Streit um autoarme City? Was in Hamburg besser läuft als in Bremen

Video vom 24. September 2021
Jungfernstieg in Hamburg
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Der Jungfernstieg in Hamburg ist weitgehend autofrei. Auch dort gab es zunächst Gegenwind. Mobilitätssenator Tjarks setzte auf Dialog – auch mit der Handelskammer.

Seit Monaten wird in Bremen hitzig über das Vorhaben diskutiert, die Innenstadt autofrei oder zumindest autoarm zu bekommen. Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne) setzt ihren Fokus auf das Wohl der Fußgänger und Radfahrer. Dafür wurde die Straße Am Wall streckenweise für Autos zur Einbahnstraße und die Martinistraße durchläuft mehrere Testphasen, damit auch dort eines Tages der Autoverkehr so weit wie möglich verbannt werden kann. Doch die Maßnahmen rufen viele Kritiker auf den Plan, allen voran die Handelskammer. Dort hält man wenig von der Herangehensweise der Senatorin.

Ob München, Hannover, Paris, Zürich oder Wien – das Thema "Autofreie Innenstadt" steht in vielen Behörden ganz oben auf der politischen Agenda. Auch in Hamburg. So wurde dort im Oktober 2020 der Jungfernstieg für Privat-Autos gesperrt. Nur noch Busse, Taxis und in Randzeiten auch der Lieferverkehr dürfen die Straße an der Binnenalster nutzen. Hamburgs Mobilitätssenator Anjes Tjarks (Grüne) wollte ein Zeichen setzen und drang auf die Sperrung der Straße für den Individualverkehr. Zwar gab es auch in Hamburg Gegenwind seitens der dortigen Handelskammer. Doch der konstruktive Dialog sei nie abgebrochen, so Tjarks.

Ich bemühe mich auf jeden Fall sehr darum und ich glaube auch, dass das durchaus Früchte trägt.

Anjes Tjarks (Grüne), Mobilitätssenator
Hamburgs Mobilitätssenator Anjes Tjarks
Hamburgs Mobilitätssenator Anjes Tjarks (Grüne). Bild: Radio Bremen

Man habe so ein Verkehrskonzept verabreden können, erklärt der Senator. Darin seien klare Leitlinien definiert. Demnach wolle man in Hamburg zwar keine gänzlich autofreie, wohl aber eine autoarme Innenstadt. "Wir müssen viel reden und wir haben auch ganz viel geredet", so Tjarks. Und dabei habe man die Handelskammer eingebunden und einen Schulterschluss hinbekommen. Das Ergebnis ist, dass man nun am Jungfernstieg in einer provisorischen Maßnahme den Autoverkehr herausgenommen habe. Der Senator spricht von einem ersten Schritt. Im zweiten Schritt erfolgt der eigentliche Umbau, nach dem Prozess einer inzwischen angelaufenen Bürgerbeteiligung. Dennoch hat auch Tjarks nach eigenen Angaben die Erfahrung gemacht, dass es letztlich auch immer Menschen gibt, die im Grundsatz dagegen sind und behaupten, es gebe keinen Dialog.

Handelskammer: "Wir fühlen uns gehört"

Die Handelskammer Hamburg hat immer Wert darauf gelegt, dass "autofrei" kein Selbstzweck sein dürfe. Das tut sie immer noch. In diesem Sinne setze man sich für die Anliegen des Handels in der Innenstadt ein, meint Jan-Oliver Siebrand, der Leiter des Geschäftsbereich Nachhaltigkeit und Mobilität bei der Handelskammer. Ganz ohne Individualverkehr ist eine funktionierende Innenstadt kaum vorstellbar, so die Sicht der Kammer. Wichtig sei, das man mit der Politik Argumente austauschen könne, auch wenn man unterschiedlicher Meinung sei.

Wir pflegen hier in dieser Stadt einen guten Dialog und da fühlen wir uns auch immer gehört – auch wenn die Ergebnisse manchmal Kompromisse darstellen.

Jan-Oliver Siebrand, Handelskammer Hamburg

Die Differenzen zwischen Bremer Handelskammer und Bremer Mobilitätssenatorin will und kann Siebrand aus der Distanz verständlicherweise nicht beurteilen. Grundsätzlich müsse man immer im Gespräch bleiben und "die Bedürfnisse der Kaufleute und der Unternehmen in der Stadt sehr ernst nehmen". Denn am Ende brauche es eine Lösung, mit der alle gut leben können, so Siebrand.

Bitte keine Planungs-Endlos-Schleife

Eine Ladenbesitzern steht in ihren Modegeschäft und sortiert Ware.
Verena Weinkath betreibt einen Modeladen am Jungfernstieg. Bild: Radio Bremen

Ähnlich wie momentan bei einigen Bremer Einzelhändlern am Wall und in der Martinistraße, trieb die Sperrung des Jungfernstiegs für Privat-Pkw auch Hamburger Geschäftsinhabern zunächst die Sorgenfalten auf die Stirn. Doch nach einem Jahr hat die anfängliche Skepsis bei einigen Händlern offenbar merklich nachgelassen. Verena Weinkath betreibt einen Laden für Damenmode. Sie meint, es sei nicht mehr zeitgemäß, den Autos so viel Raum beizumessen. "Wir haben eine gute und kurzgetaktete Verkehrsanbindung mit U-, S-Bahnen und Bussen. Man kann also unproblematisch in die Stadt kommen ohne das Auto." Dennoch sei es natürlich wichtig, dass auch Menschen von außerhalb Hamburgs irgendwo parken können. Das müsse gewährleistet sein, meint sie. Im Grundsatz aber befürwortet Weinkath die Entwicklung hin zu autofreien und autoarmen Innenstädten: "Ich kann die Sorge vor der Veränderung erst mal verstehen, aber: Es ist eben auch eine Chance!"

Sie hält es auch für richtig, dass Hamburgs Mobilitätssenator die Sperrung der Straße schnell umgesetzt habe und auf langwierige Verkehrsführungstests verzichtet hat. In der Bremer Martinistraße laufen eben solche Tests seit mehreren Monaten.

Dann wird für den Test wieder ein Umbau gemacht, dann gibt es wieder eine Baustelle und man fragt sich: Ist das jetzt final oder ist das noch ein Test? Bei einer Planungs-Endlos-Schleife ist irgendwann die Luft raus.

Verena Weinkath, Ladenbesitzerin

Konkrete Veränderungen innerhalb einer Legislatur

Mobilitätssenator Tjarks weiß, dass noch einiges zu tun ist. Immer wieder fahren meist auswärtige Autofahrer auf den Jungfernstieg – die Polizei kontrolliert daher vermehrt. Die Sperrung hält er für einen erfolgreichen ersten Schritt.

Es ist hier deutlich leiser geworden und es ist angenehmer, sich hier aufzuhalten. Im zweiten Schritt machen wir dann den kompletten Umbau.

Anjes Tjarks (Grüne), Mobilitätssenator

Der Bürgerbeteiligungsprozess hierfür läuft bereits. Bis zum Jahr 2023 sollen die baulichen Veränderungen dann umgesetzt sein – noch vor der nächsten Bürgerschaftswahl in Hamburg.

Nächste Testphase der Bremer Martinistraße beginnt holprig

Video vom 13. September 2021
Ein Einbahnstraßenschild an der Martinistraße.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Immo Maus Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. September 2021, 19:30 Uhr