Interview

Was Menschen mit schweren Behinderungen in Bremen derzeit durchleben

Menschen, die viel Hilfe brauchen, trifft die Pandemie besonders hart, sagt Bremens Landesbehindertenbeauftragter. Er erklärt, was wir besser machen können.

Ein Ausbilder zweigt einem Auszubildenden ein Bauteil in einer Behindertenwerkstatt.
Die Chance auf Arbeit ist aus Sicht des Landesbehindertenbeauftragten für viele Schwerbehinderte dieser Tage besonders wichtig, um der Isolation zu entgehen. Bild: DPA | Jan Woitas

In der Corona-Pandemie zeige sich, dass wir noch keine inklusive Gesellschaft sind, kritisiert Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein zum aktuellen Umgang mit der Coronavirus-Pandemie. Er findet, dass sich die Gesellschaft stärker an der UN-Behindertenrechtskonvention orientieren müsse. Die gleichberechtigte Teilhabe aller stehe dabei an vorderster Stelle, auch in Zeiten der Seuche.

Sie fordern, dass einige schwerbehinderte und chronisch kranke Menschen in die erste Impfgruppe aufgenommen werden. Dabei berufen Sie sich auf eine Empfehlung der Impfkommission vom 14. Januar. Was ist der Hintergrund?
Es ist zweifelsfrei richtig, dass man aufgrund der knappen Verfügbarkeit beim Impfstoff priorisiert. Dass alte Menschen und Beschäftigte aus dem Pflegesystem zuerst geimpft werden, ist auch nachvollziehbar. Es ergibt sich aus den Risiken, denen diese Menschen durch das Virus ausgesetzt sind.
Aber: Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen haben auch ein hohes Risiko, an Corona zu erkranken. Die Krankheit kann bei ihnen schwer oder sogar tödlich verlaufen. Genau solche Fälle meint die Impfkommission. Dafür muss unsere Impfverordnung eine Öffnungsklausel erhalten.
Für wen konkret fordern Sie solche Einzelfalllösungen?
Ich denke zum Beispiel an Menschen, die aufgrund einer Muskelerkrankung beatmet werden müssen. Wenn diese Menschen in keiner Einrichtung leben, dann kommen sie erst an die Reihe, wenn alle anderen auch drankommen. Das finde ich problematisch. Für diese Menschen muss schnell eine Lösung her. Dafür brauchen wir die Öffnungsklausel.
Sie fordern auch, dass man bereits vor dem Impftermin die Möglichkeit haben müsste, anzugeben, ob man Unterstützung braucht. Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Man bräuchte bei der Terminvergabe lediglich ein weiteres Feld einzufügen. Da könnte man dann fragen, ob beispielsweise ein Gebärdensprachen-Dolmetscher gewünscht wird. Oder ob eine Unterstützungskraft gebraucht wird, weil man in seiner Mobilität eingeschränkt ist. Gäbe es die Möglichkeit, diese Dinge bei der Terminvergabe gleich anzugeben, dann könnten die Kräfte vor Ort viel besser reagieren.
In Ihrer "Stellungnahme zum aktuellen Umgang mit der Coronavirus-Pandemie" fordern Sie nicht nur Nachbesserungen bei der Impfstrategie Bremens. Sie erheben darin auch "Forderungen für selbstbestimmtes Leben in der Pandemie". So weisen Sie darauf hin, dass es auch Menschen gibt, die aus medizinischen Gründen keine Masken tragen dürfen. Diese Leute haben einen sehr schweren Stand. Wer keine Maske trägt, wird an manchen Orten schnell scharf attackiert, auch wenn er vielleicht ein ärztliches Attest mit sich führt. Wie ließe sich das Problem lösen?
Das ist eine Frage, die uns seit Beginn der Pandemie intensiv beschäftigt. Uns haben ganz viele Beschwerden von Menschen erreicht, die aus ganz unterschiedlichen Gründen keine Maske tragen können. Das hat zu vielen Diskriminierungen im Alltag geführt.
Können Sie ein paar Beispiele für Personen anführen, die keine Masken tragen dürfen?
Das sind ganz unterschiedliche Menschen. Darunter welche mit Lungenerkrankungen, aber auch Menschen mit Herzerkrankungen und auch welche mit psychischen Beeinträchtigungen. Inzwischen hat sich die Debatte ein bisschen verlagert. Denn auch Atteste werden nicht mehr überall anerkannt.
Wie könnte man das Problem lösen?
Ich glaube, dass einfach zu viele unterschiedliche Atteste im Umlauf sind, die zum Teil nicht für jeden glaubwürdig sind. Daher habe ich schon im Herbst vorgeschlagen, dass man das Verfahren vereinheitlichen und zu amtlich beglaubigten Attesten kommen sollte. Diese Atteste müssen einen öffentlichen Charakter haben. Man könnte das unter Beteiligung der Ärzte bei den Versorgungsämtern ansiedeln, die ja auch die Schwerbehindertenausweise ausstellen.
Eine Frau impft einen Mann im Rollstuhl, eine weitere Frau Hält ihm die Hand.
Für viele schwerbehinderte Menschen ist das Coronavirus besonders gefährlich. Arne Frankenstein möchte, dass Bremen die Betroffenen beim Impfen vorzieht. Bild: DPA | ANP | Sander Koning
Nur: Wer sich derzeit ohne Maske beispielsweise in den Hauptbahnhof begibt, wird doch wahrscheinlich sofort von allen möglichen Passanten angegangen. Da wäre es kaum praktikabel, ein seitenlanges Attest hervorzukramen. Wäre hier nicht ein klares Erkennungszeichen, vergleichbar mit einem Blindenstock, vonnöten?
Ich glaube, man braucht letzten Endes einen einfachen, auch einfach vorzeigbaren, anerkannten Ausweis. Eine symbolhafte Kennzeichnung halte ich nicht für glücklich. Das könnten einige Betroffene auch als stigmatisierend empfinden. Wir haben mit Schwerbehindertenausweisen durchaus gute Erfahrungen gemacht. Daran sollte man anknüpfen.
Welche schwerbehinderten und chronisch kranken Menschen trifft die Pandemie besonders hart?
Ich glaube, dass gerade die Menschen, die besonders hohe Unterstützungsbedarfe haben, auch diejenigen sind, die besonders hart von der Krise betroffen sind. Etwa die, die in Wohneinrichtungen leben und in Werkstätten oder Tagesförderstätten arbeiten. Denn diese Menschen mussten von Beginn an mit scharfen Besuchseinschränkungen in den Einrichtungen fertig werden. Gleichzeitig waren die Angebote in den Werkstätten und Tagesförderstätten anfangs deutlich reduziert, sind nur langsam stufenweise wieder hochgefahren worden.
Aber diejenigen, die einen sehr, sehr hohen Unterstützungsbedarf haben und sich an die Hygieneregeln nicht halten können, die sind immer noch weitgehend auf sich selbst zurückgeworfen. Für sie wirkt sich die Isolation besonders massiv aus, da auch Gruppenausflüge nicht stattfinden.
Welches strukturelle Defizit in Bremen tritt in der Pandemie außerdem besonders deutlich zu Tage?
Wenn man sich das Zusammenspiel von Isolation und Wohnsituation anguckt, dann wird klar: Wir brauchen in Bremen viel mehr kleinere und dezentrale Wohnangebote für Menschen mit Behinderungen in den Quartieren. Menschen, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben, die kognitive Beeinträchtigungen haben, brauchen Wahlmöglichkeiten. Sie müssen auch sagen können: Wir wollen nicht in eine Einrichtung! Wir wollen im Quartier mit Unterstützungsangeboten leben. Aber dafür brauchen wir ein viel breiteres Angebot auch an kleineren Wohnungen, für die man Unterstützung quasi einkaufen kann. Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Entwicklungsaufträge an die Politik, dessen Bedeutung in der aktuellen Situation besonders deutlich wird.

Vernachlässigt Bremen in der Corona-Krise Menschen mit Behinderung?

Video vom 27. Mai 2020
Der Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein ist mittels einer Schalte im Studio von buten un binnen zu sehen, daneben steht Moderator Jaons Kereszti.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Januar 2021, 19:30 Uhr