Volksbank und Sparkasse: Die nächste Schließungswelle rollt

Die Banken machen immer mehr Standorte in Bremerhaven und im Kreis Cuxhaven dicht. Ortschaften sind abgekoppelt. Ein Bürgermeister sagt jetzt: Wechselt die Bank!

Kunde an einem Bankschalter

Ralf Wolter ist sauer: "Ich hätte schon erwartet, dass man auf die Bedürfnisse und Belange der Bürger eingeht." Wolter ist in der SPD, und er ist Bürgermeister von Sellstedt im Landkreis Cuxhaven. Sein 2.000-Einwohner-Ort wird demnächst komplett abgekoppelt vom Banken-Netz sein.

Schon 2016 hatte die Volksbank Bremerhaven-Cuxland Sellstedt verlassen. Auch die Weser-Elbe-Sparkasse (Wespa) hatte die Filiale des Ortes geschlossen und durch einen wöchentlich anrollenden Sparkassen-Bus ersetzt. 2019 soll auch dieser Service wegfallen: Sellstedt verschwindet von der Banken-Karte.

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Orange Pins = Sparkasse (Wespa), blaue Pins = Volksbank

Seit 2015 schließen immer mehr Geschäftsstellen

So geht es seit ein paar Jahren vielen Orten im Kreis Cuxhaven und Bremerhaven. Von 2015 bis 2020 wird die Volksbank 15 Geschäftsstellen geschlossen haben, die Wespa 14. In den Orten stehen nicht einmal mehr Geldautomaten. Weitere Orte verlieren ihre Filialen und bekommen dann nur noch Besuch vom Bus.

30 Filialen hat die Volksbank in Bremerhaven und dem Cuxland heute noch. Zum 1. Januar 2019 werden es elf weniger sein. Der Hauptgrund ist die stark zurückgegangene Frequenz an diesen Standorten, wie Frank Koschuth, Vorstand der Volksbank Bremerhaven-Cuxland, sagt. "Es handelt sich um Orte, wo die Infrastruktur schon sehr gering ist, teilweise sind wir dort nur noch als einzige Institution vor Ort." Und weil die Kunden viele ihrer Erledigungen in den nächstgrößeren Orten machen würden, würden sie auch ihre Geldgeschäfte dort erledigen, ist Koschuth überzeugt.

"Wir müssen nun 10 bis 20 Kilometer fahren"

Eine Kundin in einer Bank
Edelgard Jauczius findet es traurig, dass es in ihrem Dorf immer weniger Infrastruktur gibt.

Nicht alle Kunden sehen das auch so. "Tja, dann muss ich mit meinen Kindern nach Bremerhaven fahren", sagt Inge Kobbenbring, eine betagtere Kundin in der Volksbank-Filiale Dedesdorf: "Hier kann man schnell hinlaufen und alles erledigen, das finde ich gut." Und überhaupt: Man sei mit allen per Du. Kundin Edelgard Jauczius gibt ihr Recht: "Wir haben hier viele Leute, die nicht selbst eine Überweisung ausfüllen können, da waren die Angestellten immer sehr hilfsbereit. Wenn wir jetzt immer nach Bremerhaven müssen, ist das sehr umständlich", erzählt sie. Die Infrastruktur sei ohnehin fast verschwunden:

Wir müssen alles in den Nachbarorten erledigen, das sind immer 10 bis 20 Kilometer Entfernung. Wir haben keine Post mehr, keinen Kaufmann – es ist ganz traurig.

Edelgard Jauczius, Kundin

Ersparnisse von bis zu einer Million jährlich

Den Ärger der Kunden, versichert Volksbank-Vorstand Koschuth, könne er verstehen. "Aber wir sind nun mal ein Wirtschaftsbetrieb." Er schiebt Zahlen hinterher: 650.000 Euro im Jahr könne die Volksbank mit den Schließungen jährlich sparen – allein der Betrieb eines Geldautomaten koste 20.000 Euro im Jahr. Die Wespa rechnet bei den nun angekündigten Schließungen gar mit einer Ersparnis von einer Million jährlich. Ein Interview wollte die Weser-Elbe-Sparkasse aber nicht geben, auch Fragen von buten un binnen zu Einsparungen und der künftigen Versorgung beantwortete sie nicht.

Wir sind nun mal ein Wirtschaftsbetrieb.

Frank Koschuth, Vorstand Volksbank Bremerhaven-Cuxland
Ein Mann vor einem Sparkassen-Schild
"Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb", sagt Volksbank-Vorstand Frank Koschuth.

Per Zeitungs-Anzeige ließ sie wissen, dass die Versorgung in ihrem Geschäftsgebiet sichergestellt sei: mit einer Karte, auf dem Geldautomaten beider Institute verzeichnet sind, die fortan auch Kunden beider Institute ohne Zusatzkosten nutzen können. Die weggefallenen Standorte sind auf der Karte natürlich nicht mehr verzeichnet. So wie Sellstedt.

Bürgermeister: Man kann die Bank auch wechseln

Volksbank Dedesdorf
Sellstedts Bürgermeister Rolf Wolter ist enttäuscht vom Rückzug der Banken.

Nur eine Möglichkeit bleibt den Kunden in Sellstedt, an Bargeld zu kommen: per Post, als Einschreiben – und gegen Extra-Gebühr. Bürgermeister Rolf Wolter hat eine andere Vorstellungen von öffentlich-rechtlichen Sparkassen und genossenschaftlichen Volksbanken; er sieht sie eben nicht als reine Wirtschaftsbetriebe: "Ich hätte schon erwartet, dass die Volksbank die Bank des Volkes ist." Bei der Sparkasse habe er über Politiker versucht, Einfluss zu nehmen: "Das hat auch keinen Erfolg gehabt. Das ist besonders bedauerlich, wenn man sieht, dass der Verwaltungsrat aus lauter Politikern aus dem Landkreis und aus Bremerhaven besteht", sagt Wolter: "Die müssten doch auch ein Interesse an einer gesunden Infrastruktur haben."

Einen Hinweis kann Wolter sich nicht verkneifen: "Wenn der Dienst am Kunden nicht mehr gewährleistet ist, kann man nach Alternativen suchen. Denn so unterscheiden sich die beiden Banken ja auch nicht mehr von Online-Direktbanken."

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Dezember 2018, 19.30 Uhr