize aber könne der Handel beispielsweise mit hohen Rabatten schaffen.

Rabatte in zweistelliger Höhe reizen den Kunden natürlich viel stärker als die drei Prozent wegen der Mehrwertsteuer.

Portrait des Einzelhandelsverbands Niedersachen Bremen-Hauptgeschäftsführers Jan König
Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordwest

Andere Sorgen als die Mehrwertsteuer

Entsprechend kreisten die Gespräche unter Händlern derzeit um ganz andere Themen als um die Mehrwertsteuer. So hätten sich zwar viele Geschäfte erholt, es gebe aber leider auch Verlierer im Handel: "Juwelieren, Schuh- und Textilgeschäften ist viel weggebrochen", sagt König. Dabei denke er insbesondere an die Frühjahrskollektionen, auf denen die Händler infolge des Lockdowns sitzen geblieben seien. Und da immer noch kaum Feiern stattfänden, zu denen sich die Leute schick machen müssten, sei es weiterhin schwierig, schöne Kleider oder Anzüge zu verkaufen.

Online-Handel Gewinner der Coronakrise

Als Gewinner der Coronakrise hat der Handelsverband dagegen den Online-Handel ausgemacht. So rechnet der Handelsverband Deutschland für dieses Jahr bundesweit mit einem Umsatzplus von 1,5 Prozent im Einzelhandel ohne Kraftfahrzeuge. Das entspräche einem Gesamtumsatz von 551,8 Milliarden Euro, von denen etwa 68 Milliarden auf das Online-Geschäft entfielen: 14,8 Prozent mehr als voriges Jahr. Für den stationären Handel sagt der Dachverband dagegen einen Umsatz-Rückgang um 0,1 Prozent voraus. "In Bremen dürften die Verhältnisse ähnlich sein", sagt König zu diesen Zahlen.

Umso mehr stelle sich der stationäre Handel derzeit die Frage: "Wie geht es nächstes Jahr mit Corona weiter?" Denn einig sei man sich darüber, dass der Fortgang der Pandemie mitentscheidend für die Zukunft des stationären Handels werde und auch für die Frage, in welchem Tempo der Online-Handel weitere Marktanteile gewinnt.

Dass die Mehrwertsteuersätze mit dem neuen Jahr wieder auf das alte Niveau steigen werden, sei aus Sicht der meisten Händler eher eine lästige Randerscheinung, so König.

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Oktober, 19.30 Uhr